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Piano-Popstar Chilly Gonzales : Diese Klavierstunde vergisst man nicht so rasch

  • -Aktualisiert am

Bild: Chilly Gonzales

Klavier zu lernen muss keineswegs weh tun: Der Pianist Chilly Gonzales, gerade erst richtig berühmt geworden, hat in Berlin eine Unterrichtsstunde zelebriert. Man kann sich das jetzt anschauen.

          3 Min.

          So muss ein Klavierlehrer sein: hart, barsch und fies! Chilly Gonzales will seinem Publikum etwas erklären, er schlägt eine Taste kräftig an und sagt: „Das kann jeder, das könnte jeder von euch ...“ Dann schaut er uns an, zögert, sieht etwas in uns und korrigiert sich: „Ein Schimpanse könnte hier hochkommen auf die Bühne und den Ton anschlagen.“

          Der Mann am Klavier gibt eine Masterclass, eine Vorlesung mit praktischen Übungen, im Saal der Buchhandlung Dussmann in Berlin-Mitte. 95 Stühle fasst der Raum, aber mehr als dreihundert sind gekommen, um sich eine Stunde wie Schimpansen zu fühlen. Gonzales ist ein Show-Pianist, der gern Witze reißt beim Spielen. Mit wirrem Haar und in leicht gebückter Haltung ist der breitschultrige Hüne auf die Bühne geschlurft, der Gérard Depardieu der Klaviertasten. Der Kanadier stellt ein Etüdenbuch vor, einen Notenband mit Übungen für Klavierschüler.

          Ganz plötzlich berühmt und begehrt

          Aber insgeheim hat er noch etwas zu feiern. Er ist, genau jetzt, ganz plötzlich berühmt und begehrt. Jahrelang war er dieser Typ, der so ähnlich wie Helge Schneider ist, dessen Name aber jedem gerade nicht einfällt. Das ist vorbei. Vier alberne Security-Schränke bewachen den Abend, weil zu viel Andrang herrscht.

          Vor drei Jahren trat er ein paarmal im Duett mit Helge Schneider auf. Was wie eine gute Idee klang, wollte nicht recht funktionieren. Beide sind Virtuosen. Beide lieben es, beim Spielen einen Pianisten zu parodieren. Doch die Clowns löschten ihre Scherze gegenseitig aus. Schneider ließ sich nicht auf die musikalische Strenge des anderen ein, ignorierte dessen klangliche Ideen rüde, Gonzales mochte bei der Comedy des anderen nicht mitgehen. Das Duo war eine Enttäuschung. Gonzales machte bald eine Soloplatte.

          „Ich bin Chilly Gonzales, das Musikgenie“

          Und dann fing er an, die Welt der Klassik zu erobern. Er trat mit Orchestern auf. Im Londoner Barbican Centre forderte er „Crowdsurfing!“ ein - er ließ sich unter den erstaunten Augen des BBC-Orchesters auf den Händen des Publikums durchreichen wie ein Rocker. Bei Radioauftritten versprüht er seinen Hass auf Richard Wagner so gewaltig, dass die Redakteure später Angst bekommen, das überhaupt zu senden. Dieser Klavierlehrer (der allerdings auch auf der neuen Daft-Punk-Platte mitspielt) kennt keine Vorsicht. Er stellt sich vor mit den Worten „Ich bin Chilly Gonzales, das Musikgenie“.

          Auch für Genies sind Etüdenbücher ein riskantes Vorhaben. Denn die sind der Grund, warum junge Menschen mit dem Klavierspielen wieder aufhören. Etüdenbücher enthalten hässlich klingende Übungen, die jeweils einzelne Finger stärken sollen.

          Als ich mit zwölf meinen Klavierlehrer fragte, ob ich Etüden üben sollte wie alle anderen, sagte der: „Unsinn, spiel lieber Musikstücke!“ Alle meine Freunde gaben nach und nach auf. Schuld daran sind die Herren Czerny und Clementi. Sie schrieben Anfang des 19. Jahrhunderts die berühmten Work-out-Bücher für Pianisten, die genauso blutleer sind, wie es das Sichabrackern im Fitnesscenter ja auch ist. Im Vergleich etwa zum richtigen Fußballspielen.

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