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Chopin-Handschriften : Ein mysteriöser Agent

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Das Chopin-Denkmal im Warschauer Lazienki Park wurde 1940 von den deutschen Besatzern gesprengt und 1958 wiederrerichtet. Bild: dpa

Im Jahr 1949 verschenkte Berlins Staatsbibliothek wertvolle Handschriften des Komponisten Frédéric Chopin an Polen. Offenbar nicht ganz freiwillig. Spielte Polens Geheimdienst dabei eine Rolle?

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          Kurz vor Gründung der DDR, am 7. Oktober 1949, überreichte Wilhelm Pieck, der Präsident des Deutschen Volksrates und später Präsident der DDR, dem polnischen Präsidenten Bolesław Bierut elf Autographe des Komponisten Frédéric Chopin, die zu sechs Heften zusammengebunden waren. Sie stammten aus den Beständen der Berliner Staatsbibliothek, und es ist anzunehmen, dass das traditionsreiche Haus die Handschriften nicht ganz freiwillig herausgegeben hat. Wie kam es zu dieser ungewöhnlichen Schenkung?

          Karl-Heinz Köhler (von 1955 bis 1979 Direktor der Musikabteilung) bezichtigte im Jahr 2000 Joachim Krüger, die treibende Kraft hinter dem Vorgang gewesen zu sein. Und er setzte noch eins obendrauf, indem er Krüger, der von September 1950 bis April 1951 Leiter der Musikabteilung war, zugleich ein Motiv unterstellte: Dieser sei, wie er später erfahren habe, Mitarbeiter des polnischen Geheimdienstes gewesen. Köhler hat seine Behauptungen nicht belegt. Doch angesichts von Krügers Wirken im Berlin der Nachkriegszeit sind sie nicht unwahrscheinlich.

          Der Weg der Manuskripte von Berlin nach Warschau ist bekannt. Am 19. Juli 1949 äußerte Paul Wandel, Chef der Deutschen Verwaltung für Volksbildung, den Wunsch, der Republik Polen anlässlich des Chopin-Jahres 1949 die Autographen Chopins aus dem Bestand der Öffentlichen Wissenschaftlichen Bibliothek (ÖWB, also der Staatsbibliothek) zum Geschenk zu machen. Unter deutscher Besatzung hätten Deutsche, so Wandel, Chopins Geburtshaus „demoliert“, seine Denkmäler zerstört und die Aufführung seiner Werke verboten. Anders als man es habe erwarten können, seien die betreffenden Autographe aber nicht als Kompensation eingefordert worden. Angesichts dieser menschlichen Größe und weil das Chopin-Institut in Warschau ohnehin der natürliche Ort für die Erforschung der Werke des Meisters sei, wolle man die Autographe dem polnischen Staat ohne Gegenleistung überlassen.

          Ein Geschenk von Wilhelm Pieck

          Da der Deutsche Volksrat Wandels Vorschlag zustimmte, machte sich eine Delegation unter der Leitung Wilhelm Piecks zum Nationalkongress der Kämpfer für Freiheit und Demokratie in Warschau auf. Am 31. August 1949 fand man sich zur Demonstration ein, nahm an den beiden folgenden Tagen am Kongress teil und übergab die kostbaren Stücke mitsamt einer Schenkungsurkunde. „Das deutsche Volk wünscht dieses Geschenk als Zeichen seines Willens anzusehen“, hieß es darin, „die furchtbaren Folgen des heute vor zehn Jahren begonnenen Vernichtungsfeldzuges der Hitler-Armeen gegen das polnische Volk und seine Kultur, soweit es in seinen Kräften steht, wiedergutzumachen.“ Staatspräsident Bolesław Bierut nahm das Geschenk dankend entgegen.

          Woher hatte Wandel die Information, dass die ÖWB im Besitz der Chopin-Autographen war? Wie kam er auf den Gedanken, sie zu verschenken? Dass der Direktor der Bibliothek, Rudolf Hoecker, und der Leiter der Musikabteilung, Peter Wackernagel, sich bereit erklärt hatten, wertvolle Stücke, die zudem legal erworben worden waren, bedingungslos herauszugeben, kann man wohl ausschließen. Es liegt daher die Vermutung nahe, dass die Idee für dieses Sakrileg in der SED geboren wurde. Dass Krüger der Urheber war, lässt sich nicht beweisen, doch die gesamte Aktion trägt seine Handschrift.

          Krüger war 1946 in Berlin aufgetaucht und hatte sich früh in der Musikszene einen Namen gemacht. Er war SED-Mitglied und gut vernetzt. Für den „Kulturellen Beirat für das Verlagswesen“ schrieb er Gutachten, für „Die Weltbühne“ und andere Zeitschriften rezensierte er Opernaufführungen. Er war erst Sekretär der Musiksektion der „Gesellschaft zum Studium der Kultur der Sowjetunion“, dann Geschäftsführer des Chopin-Komitees, das von der Polnischen Militärmission gesteuert wurde. Krüger selbst saß oft im Lesesaal der ÖWB und studierte Musikliteratur. Dass sein Doktortitel angemaßt war, konnte man ahnen; dass er seit September 1949 in Kontakt mit der Organisation Gehlen, dem Vorläufer des Bundesnachrichtendienstes, stand, nicht.

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