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Castorf-Premiere in Zürich : So geht denn alles zu Grunde

  • -Aktualisiert am

Mit Bande spielen: Ueli Jäggi und Robert Hunger-Bühler in Frank Castorfs Adaption von Dürrenmatts „Justiz“ Bild: Matthias Horn

Was, wenn es wirklich brennt? Frank Castorf adaptiert Friedrich Dürrenmatts philosophischen Kriminalroman „Justiz“ im Züricher Pfauen.

          In der Pause spricht es sich herum: Notre Dame brennt. Es ist wie in Goethes „Novelle“, wenn die fürstliche Reitergruppe von einem Aussichtspunkt oben im Bergwald durch ein Fernrohr auf die Stadt schaut und erschrocken feststellt, dass der Markt unten in Flammen steht. Immer wieder rufen die Theaterbesucher während der Vorstellung auf ihren Telefonen die Bilder der brennenden Kirche auf, verfolgen mit, wie der Spitzturm zusammenstürzt und die Flammen aus dem Dachstuhl in den Nachthimmel schlagen. Auch auf der Bühne hat man den Brand in Paris zur Kenntnis genommen und versucht sich mehr schlecht als recht in ein paar aktuellen Anspielungen. „Es brennt“ stoßen Alexander Scheer und Jan Bülow mit acht Zigaretten im Mund hervor und prosten sich anschließend mit einem „auf die Kathedrale“ zu.

          An diesem Abend spielen sie einen Roman nach, in dem es um das Verhältnis von Recht und Gerechtigkeit beziehungsweise den Zusammenhang von Möglichkeit und Wirklichkeit geht. Das Feuer in Frankreich ist echt, daran besteht kein Zweifel. Und so wirkt Castorfs fünfeinhalbstündige Zergliederung von Dürrenmatts „Justiz“-Roman dieses Mal auf seltsame Weise bemüht und unsachgemäß. Der Umstand, dass die Wirklichkeit an diesem Abend einfach da ist, ohne zu fragen, lässt alles dekonstruktive Stirnrunzeln und skeptische „Als-ob-Spiel“ plötzlich ganz alt aussehen.

          Soll ich mich kastrieren?

          In einem Interview im Vorfeld hatte sich der Volksbühnen-Veteran Frank Castorf noch einmal als „unerzogenen Enkel von Bertolt Brecht“ vorgestellt und darüber hinaus als einen „der unterbezahltesten Regisseure“ bezeichnet. Wobei fraglich bleibt, mit wem er sich dabei vergleicht. Über Unterbeschäftigung kann Castorf jedenfalls nicht klagen, fast alle großen Häuser bemühen sich um ihn. Auch wenn seine moralisch inkorrekten Äußerungen über minderbegabte Regisseurinnen und den erschlafften Linksliberalismus zunehmend für Ärger sorgen. Aber Castorf darf interessanterweise immer noch alles, denn er trägt den unsichtbaren Schutzmantel des Ost-Dissidenten, an den sich auch die neue diversitätsorientierte, geschlechter- und repräsentationssensible Theatergeneration nicht heranwagt. Auf die anspielungsreiche Frage, warum Frauen in seinen Inszenierungen so oft pornohaft bekleidet auftreten müssten, gab er keine direkte Antwort, sondern fragte bissig zurück, ob er sich etwa „als alter, weißer Mann umbringen oder kastrieren lassen“ solle. Sein Kampf gelte dem „Spießig-Puritanisch-Verlogenen“, die „MeToo“-Bewegung sei ein „Mittelstandsthema, das Mittelständler bearbeiten, um in ihrem Bereich bessere Bedingungen zu bekommen“. Entwickelt Castorf sich zum Jordan Peterson des deutschen Theaters? Einer, der den Mehrheitsmännern Mut macht und die Härte zurück in die Debatte bringt? Vielleicht. Vor allem aber ist er einer der letzten, der die Kraftlinien von Geschichte(n) ernst nimmt und nach wie vor nicht nach Moral, sondern nach Interessen fragt. Manchmal jedenfalls.

