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Wagner in Chemnitz : Der Weltuntergang wird abgesagt

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Du bist der Held, auf den ich gewartet habe: Stephanie Müther (Brünhilde) umarmt Daniel Kirch (Siegfried). Bild: Kirsten Nijhof

Das tut Chemnitz gut: Die Regie von Elisabeth Stöppler und ein ganz beeindruckendes Ensemble bescheren der Stadt und der Oper eine großartige Deutung von Richard Wagners „Götterdämmerung“.

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          Eine Welt ganz ohne Männer kann, rein gattungserhaltend gesehen, auch nicht das letzte Wort sein – aber vielleicht ein Punkt des Kräftesammelns und Durchatmens vor einem möglichen Versuch, neu zu versöhnen, was die Menschheit aus der Natur (und sich selbst) gemacht hat. In Elisabeth Stöpplers Inszenierung von Richard Wagners „Götterdämmerung“, dem grandiosen Finale des mit vier weiblichen Inszenierungsteams spektakulär angegangenen Chemnitzer Projekts zum „Ring des Nibelungen“, versammelt am Ende die Urmutter Erda ihre Walküren- und Nornentöchter, die Rheinmädchen und sogar Gutrune, die vom Playgirl zur mitleidend verstehenden Frau gereift ist, um sich.

          Kein Weltenbrand, keine Wasserflut, Hagens Verzweiflungsschrei nur noch irrelevantes Echo aus dem Off: Der Widerling ist längst durch die betrogene Gibichungentochter erschossen, das Rheingold wieder an seinen angestammten Platz gebracht worden. Auch das dichte, hypnotisch kreisende Schneetreiben hört auf, welches die Szene einhüllte, als Brünnhilde zwischen Selbst- wie Weltvernichtung und dem schweren Entschluss zum Überleben rang. Sie hat das Feuerzeug weggeworfen, und nun entsteht um den im wortlosen gegenseitigen Trost versammelten Frauenkreis eine große, bannende Stille, aus der heraus Wagners blühend umarmendes, ins Weite weisendes Erlösungsmotiv alles neu öffnen könnte – vielleicht.

          Die Stadt, in der dieses Schlussbild fragiler, ganz vorsichtig tastender Zuversicht zu sehen ist, hat selbst Zuversicht nötig. Chemnitz, das seit 1990 siebzigtausend Einwohner verloren hat, aber immer noch so groß ist wie Kiel oder Aachen (nur anders als diese ohne Fern-, sondern nur mit Regionalbahnanschluss) – dieses Chemnitz ringt nach den rechtsextremen, weiter virulenten Krawallen der letzten Monate um Würde und Selbstversöhnung, beschwört im einsetzenden Adventstrubel mit Lichtermarkt und Bergparade positives Heimatgefühl, deklamiert auf Großplakaten vielsprachig den modifizierten Leitsatz der Umwälzung vor dreißig Jahren: „Wir sind (alle) das Volk.“

          Den harten Kern der Hasser wird man damit nicht erreichen, aber vielleicht beginnt ein neues Gemeinschafts- und Solidaritätserleben gegen das regionale und geistige Abgehängtsein. Oper und Orchester tun, wie die anderen Kunstorte der Stadt, das Ihre dazu: In nur vier Wochen ist Udo Zimmermanns Oper „Weiße Rose“ als Studioinszenierung, mit der man auch über Land gehen kann, ins Programm genommen worden, und eine Open-Air-Aufführung von Beethovens Neunter – erweitert durch die anderen Sparten des Hauses und unter Mitwirkung von Künstlern aus vierzig anderen Ensembles – versammelte trotz Regens über viertausend Hörer.

