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Orchester und Corona : Trompeter blasen keine Kerzen aus

Revidiert wird mit diesem Papier vor allem die branchenspezifische „Handlungshilfe zum Arbeitsschutzstandard Sars-CoV-2 für Bühnen und Studios sowie für den Probenbetrieb“ des Verbands der Berufsgenossenschaften VBG vom 27.April 2020. Sie verlangt für Bläser einen Abstand von zwölf Metern in Blasrichtung und drei Metern in anderen Richtungen. Diese Forderungen erscheinen nach den jüngsten Studien als haltlos. Die Empfehlung, wie man mit singenden oder engagiert sprechenden Künstlern, für die nach VBG ein Abstand von sechs Metern verlangt wird, umgehen kann, steht noch aus.

Sollten die zuständigen politischen Stellen und auch die Gesundheitsämter den Empfehlungen der Mediziner von der Charité folgen, könnte es bald wieder Proben und Konzerte geben. Allerdings gibt es noch keine Richtlinien zum Umgang mit dem Publikum. Die müssten von anderer Seite erarbeitet und von den einzelnen Häusern an ihre räumlichen Gegebenheiten angepasst werden. Denkbar wäre, jede zweite Reihe freizulassen und nur jeden zweiten Platz zu besetzen, dazu die Konzerte zu verkürzen und zweimal stattfinden zu lassen.

Auf jeden Fall würde die Umsetzung der Abstandregeln bedeuten, dass Orchesterbesetzungen reduziert werden müssten. Der Trend der letzten Jahre, von den massiven Orchesterstärken der Karajan-Ära zurückzukehren zu historisch verbürgten Größen, würde pandemiebedingt verstärkt. Eine Beethoven-Symphonie mit knapp vierzig oder eine Brahms-Symphonie mit knapp fünfzig Spielern wären dann auch für nicht historisch orientierte Klangkörper der Normalfall. Ob man regulär kolossal besetzte Werke von Gustav Mahler und Richard Strauss mit stark reduzierten Streichern befriedigend umsetzen kann, müssten Experimente zeigen.

Anselm Rose, der Geschäftsführer der Rundfunkorchester und -chöre GmbH Berlin, sagt, die Umsetzung dieses Positionspapiers würde den Rundfunkorchestern ermöglichen, in den Sendesaal zu gehen und die vereinbarten Programme zu spielen, die dann auf den gebuchten Sendeplätzen bei Deutschlandfunk Kultur und dem Kulturradio des RBB ausgestrahlt werden könnten.

Sollte das Papier politisch wirksam und gleichzeitig Publikumsverkehr möglich werden, wären schon bei den Sommerfestivals einige Konzerte wieder möglich. Am schwierigsten wird sich die Wiederaufnahme des Betriebs bei Chören gestalten. Aber Studien zur Infektionsverbreitung bei Sängern und Sprechern sind bereits in Arbeit. Stefan Willich, der selbst auch Dirigent ist und einige Jahre als Rektor die Hochschule für Musik Hanns Eisler in Berlin leitete, sagt, wir sollten unter den Bedingungen von Covid-19 die Normalität auch unseres Musiklebens neu definieren: „Wir müssen es als normal empfinden, dass man im Konzertbetrieb für einige Zeit – wir reden hier mindestens von vielen Monaten – bei Orchestern auf der Bühne keine hundert Leute, sondern vielleicht nur 65 sieht. Wir tun gut daran, uns mit diesen Veränderungen anzufreunden und zu sagen: So ist das Leben jetzt eine Weile.“

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