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Jürgen Kesting zum Achtzigsten : Habemus papam

  • -Aktualisiert am

Jürgen Kesting Bild: Privat

Sänger fürchten ihn und schätzen ihn zugleich, denn in seinem Urteil finden Kenntnis, Liebe und hohes Sprachvermögen zusammen: Jürgen Kesting wird achtzig Jahre alt. Huldigung einer Sängerin für einen Musikkritiker.

          3 Min.

          Ja, liebe Leserinnen und Leser: wir haben unseren eigenen Papst. Wir – das heißt die klassischen Sängerinnen und Sänger. Aber auch das Feuilleton, die Musikwissenschaft, die Plattenindustrie, manch ein Besetzungsbüro, diverse Wettbewerbe und Symposien, inzwischen gar Musikblogs oder die Kulturpolitik. Und natürlich den Kunstgesang Liebende. Ursprünglich vielleicht noch ironisch gemeint, hat sich das Epithet „Stimmenpapst“ zur verdienten, beinahe vorbehaltlosen Reverenz vor einem der bedeutendsten Kenner von Stimme und Gesang gewandelt: Jürgen Kesting.

          Unfehlbarkeit wird Jürgen Kesting zwar nicht für sich in Anspruch nehmen, das sieht man schon an der stark überarbeiteten Neuauflage seiner auf vier Bände angewachsenen „Bibel“, des umfassenden Lexikons „Die großen Sänger“, wo er manch früheres Urteil revidiert oder anders gewichtet. Jürgen Kestings Wort hingegen erschallt von der Stadt Hamburg aus in die deutschsprachige Fachwelt und über den eingeschworenen Kreis gesangsverrückter Melomanen weit hinaus. Zurückführen lässt sich dies auf sein universales, auf vieltausend Seiten festgehaltenes Wissen, genauso wie auf die nicht versiegende Leidenschaft, mit der er sich bis heute in immer wieder neuen Variationen und Formen dem Gesang widmet. Und das Erstaunlichste: wie es ihm kontinuierlich gelingt, für das eigentlich nicht zu Beschreibende – Stimmklang und musikalische Interpretation – neue, klare Formulierungen zu finden.

          Auf dem Papier wie in der persönlichen Begegnung fürchtet man sich als Künstlerin schon ein wenig vor Kestings durch hohen Wuchs und kultiviertes Gebaren unterstrichene selbstbewusste Autorität. Mit schlagfertigem Humor und unerschöpflichem Reichtum an originellen Anekdoten entpuppt er sich allerdings sofort als geistreicher und enthusiastischer Gesprächspartner, mit dem man sich gerne unterhält und von dem eine Sängerin gar wohl auf Absolution hoffen darf, wenn sie ihre kleine Hommage für einmal in Worte statt Klänge fasst.

          Cecilia Bartoli
          Cecilia Bartoli : Bild: dpa

          Mit der Kritik haben wir es ja nicht leicht: Wir alle leiden am Dilemma, dass es uns regelrecht auf die Bühne treibt, während stets auch Selbstzweifel plagen. Zur Kunst gehört es, dünnhäutig zu sein. Mutterseelenallein auf der Bühne gilt es, sein Innerstes zu entblößen, indem man das Äußerste riskiert. Wie man weiß, können dabei Tausende von Bravi ein einzelnes Buh nicht übertönen und selbst erfahrene Künstlerinnen und Künstler in eine Sinnkrise stürzen. Genauso verhält es sich mit der Kritik. Ein falsches Wort kann auf das Tiefste verletzen, besonders oder gerade wenn es unfundiert ist, von Unkenntnis zeugt oder von Bösartigkeit.

          Jürgen Kestings Dogma ist die subjektive Objektivität seiner Texte. Diese erreicht er zunächst mittels einer rar gewordenen differenziert-virtuosen Beherrschung der Sprache. Fehlt ihm hingegen eine passende Bezeichnung, erfindet er eine Wendung, von der man sich fragt, ob sie nicht doch in irgendeinem seltenen Wörterbuch zu finden wäre, oder er leiht sie sich von einer Fremdsprache aus. Somit lesen wir eine objektiv erscheinende, exakte Darstellung dessen, was er gehört hat. Im nächsten Schritt folgt eine sehr persönliche Bewertung, ebenfalls präzis beschreibend, aus seiner Sicht begründet, für die Leserschaft nachvollziehbar, sprachlich nuanciert und auf die Sache bezogen.

          Künstlerinnen, Künstler und Kritik werden in der Regel für Gegner gehalten: Wir präsentieren Ihnen etwas, und hinterher lesen Sie in der Rezension, ob wir es richtig gemacht haben oder nicht. Wie im Kolosseum in Rom: Daumen hoch oder Daumen runter. Bisweilen hingegen entstehen Partnerschaften, wobei sich der Kritiker sozusagen als Dramaturg entpuppt, der unsere Ziele erklärend bestärkt, an dessen Texten wir das Resultat unserer Bemühungen ablesen, an denen wir uns reiben können.

          Ein Lob von Jürgen Kesting, der an diesem Sonntag achtzig Jahre alt wird, freut mich immer ganz besonders, vor allem, wenn es, wie er mehr als einmal schrieb, als Liebesgeständnis verstanden werden darf. Meiner ewigen Liebe wiederum darf er sich spätestens seit der Bemerkung versichern, in meiner Kehle sei „ein Nest von Nachtigallen verborgen“. Dieses Bild zeigt, wie wir im Grunde für eine gemeinsame Sache kämpfen: die Vermittlung von Musik durch die Gesangskunst, sie ausgehend von den großen Traditionen für unsere Zeit erfahrbar und relevant zu machen – er mit seinen Worten, ich für gewöhnlich mit meinen Tönen.

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