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Charles Aznavour im Gespräch : Am dringendsten braucht man Freunde

  • -Aktualisiert am

Charles Aznavour 2011 zum Erscheinen seines jüngsten Albums „Toujours“ Bild: Charles Lagerfeld

Er ist der bekannteste französische Chansonnier und der berühmteste aller Armenier. Er hat Polizisten und Gangster gespielt, Künstler und Musiker. Ein Gespräch Charles Aznavour über das Leben, das Singen, das Spielen.

          Charles Aznavour ist 161 Zentimeter groß und 89 Jahre alt - und trotzdem ist er es, der die Szene dominiert, in den Hallen des nach ihm benannten Museums in der armenischen Hauptstadt Eriwan. Einzig er scheint bei hochsommerlichen Temperaturen nicht zu schwitzen. Nach dem Empfang für einige Hundert Gäste des Internationalen Filmfestivals „Golden Apricot“, bittet Aznavour zum Interview in einem separaten Raum. Dieser ist mit Fotografien und Plakaten seiner mittlerweile rund 70-jährigen Laufbahn geschmückt. Aznavour ist, noch immer, der bekannteste französische Chansonnier, und der berühmteste aller Armenier ist er sowieso. Er hat in Filmen von Truffaut und Chabrol gespielt, er war Naphta in Geißendörfers „Zauberberg“, er hat Polizisten und Gangster gespielt, Künstler und Musiker. Es gibt unendlich viele Fragen, die man ihm stellen möchte.

          Ist der berühmteste Ihrer Filme derjenige gewesen, in dem Sie nicht mitgespielt haben?

          Welchen Film meinen Sie?

          „Fahrenheit 451“ von François Truffaut.

          Ich war mit François seit 1960, seit wir „Schießen Sie auf den Pianisten“ zusammen gedreht hatten, eng befreundet. Zwar hatte ich schon seit Ende der 1930er Jahre gelegentlich in Filmen mitgewirkt, aber erst durch Truffaut wurde ich zum Schauspieler, den man ernst nahm. Vorher wurde ich immer als der Sänger, der sich auch im Kino ausprobiert, wahrgenommen. Dabei wollte ich zuerst gar nicht Sänger, sondern unbedingt Schauspieler werden! Nach meiner Rolle als heruntergekommener Barpianist Charlie Kohler, der Pech in der Liebe und im Spiel hat, wollte François unbedingt noch einmal mit mir zusammenarbeiten. Er war vernarrt in meine traurigen armenischen Augen. „Du wirkst immer melancholisch, auch wenn du lachst“, sagte er mir immer wieder: „Das prädestiniert dich für den Antihelden, den die Leute viel lieber im Kino sehen wollen als all diese coolen John-Wayne-Typen.“ Dabei liebte er Western sehr. Wegen „Fahrenheit 451“ hat er aber nie wirklich detailliert mit mir gesprochen. Ich wäre für die Rolle des Rebellen in dieser Dystopie auch fehlbesetzt gewesen.

          Wieso?

          Weil Oskar Werner einfach perfekt als Montag war! Mir fehlten einfach Oskars intellektuelle Fähigkeiten für diesen Part. Er war sehr komplex. Sensibel und introvertiert, aber auch zerrissen und voll von ungekünsteltem Pathos. In „Jules und Jim“ ist er als duldsamer Geliebter von Jeanne Moreau, der ihre Liaison mit seinem besten Freund Henri Serre zulässt, fast eine Jesus-Figur in seiner Reinheit. Später in Stanley Kramers „Narrenschiff“ hat er in den Liebesszenen mit Simone Signoret einen neuen Typus von Hauptdarsteller kreiert. Keinen harten, beherrschenden Helden, sondern einen empfindsamen Mann. Nicht umsonst erhielt er Oscar- und Golden-Globe-Nominierungen sowie den französischen Filmpreis. Ich hätte das nicht spielen können, ich kam von der Nouvelle Vague, nicht vom Wiener Burgtheater.

          „Schießen Sie auf den Pianisten“ aus dem Jahr 1960. Unter der Regie von François Truffaut spielte Charles Aznavour den „heruntergekommenen Barpianisten“ Charlie Kohler.

          Sie sprechen voller Hochachtung über Oskar Werner: Braucht man als weltbekannter Künstler eigentlich auch noch eigene Vorbilder?

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