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Interview mit Chris Dercon : Unser Theater soll eine Schule des Befremdens sein

Marietta Piekenbrock: Wir haben uns zu Beginn in den Gesprächen mit den Künstlern die Frage gestellt: Gibt es in zwanzig Jahren überhaupt noch diese Art der Spartenhäuser? Ein Haus für die Oper, ein Haus für das Theater, ein Museum für die bildende Kunst, für die Philharmonie, ein Kino für den Film? Es sind nicht unbedingt immer die Festivalleiter oder Kuratoren, die dafür sorgen, dass das Museum tanzt, der Tanz spricht, das Schauspiel sich auf der Leinwand verdoppelt oder das Kino den Bühnenraum betritt. Das sind alles Formen, mit denen die Künstler offenbar etwas vorbereiten, von dem wir noch gar nicht wissen, was das in Zukunft sein wird. Vielleicht eine Metastruktur, der Superapparat, der alle Formen in sich aufnimmt und transzendiert. Das hat in unserer Programmplanung eine große Rolle gespielt. Das heißt nicht, dass alles notwendig immer in einem Œuvre zusammenkommt. Die Volksbühne wird unter unserer Leitung ein Haus sein, das all diese Rezeptionsformen empfangen und vor allem auch produzieren kann. Mit ihren berühmten Werkstätten bildet sie ein Biotop, das eine Traumfabrik für Künstler sein wird, die hierherkommen. Es soll ein utopischer Ort werden, an dem die Künstler realisieren können, was sie sich einfallen lassen. Hier gibt es Werkstätten, Probenräume, Ingenieure, die Dinge erfinden können. Da ist eine ganze Infrastruktur an Gewerken. Wenn sie wollten, könnten die Künstler hier sogar Ritterspiele inszenieren.

Ritterspiele in der Volksbühne – darauf freuen wir uns...

Piekenbrock: Wir wollen die Volksbühne nicht wie ein Museum und auch nicht wie ein Festival programmieren, sondern als eine Art Stadttheater ohne Grenzen, das sich in Berlin sehr stark verankert und vor allem Künstler aus Berlin, aber auch nach Berlin einladen möchte, hier zu arbeiten. Es gibt so viele Künstler, die aus verschiedenen Gründen hierhergekommen oder geflohen sind, großartige Kunst machen, aber nirgendwo angedockt sind: Francis Kéré, Ari Benjamin Meyers oder Calla Henkel und Max Pitegoff sind nur wenige Beispiele für Künstler, die in Berlin leben, aber nirgendwo fest angedockt sind. Wir wollen, dass sie bei uns eine Heimat finden.

Der König, dem man Bier über den Kopf gießt: Chris Dercon, der designierte Chef der Berliner Volksbühne
Der König, dem man Bier über den Kopf gießt: Chris Dercon, der designierte Chef der Berliner Volksbühne : Bild: Andreas Pein

Ein Ensemble aus Architekten, Choreographen und Bildenden Künstlern? Wo bleiben die Schauspieler?

Dercon: Wir werden nicht nur Schauspieler, sondern auch Künstler an unser Haus binden. Diese Künstler werden mit uns über einen Zeitraum von fünf Jahren zusammenarbeiten und das Repertoire gestalten. Sie werden regelmäßig und vor allem mit unkonventionell langen Probezeiten, also besseren Bedingungen als andernorts, bei uns arbeiten können. Um die zu schaffen, werden wir viele Kollaborationen eingehen; alleine ist vieles nicht möglich, zusammen schon. Ich habe mein ganzes Leben lang in Kollaborationen gedacht und gearbeitet. Deshalb habe ich auch ein Problem mit dem deutschen Wort „Alleinstellungsmerkmal“: Für mich hat das vor allem einen negativen Beiklang.

Das ist natürlich eine Museumslogik: Kollaborationen, internationale Netzwerke...

Dercon: Nein, gar nicht. Das Festival d’automne arbeitet zusammen mit dem Palais de Tokyo, dort hat Tino Seghal an der L’opera de Paris inszeniert. Überall vernetzen sich Kulturinstitutionen miteinander, um effektiver zu sein.

Vernetzung, Kooperation – das sind für sich ja erst einmal nur Leerformeln. Es kommt ja darauf an, wie man das jeweils tut. Die Volksbühne hat bisher vor allem aus sich selbst geschöpft. Haben Sie kein Verständnis dafür, dass man sich in Berlin gegen einen solchen Vernetzungsimperativ wehrt?

Dercon: Nein, gar nicht. Denn auch klassische Theaterproduktionen sind ja mittlerweile überall auf Gastspielreisen und touren um die Welt.

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