          Großvater erzählt von den Waffenfabrikanten: Ueli Jäggi in Castorfs „Justiz“-Adaption

          Dieses Mal erschöpft sich seine Inszenierung allerdings in der Behauptung von Kritik und der so altbekannten wie zweifelhaften Spuck- und Ruckel-Ästhetik. Nadelstreifenanzug, Tangaauftritt (gleich in der ersten halben Stunde), Mastercardsymbol an der gläsernen Restauranttür – dazu die mal kreischende, mal haspelnde Rede vom Betrieb, der sich Staat nennt und aus der Geschichte austritt, um in ein großes Geschäft einzutreten. Die Schweiz ist kein gutes Jagdgebiet für Castorf. Und Dürrenmatt ist es auch nicht. In dessen philosophischen Kriminalroman „Justiz“ erschießt der freundliche Kantonsrat Kohler vor den Augen der – in einem Züricher Nobelrestaurant versammelten – Stadtöffentlichkeit einen Germanistikprofessor und muss dafür zwanzig Jahre ins Gefängnis. Hier beauftragt er den jungen karrieristischen Juristen Spät mit einer Überprüfung seines Falls: Der Anwalt soll davon ausgehen, er sei nicht der Mörder gewesen. Zu spät bemerkt Spät, dass er in eine Falle getappt und zum Vollstrecker eines ausgeklügelten Racheplans geworden ist.

          Nonstop-Programm

          Im Grunde ist „Justiz“ ein Billardroman und spielt über die Bande. Betrieben wird höhere Gesellschaftsmathematik und ein populärphilosophisches Erkenntnisrätselraten. Die menschliche Bestimmung liege im Denken, nicht im Handeln, posaunt Kantonsrat Kohler, den Robert Hunger-Bühler in Erinnerung an sein früheres Theaterleben als eine Art Mephisto gibt. Alexander Scheer schlendert als junger Rechtsanwalt erst im Bogart-Trenchcoat, dann im Glitzerkostüm über die Bühne, knallt seinen blondierten Kopf gegen das Fensterglas und schüttet sich weißes Pulver auf die Zunge. Die Drehbühne von Aleksandar Denic bietet wie gewohnt einige Schaulust – diesmal hat er ein Modell des traditionsreichen Edelrestaurants „Kronenhalle“ an das Züricher Le-Corbusier-Haus gebaut und dazwischen die Außenfassade des letzten Sexkinos der Stadt imitiert. Blinkende Neonröhren versprechen selbstreflexiv ein „Nonstop-Programm“ und daneben schleppt sich der Zeiger einer Bahnhofsuhr über die Zeit. Das Schauspielensemble bemüht sich redlich, die langen Spielstunden herumzubringen, aber trotz allem Gebrüll, Gerutsche und Gefilme will keine rechte Manie-Stimmung aufkommen. Das liegt vielleicht auch daran, dass Castorf sich dieses Mal zumindest inhaltlich hat kastrieren lassen, denn der Diogenes-Verlag hat jeden Einsatz von Fremdtexten verboten. Allein Sätze von Dürrenmatt dürfen gesprochen und sonst nur Lieder gesungen werden. Also bleibt zum Reißaus vom Original nur der Exkurs in andere Werke: Ueli Jäggi erzählt Familiengeschichten von Waffenfabrikanten, Scheer singt Gundermann – seine letzte Kinorolle – und Julia Kreusch trägt das „Schlusslied der Parlamentarier“ aus Dürrenmatts Stück „Herkules und der Stall des Augias“ vor: „So geht denn alles zu Grunde/Politiker Helden und Land/Die Knochen fressen die Hunde/ Das Blut versickert im Land“.

          Kurz nach Mitternacht, das Feuer in Paris ist inzwischen unter Kontrolle gebracht, stellt sich Jäggi hinten im Bühnenoff vor die Kamera und beginnt im Dürrenmatt-Tonfall die entscheidenden Fragen zu stellen: „Wie empfindet die Erde ihr Alter? Wie erlebt der Frieden seine Zeit?“ Aber da ist der Abend schon zu Ende. Er hat fünfeinhalb Stunden zu spät begonnen.

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