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Zum Tod von Johann Kresnik : Werkmeister menschlicher Obsessionen

  • -Aktualisiert am

Johann Kresnik sitzt bei einer Fotoprobe zum Theaterstück „Sammlung Prinzhorn“ im Februar 2012. Bild: dpa

Seine Inszenierungen hatten immer wieder für Skandale gesorgt: Jetzt ist der Pionier des Tanztheaters Johann Kresnik im Alter von 79 Jahren gestorben.

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          Im Oktober vergangenen Jahres brachte das Musiktheater in Linz eine dreißig Jahre alte Inszenierung von Johann Kresnik auf die Bühne zurück. Es stellte die Rekonstruktion von „Macbeth“ damit einer ganz neuen Generation von Zuschauern vor. Gut zwei Wochen bevor der 79 Jahre alte Choreograph und Regisseur jetzt am Samstag in Klagenfurt starb, wurde diese Fassung von „Macbeth“ auch in Wien beim Impuls Tanz Festival gezeigt, und Kresnik wurde mit dem Goldenen Ehrenzeichen für Verdienste um das Land Wien geehrt. Das Interesse an dem politischen, brutalen und plakativen Theater des gebürtigen Kärntners ist nicht erloschen. Vielmehr zeichnet sich ab, dass einige Stücke ihn überleben und in die Theatergeschichte eingehen werden, als Dokumente einer wilden, aufregenden Zeit des deutschen Theaters, desjenigen der sechziger bis achtziger Jahre. Kresnik gehört zur Generation von Peter Stein und Peter Zadek und jenen Choreographen, die Nähe zum Schauspiel und seinen neuen Formen suchten. Zusammen mit Pina Bausch, Gerhard Bohner, Susanne Linke, Reinhild Hoffmann zählt er zu den berühmten fünf des deutschen Tanztheaters.

          Ein gewaltsamer Tod war vielen der Figuren gemeinsam, die Johann Kresnik zu Helden der Stücke seines „Choreographischen Theaters“ machte. Sie alle teilten das Leiden an körperlichen oder seelischen Gebrechen, vor allem aber litten sie an den gesellschaftlichen Verhältnissen, an Repressalien, der Armut anderer, an Ungerechtigkeit und Ungleichheit. Manche von ihnen fraß das von innen auf: nicht genug Liebe, die falsche oder gar keine mehr, es zernagten sie Hass, Intrige, Erschöpfung, Perversionen.

          Vergewaltigen, würgen, zertreten, erhängen

          So war es der Politiker Uwe Barschel, der in „Macbeth“ ermordet in der Badewanne lag. Kresnik bildete auch den Kummer der amerikanischen Dichterin Sylvia Plath ab, die ihren Kopf in den Gasbackofen steckte und ihre Kinder mutterlos zurückließ, ebenso die Obsessionen Francis Bacons, dessen Akte nicht sterblicher, nicht vergänglicher, roher oder bloßer hätten sein können, als er sie malte. Kresniks Ehrgeiz aber ging darauf hinaus, diese Obsessionen noch zu erhöhen und zu erhitzen, als wäre das Theater die Schaufläche, die es mit unserer lächerlichen und abstoßenden Fleischlichkeit zuzupflastern gälte. Vergewaltigen, würgen, zertreten, erhängen, peitschen, prügeln, auskotzen, auswringen, verschmieren, über die Bühne jagen als Menschenjäger, Mörder, Folterer: es gibt wohl kaum etwas Entsetzliches, das die Protagonisten seines knochenschindenden Tanztheaters nicht machen mussten.

          Ungeachtet der Blutbäder, Fleischzurschaustellungen und Gliederverdrehungen jedoch, auch der Quälereien und Martyrien seiner Inszenierungen, machte Johann Kresnik, wenn er als Regisseur in der Öffentlichkeit auftrat, nie einen unglücklichen, eher einen selbstbewusst kampfeslustigen Eindruck. Den Titel „Berserker“, den der Tanzkritiker dieser Zeitung, Jochen Schmidt, ihm früh und anerkennend verlieh, trug er mit einer Selbstverständlichkeit, als wäre es eine neutrale Berufsbezeichnung.

          Einfach, ernst und nachdrücklich im Gespräch, war ihm trotz spürbaren Stolzes auf sein Theater Aufheben um die eigene Person fremd. Schuhe, Hemden, Bier oder Wein, es war ihm gleichgültig, was er trank und trug. So gradlinig und konsequent verlief auch seine Karriere. Der fünfzehn Jahre alte Bauernsohn war in einer Opernaufführung so begeistert, dass er sich als Statist meldete und neben seiner Lehre als Werkzeugmacher begann, sich zum Tänzer ausbilden zu lassen. Sein kräftiger, robuster Körper sprach auf das eigentlich zu spät aufgenommene Training so gut an, dass er bald Engagements bekam, als Gast sogar bei George Balanchine.

          Seine erste eigene Choreographie „O Sela Pei“ war so erfolgreich, dass er 1968 als Tanzchef ans Stadttheater Bremen geholt wurde. 1979 wechselte er als Tanzdirektor nach Heidelberg und zehn Jahre später wieder zurück. Die Volksbühne in Berlin engagierte ihn nach der Wende, danach nahm ihn das Theater Bonn auf. Fünf seiner Inszenierungen waren im Laufe der Jahrzehnte zum Theatertreffen eingeladen, unter ihnen 1990 die legendäre Arbeit „Ulrike Meinhof“. Kresniks biographischen Stücke über Ernst Jünger, Gustaf Gründgens, Hannelore Kohl oder Frida Kahlo erregten immer wieder Aufsehen. Daneben inszenierte er im Schauspiel und Musiktheater. Johann Kresnik hinterlässt fünf Kinder, mit keiner ihrer Mütter war er je verheiratet, auch nicht mit anderen Frauen. Lebenslange Treue hielt er dafür der Kommunistischen Partei Österreichs, deren Mitglied (Sektion Steiermark) er, der Sohn eines von Partisanen erschossenen Wehrmachtssoldaten, immer blieb.

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