https://www.faz.net/-gqz-6z9y3

Castorfs „Amerika“ in Zürich : Wo die Trompeten blasen

  • -Aktualisiert am

Völker, hört das Blech: Irina Kastrinidis als Nummerngirl in Castorfs „Amerika“-Revue nach Kafka in Zürich Bild: Matthias Horn

Dort liegt im Zürcher Schauspiel „Amerika“: Frank Castorf macht aus Franz Kafkas feinem Roman einen Volksbühnenjahrmarkt. Ein Vorgeschmack auf das, was uns in Bayreuth erwartet?

          4 Min.

          Ein kurzes Leben lang war Karl Rossmann, kaum älter als sechzehn Jahre, in die Irre gegangen. Ein reiner Tor. Ein Parzival aus Prag. Hatte ein Dienstmädchen geschwängert. Wurde von seinen Eltern nach Amerika abgeschoben. Setzte sich auf dem Auswandererschiff für einen dubiosen Heizer ein. Verschwand im Labyrinth des eisernen Hauses seines Onkels, danach im Labyrinth eines obskuren Landhauses, danach im Labyrinth eines Hotels. Und immer die dunklen, endlosen Gänge, das falsche Abbiegen, das Hinausgeworfenwerden, das Gefangengehaltenwerden, das Umklammertwerden und Nichtmehrlosgelassenwerden. Die falschen Freunde, die herrischen Hüter. Das irre, undurchschaubare Gesetz, nach dem er immer weiter abrutscht. Die Frauen, die ihn benutzen. Und all dem, noch dem Unkameradschaftlichsten und Entwürdigendsten, gibt Karl sich hin. In kameradschaftlicher Freundlichkeit, stummer Diskretion und liebevollster Höflichkeit. Er ziert seinen komisch albtraumhaften Lebenslauf, der aus lauter falschen Entscheidungen und Richtungswahldebakeln besteht, mit: einem feinen Lächeln.

          Am Ende darf Karl Rossmann das einzige Mal richtig gehen. Er rettet sich: ins Theater. Ins Naturtheater von Oklahoma, in dem jeder, der will, ein Künstler sein darf. In dem die Engel so rein und gut die Trompete blasen wie die Teufel, die nichts als gefallene Engel sind. In dem es weit und sanft und reinlich zugeht und wo die ganze Welt Bühne ist, die nicht von dieser Welt ist. Kann sein, dass das für Karl der Himmel ist. Man weiß es nicht. Denn das Naturtheater von Oklahoma ist wie alles andere in „Amerika“ von Franz Kafka fragmentarischer Teil eines Romanfragments von 1912. Karl ist von allen Hilflosigkeits- und Verlorenheitsfiguren Kafkas die liebenswürdigste, die leichteste und die leiseste. Ein Unvollständiger. Er hat noch Hoffnung: Er darf zum Theater. Also darf er sich auch dramatisieren lassen.

          Selbstmordschlingen in einer Traumschiffkulisse

          Das Zürcher Theater, das sowieso nicht mit dem Naturtheater von Oklahoma zu verwechseln wäre, hat Kafkas feinen kakanisch-böhmischen Karl offenbar irgendwo in einer Ost-Berliner Kneipe hinter der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz aufgetrieben, ihm einen Prolo-Schnauzer und eine Schiebermütze verpasst. Dafür hat das Haus das Freilichtatrium des Schiffbaus, seiner Nebenspielstätte, bis über die Toppen geflaggt und dort ein richtiges Schiffsdeck mit Schornstein, Sirenen, Rettungsbooten, Sonnenschutzsegeln und Deckbar aufgebaut. Dort wirft der Heizer, gruftbaritonsatt gebrüllt vom Schauspieler Robert Hunger-Bühler, mit Kohleneimern und wälzt sich in den Briketts. Dort spielen kurzberockte Mädels Ringelpiez im Rettungsboot.

          Dort lässt die Kapitänin der Margit Bendokat ihren dauerironischen Verfremdungsdiskant vom Prenzlauer Berg vom Stapel. Dort springt der grobe Kerl Karl in Gestalt des Schauspielers Marc Hosemann mit seiner ungewaschenen Plauzigkeit in irgendwelche Selbstmordschlingen (die Kafka nicht vorsieht), will aber „auf jedes Wort achtgeben“ (womöglich, weil das so bei Kafka steht), während der Heizer plötzlich zum Onkel von Karl wird und alle einen Finger-Schnippschnapptanz hinwackeln, dieweil das Publikum rund ums Schiffsdeck erbärmlich friert. Von einem Labyrinth ist so wenig die Spur wie von einem Leben. Von Feinem ganz zu schweigen. Nur ein grobes Alfresco. Karl, in feuchten Regie-Gips gemantscht. Jedoch in fernsehtauglich naturalistischer Traumschiffkulisse.

          Weitere Themen

          Er war „Motzki“

          Schauspieler Jürgen Holtz tot : Er war „Motzki“

          Als Ossi-hassender Frührentner sorgte er 1993 für eine TV-Kontroverse. Eigentlich war Jürgen Holtz auf der Bühne zuhause – und entblößte sich dort kurz vor seinem Tod noch einmal völlig. Mit 87 Jahren ist er gestorben.

          Topmeldungen

          Das Lächeln wird ihm vergehen: Jungen Leuten wollte der türkische Staatspräsident auf Youtube etwas sagen. Als sie antworteten, machte er den Laden dicht.

          Brief aus Istanbul : Erdogan muss die Jugend fürchten

          Der türkische Präsident hat ein Problem: Junge Wähler lehnen ihn ab. Er buhlt um ihre Gunst, auch im Internet. Doch da hat er gerade eine große Pleite erlebt.
          Durch ein anderes Delikt in den Fokus geraten: Der Mörder von Johanna Bohnacker konnte 18 Jahre nach der Straftat gefasst werden.

          „Cold Cases“ : Keiner wird vergessen

          Moderne Ermittlungsmethoden ermöglichen es, neue Spuren in vermeintlich unlösbaren Kriminalfällen zu entdecken. In Hessen werden „Cold Cases“ jetzt systematisch aufgerollt.
          Nach vier Monaten Kontaktsperre: Dolores Reyes Fernández umarmte ihren Vater José Reyes Lozano vergangene Woche in einem Altenheim in Barcelona.

          Seniorenheime in Spanien : Die Tage der einsamen Corona-Tode

          In Spanien starben so viele Menschen in Seniorenheimen wie in keinem anderen Land Europas. In den Augen von Angehörigen war es ein Zusammenbruch mit Ansage.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.