          Guillermo García Calvo, der dort die Robert-Schumann-Philharmonie dirigierte, steht nun auch am Pult der „Götterdämmerung“ – eine kraftvoll knochenfeste, energiegespannte Leistung des bekennenden Wagnerianers von gleichsam wütender Überzeugungskraft, die nur bei einigen lichter gesetzten Bläsersätzen etwas schwächelt. Man lässt sich da umso lieber mitreißen, als auch von der Bühne Erstaunliches tönt. Über ein Heldenpaar wie dieses mit Stéphanie Müthers Brünnhilde und Daniel Kirchs Siegfried, beide strahlend präsent, von unbändiger Leidenschaft und bis zu ihren großen Abschiedsmonologen konditionell unangefochten, dürften in solcher Verfassung selbst größte Häuser glücklich sein. Auch der Klangplastizität der anderen Protagonisten kommt der mittelgroße, akustisch vorzügliche Chemnitzer Raum entgegen.

          Dem Hagen von Marius Boloş fehlen dabei vielleicht etwas Wildheit und gewaltsame Schwärze, doch er liefert die vorzügliche Studie eines müd-angeekelten, depressiv-zynischen und innerlich zerfressenen Totschlägers. Cornelia Ptassek, als Gutrune erst kühl-gelangweilte Partypuppe, dann immer mehr ergriffen und gleichzeitig zerstört, und Pierre-Yves Pruvots metallisch kerniger Gunther geben dem Gibichungen-Geschwisterpaar scharfe Konturen und nachhaltige Präsenz. Alberich (Jukka Rasilainen) ist ein heruntergekommener, nur noch von Gier und Hass zusammengehaltener Outlaw, Anne Schuldts Waltraute erscheint eher von sanfter Dringlichkeit als verzweiflungsgetrieben.

          Er stolpert über den Eisbärenbalg

          Die Fallhöhe aber, die Stöpplers Inszenierung ihnen allen zumisst, ist ungeheuerlich. Was als eine ans Kindische streifende Liebes-Katzbalgerei auf dem eisigen Walkürenfelsen beginnt und sich in der Rheinburg als sarkastische Ausleuchtung einer großkotzig-gelangweilten, inzestuös veranlagten Sippe fortsetzt, stürzt mit enormer Dynamik in die Tiefen einer existenziellen, auch ohne finalen Weltuntergang hoffnungslos ins Vernichtende hineinlaufenden Tragik.

          Anfangs amüsiert man sich über den unverstellt frischen, humorvollen Blick der Regie auf die Dinge des Heldenlebens: das Ross Grane ist zum Schlitten mutiert, auf dem Siegfried dann auch, angetan mit Wollsocken und -leibchen sowie à la Currentzis rot besenkelten Schnürstiefeln, bei den Gibichungen einfährt. Dort stolpert er, verdattert von Gutrunes Anblick und dem ungewohnten Champagnerbar-Ambiente, über einen Eisbärenbalg – „Dinner for one“ lässt grüßen; später muss der hilflos verzitterte Schwächling Gunther nach dem Genuss des Blutsbrüder-Kelchs ganz schnell vor die Tür, um abzukotzen.

          Aber diese so verschmitzt-ironische wie spielerisch-naive Natürlichkeit vereist immer mehr, wenn der dämonische Betrug beginnt und das große Kind Siegfried, unter Drogen gesetzt, sein Selbst und seine große Liebe verliert; wird atembeklemmend, wenn er Brünnhilde in der Maskierungsszene gemeinsam mit Gunter gleich doppelt entwürdigt – optisch findet Stöppler eine ausgesprochen intelligente Lösung dieses heiklen Arrangements – und kommt in den letzten Szenen der nun wissend gewordenen Walküre, die ihren Erwecker nur noch in sein Sterben hinabgeleiten kann, um dann aus erstarrter Einsamkeit in den Kreis der Mütter und Schwestern zu finden, zu einer antikisch monumentalen, erschütternden Größe. In reichlich vier Stunden werden Welten und Leben durchlaufen, bannend und ohne eine Spur von Routine oder Ermüdung. Annika Haller hat die Bilder, Gesine Völlm die Kostüme gemacht; sie alle schaffen ein Theatererlebnis, für das man dankbar sein darf.

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