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Choreographin Lucinda Childs : „Mein Tanz ist abstrakt und deshalb völlig unpolitisch“

Szene aus der Wiederaufführung von „Available Light“ in Los Angeles, Anfang Juni 2015, im Dekor von Frank Gehry Bild: Craig T. Mathew/Mathew Imaging

Ihr Stil sieht nur scheinbar reduziert aus: Die Gigantin des Postmodern Dance im Gespräch über Variationen, Wiederaufführungen und ihr neustes Sück, die Achtziger und den Unterschied zwischen richtiger und schöner Choreographie.

          Ein Treffen in New York in einem Touristenhotel voller Reisegruppen, die lauter lärmen, als den Ohren guttut. Lucinda Childs hebt dennoch die Stimme nicht. Leise erzählt sie davon, wie es ist, mit jungen Tänzern an alten Stücken zu arbeiten. Aktuell an „Available Light“, das sie 1983 mit John Adams und Frank Gehry zusammenbrachte.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Frau Childs, Wie kam es dazu, dass Sie mit John Adams und Frank Gehry „Available Light“ gemacht haben?

          Das war eine Auftragsarbeit. Eine Kuratorin vom Museum of Contemporary Art in Los Angeles hatte 1979 mein Stück „Dance“ gesehen, das ich mit Philip Glass und Sol LeWitt zusammen entwickelt habe. Sie kannte auch meine Arbeiten mit Bob Wilson, „Einstein on the Beach“ zum Beispiel. Es dauerte dann eine Weile, bis „Available Light“ auf die Bühne kam. Solche Dinge brauchen ihre Zeit. Es war also diese Kuratorin, die entschied, dass wir drei zusammenarbeiten sollten.

          Obwohl Sie ja alle drei damals noch nicht so berühmt waren.

          Aber in meinen Kreisen in Downtown New York war schon bekannt, wer John Adams und wer Frank Gehry waren! Es gab das Next Wave Festival und BAM, die an solchen Unternehmungen interessiert waren.

          Wie funktioniert so eine Zusammenarbeit? Was kommt zuerst? Die Musik? Die Bühne? Die Choreographie?

          Wir haben uns zusammengesetzt, wir haben geredet, erst ganz allgemein, dann gab es detailliertere Gespräche zwischen John Adams und mir: darüber, was für mich nützlich wäre, welchem Puls die Tänzer folgen können, diese Dinge, die Tempi, Variationen, das waren sehr spezifische Gespräche. Und mit Frank Gehry auch. Schließlich kamen wir in beiden Teams gemeinsam auf die Idee, die Bühne auf zwei Ebenen anzusiedeln, was auch für Frank Gehry eine interessante Sache war. Wir spielten das Stück ja nicht auf einer Bühne, sondern in einem Raum, der „Temporary Contemporary“ hieß, ein verlassener großer industrieller Raum, in dem Kunst stattfand, Ausstellungen. Und dann ging es hin und her zwischen uns – ich würde niemals einem anderen Künstler eine Aufgabe stellen, die er erfüllen müsste. Es ging wirklich um eine Zusammenarbeit.

          Findet Variationen wichtiger als das Bewegungsmaterial selbst: Lucinda Childs. Die Bewegungen ihrer Choreographien sind einfach bis zur Alltäglichkeit.

          Choreographieren Sie zur Musik? Oder wie Merce Cunningham unabhängig von ihr?

          Ich warte auf die Musik. Bei Merce Cunningham, dessen Tänzer die Musik von John Cage ja immer erst bei der Premiere hörten, habe ich in den Proben beobachtet, wie sie auf eine sehr besondere Art und Weise zählten. Sehr präzise, wie ich das auch wollte. Meine ersten Stücke hatten deshalb gar keine Musik. Aber als ich begann, Musik zu verwenden, hatte ich immer diese besondere Beziehung zwischen Bewegung und Musik im Kopf. Eine Spannung, keine Illustration oder Verdoppelung des einen im anderen. Ich stelle mir einen Dialog zwischen Tanz und Musik vor. Nicht, dass eines dem anderen folgt. Obwohl die Tänzer immer an einer genauen Stelle innerhalb der Musik sind und sie genau wissen, wo sie sind. Ich habe das mit der Musik von Philip Glass angefangen, wo es leicht ist. Seine Musik sind mathematische Konstruktionen, die leicht zu erkennen, wenn auch schwierig im Kopf zu behalten sind, weil sie so lang sind, mit subtilen Variationen.

          Das wollen Sie in der Choreographie aber nicht spiegeln?

          Manchmal schon, aber nicht immer. Es wäre langweilig und ermüdend, wenn der Tanz die Musik ungebrochen illustrieren und ihr folgen würde. Ich mag Spannung. fünf Schläge gegen sechs, ein Kontrapunkt.

          Was bedeutet das für improvisierte Teile? Gibt es die überhaupt in Ihren Arbeiten?

          Nein, es gibt keine Improvisation. Die Tänzer müssen in dem, was sie tun, miteinander verbunden sein. Aber sie müssen ständig zählen, damit sie immer genau wissen, wo sie gerade sind, und zwar im Raum, in der Musik und in ihrem Verhältnis zu den anderen Tänzern.

          Trotzdem hat man das Gefühl, die Tänzer in sogenannten postmodernen Stücken sind frei. Wovon eigentlich? Nicht von der Choreographie jedenfalls?

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