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Cate Blanchett spielt Theater : Davon fällt niemand in Ohnmacht

  • -Aktualisiert am

Cate Blanchett gibt in Martin Crimps Inszenierung von „Pamela“ die dominante Protagonistin, die in dem sadomasochistischen Stück zwar Teil einer spannenden Darbietung ist – den Stoff des Stücks kann allerdings selbst sie nicht adeln. Bild: Stephen Cummiskey

Schlechte Zeiten für Empfindsamkeit: Mit viel Sex und Gewalt versuchen sich Cate Blanchett und Martin Crimp an einer modernen Version von Samuel Richardsons Tugendroman „Pamela“.

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          Gepriesen für seinen Einblick in die innersten Winkel der Psyche und verdammt als Pornographie im Mantel der Morallehre, war Samuel Richardsons „Pamela oder die belohnte Tugend“ ein Skandalerfolg, der in ganz Europa eine „Pamelamanie“ auslöste. Fast drei Jahrhunderte nach ihrem Erscheinen spricht die Geschichte von dem fünfzehnjährigen Dienstmädchen, das seine Unschuld gegen die aggressiven Avancen seines Herrn verteidigt, beredt zum Zeitalter der Debatten um „MeToo“, sexuelle Identität und das Geschlechterverhältnis. Der für seine verstörenden Bloßstellungen latenter Gelüste und Gefühle bekannte Dramatiker Martin Crimp hat Richardsons Stoff jetzt neu interpretiert für die moderne Sensibilität, man könnte auch sagen Unsensibilität.

          Gina Thomas
          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Seine als Provokation angekündigten zwölf Variationen zum Thema „Pamela“ stehen unter den umständlichen Titel, „When We Have Sufficiently Tortured Each Other“ (Wenn wir uns hinreichend gefoltert haben), der dem Roman entliehen ist. Mit der australischen Oscar-Preisträgerin Cate Blanchett als Zugpferd rechnete das Londoner National Theatre wohl mit einem ähnlichen Skandalerfolg, wie sie die vielfach diskutierte, parodierte und fortgeschriebene Vorlage 1740 erlebte. Wegen der erwarteten Nachfrage für die 450 Sitze im Dorfman Theatre, der kleinsten der drei Bühnen des Hauses, lief der Kartenverkauf über ein Verlosungssystem. Als am Abend der ersten Vorschau eine Zuschauerin prompt in Ohnmacht fiel, jauchzte die „Times“ in der Überschrift zu ihrem Bericht: „Lichter erlöschen, Menge wird bewusstlos bei Orgie von Sex und Gewalt.“ Die glücklichen Kartenkäufer erhielten Warnungen vor „erwachsenen Fragen“ und „gewaltsamen Szenen erotischer Art“.

          Die vermeintliche Orgie spielt sich in der Doppelgarage eines Privathauses ab, die Vicki Mortimer bis hin zum Amazon-Paket mit minutiöser Aufmerksamkeit fürs Detail gestaltet hat. Dort haben sich sechs in unklarem Verhältnis zueinander stehende Personen zwischen Audi und Gerümpel zu einem von unheimlicher Musik untermalten Spiel von Dominanz und Unterwerfung verabredet. Crimp hat Richardsons lüsternen Mr B in einen namenlosen Mann verwandelt, der meint, sich die Menschen durch Geld und die Autorität des Männlichen gefügig machen zu können. Der Gegenstand seines Begehrens ist eine selbstbewusste Frau, die bestreitet, Pamela zu heißen. Sie fordert ihren Peiniger mit neckischem Trotz heraus und steht ihm an perversen Gelüsten und Selbstsucht in nichts nach.

          Vom Klassenunterschied ist nichts zu spüren

          Als Helfer sind vier Figuren dazubestellt, die nach den Anweisungen des Mannes in das abgekartete erotisch-psychische Machtspiel eingreifen: zwei Mädchen in Uniform, ein strammer, verschüchterter Mann, der sich seine Dienste bezahlen lässt, und dessen Tante Mrs Jewkes, die fragwürdige Haushälterin aus dem Roman, deren von Richardson nur angedeutetes Verlangen nach Pamela Crimp explizit macht – so wie er alle im Buch angedeuteten Ambivalenzen prätentiös ausformuliert.

          Das pointierte An- und Ausschalten der Neonlichter zwischen den Variationen steigert ebenso wie die Handmikrofone, die wie in einer altmodischen Fernsehshow gehalten werden, den metatheatralischen Charakter von Katie Mitchells straffer Inszenierung. Crimp befrachtet sein Stück mit klischeehaften Beobachtungen zu den Themen Gender, Kapitalismus und die Kluft zwischen Arm und Reich, der die von Jessica Gunning souverän dargebotene Mrs Jewkes ihr Übergewicht und die Kriminalität ihres Neffen zuschreibt.

          Im Roman ließ Pamelas Standhaftigkeit die triebhafte Lust ihres Bedrängers zu anständiger Liebe mutieren. Sie bewog den Gutsherrn dazu, eine unstandesgemäße Ehe einzugehen, die ihr den Aufstieg aus dem Kleinbürgertum ermöglichte, eine Nivellierung, die das klassenbewusste achtzehnte Jahrhundert mehr schockierte als die sexuellen Übergriffe.

          Bei Crimp ist von Tugend, Klassenunterschied und Liebe nichts zu spüren, auch nicht, wenn Cate Blanchett ihr Brautkleid anzieht. Das aufwendige Ritual, das wohl ihre Einzwängung in die Konvention versinnbildlichen soll, wirkt bloß wie eine weitere Kostümierung im sadomasochistischen Theater der gegenseitigen Erniedrigung. Mann und Frau wechseln immer wieder die Rollen, um die alten Vorstellungen von Maskulinität und Feminität in Frage zu stellen.

          Mal kriecht Stephen Dillanes Mann auf allen vieren im Strapsmieder oder in Dienstmädchenuniform mit blonder Perücke über die Bühne, mal senkt Cate Blanchett die Stimme und macht im Hosenanzug den dünkelhaften Quäler nach. Physisch so agil wie in Ausdruck und stimmlicher Modulation, behält sie fast immer die Oberhand, auch wenn sie den eitlen Mann glauben macht, dass sie sich ihm unterwürfe. Nur wenn er ihr den Laptop entzieht, um sich außer ihrem Körper auch noch ihrer Gedankenwelt zu bemächtigen, fühlt sie sich im Kern getroffen. Während der Vorhang fällt, triumphiert die Domina als Frau-Mann über die vor ihr kniende Mann-Frau mit einem gewaltigen schwarzen Umschnalldildo über der Reizwäsche. Die Spannung liegt allein in der Darbietung. Alles andere wirkt so öde wie ein billiger Pornofilm. Selten dürfte so viel Kunst auf einen derart unwürdigen Stoff verwendet worden sein.

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