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Cecilia Bartoli in Salzburg : Drei defekte Herren an der Leine

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Diese Rolle hat sie sich selbst zum Geschenk gemacht: Cecilia Bartoli als Isabella in einer Szene der Oper „L'italiana in Algeri“. Bild: dpa

Wie sich Neugierde und Erfahrung, Witz und Bodenständigkeit, prickelnde Erotik und kühle Kalkulation zusammenfinden: Cecilia Bartoli nagelt bei den Salzburger Pfingstfestspielen die Männer an die Wand.

          Für jeden tiefeninfizierten Wagnerianer ist der heutige Tag ein Datum zum wenigstens kurzen Innehalten, denn da jährt sich Meisters Geburtstag: heuer zum 205. Male. Und wenn es schon kein vollrundes Jubiläum ist – für ein gutes Sachsenbier sollte es immer reichen. Man könnte aber alternativ auch einen Prosecco versuchen, denn am gleichen 22. Mai 1813 erblickte neben Jung Richard auch Gioachino Rossinis Oper „L’Italiana in Algieri“ das Licht der Welt, und zwar – seltsame Fügung – in ebenjenem Venedig, das dann siebzig Jahre später, 1883, zum Sterbeort des Richard Wagner wurde.

          Dass der eine Generation ältere Rossini beim Tod Wagners auch erst fünfzehn Jahre tot war, wirkt deswegen so merkwürdig, weil die großen Jahre des Italieners in seinem Sterbejahr 1868 längst vorbei waren und er einer Epoche anzugehören schien, die von Wagners Oper „Die Meistersinger von Nürnberg“ oder dem „Deutschen Requiem“ von Johannes Brahms (die in jenem Jahr ihre Uraufführungen erlebten) sternenweit entfernt war. Doch den blanken biographischen Fakten nach war der Mann aus Pesaro über viele Jahrzehnte hin ein Zeitgenosse Wagners, während sein Geburtsdatum noch mitten in die Blütezeit der Wiener Klassik fiel.

          Es ist diese prickelnde Brückenstellung, aus der Cecilia Bartoli als künstlerische Leiterin der Salzburger Pfingstfestspiele ein reizvolles Kompaktprogramm um das musikalisch höchst heterogene Jahr 1868 herum geformt hat. Dabei wurde nicht nur den bekannten Linien nachgegangen, sondern auch Seitensteigen wie jenem Manuel García, der Rossinis erster Graf Almaviva im „Barbier von Sevilla“ war und mit einem gleichnamigen Sohn sowie seinen Töchtern Maria Malibran und Pauline Viardot eine bis an die Schwelle des nächsten Jahrhunderts reichende, dem Belcanto verpflichtete Gesangstradition begründete, aber auch selbst fleißig und durchaus eigenwillig komponierte. Ein Konzert des Tenors Javier Camarena, ausgestattet mit üppigstem und weidlich ausgestelltem Stimmmaterial, gab dazu einige Einblicke.

          Straffer, schnittiger, feinnerviger

          Die singende Intendantin selbst ging, wie gewohnt, ebenfalls in die Bütt: Sie debütierte als ebenjene „Italienerin in Algier“, die 1813 das erste Mal auf der Bühne erschien, verglichen mit anderen Opernheldinnen ihrer Zeit ausgesprochen souverän-emanzipiert agiert und gleich drei in unterschiedlicher Art defekte Herren an ihrer langen, aber straff geführten Leine tanzen lässt. Diese Isabella ist kein bloß süßes oder allenfalls gewitztes Mädchen wie damals üblich, sondern eine Buffa-Schwester von Ludwig van Beethovens Leonore, die auszieht, ihren Geliebten zu befreien, und gleich noch eine Schiffsladung gleichfalls versklavter Landsleute als Draufgabe mitbekommt. Und sie ist außerdem, aktuell, ein Geschenk für das von Temperament überbordende Bühnentier Bartoli.

          Wie sich da Neugierde und Erfahrung, Witz und Bodenständigkeit, prickelnde Erotik und kühle Kalkulation zusammenfinden, entsteht der nachhaltige Eindruck, dass die Künstlerin den genau richtigen Zeitpunkt gewählt hat, um auf diese Rolle zuzugreifen – und dass es jammerschade gewesen wäre, noch länger zu warten. Sicher hat Cecilia Bartoli nicht die brünstig orgelnden Tiefen oder das wallende Volumen einer Marilyn Horne, aber sie schafft sich einen eigenen, auf ihre quicke körperliche Agilität zugeschnittenen Typ: sowohl straffer und schnittiger als auch feinnerviger, die Koloraturen dabei nicht nur als Ausdruck überquellender Emotionen, sondern gelegentlich auch als pure Machtmittel tauglich, die das jeweilige männliche Gegenüber gleichsam vokal festnageln.

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