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„Carmen“ auf der Seebühne : Ein gischtspritzendes Wasserballett

  • -Aktualisiert am

Teuflische Eifersucht: Don José (Daniel Johansson) ertränkt Carmen (Gaëlle Arquez) im Bodensee. Bild: dpa

Bei den Festspielen in Bregenz verpflanzen Kasper Holten und Es Devlin Georges Bizets Oper „Carmen“ spektakulär in den Bodensee – und lassen den See mitspielen.

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          Früher machte die Luxuskunstform Oper im Sommer eine Pause. Sänger und Musiker wurden, wenn die adlige Herrschaft aufs Land ging, vorübergehend entlassen und im Herbst wieder neu eingestellt. Heute ist Sommerzeit allemal Festspielzeit, und Opern sind Bestseller im gehobenen Freizeitgestaltungsbusiness. Warum man aber ein so fragil-hybrides Kunstprodukt unbedingt open air anbieten muss, und das unter logistisch wie akustisch unmöglichen Umständen, bleibt eines der letzten ungelösten Rätsel der Menschheit.

          Die Bregenzer Festspiele sind auf dieses Rätsel abonniert. Sie haben es sogar im Lauf der Jahre perfektioniert. Der größte Kick ist hier, dass das „Spiel auf dem See“ überhaupt stattfindet, 28 Mal in diesem Sommer, trotz Wasser von oben und unten, trotz Witterung und Windstärke. Die rund 7000 Zuschauer, die in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag unter ihren Ganzkörper-Pelerinen bei Blitz und Donner letztlich doch ziemlich nass wurden bei der Premiere der „Carmen“ nach Georges Bizet, zur Eröffnung der 72. Festspielsaison, konnten anschließend freudig zerzaust sagen, dass sie dabei gewesen waren. Wobei? Diese Frage ist vergleichsweise Nebensache.

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          Bizet erzählt in seiner tragischen Opéra comique, die schon so viele Kitschfassungen glanzvoll überlebt hat, von der Genese der Gewalt durch Maximierung falscher Gefühle. Libretto und Musik sind ein purer Glücksfall, eine Punktlandung. Der Plot ist unsterblich: Leider sind die Frauen manchmal zu selbstbewusst, die Männer zu beschränkt, eifersüchtig alle beide, also bringen sie einander irgendwie irgendwann um. Der Regisseur Kasper Holten zeigt in Bregenz eine aufs Dekorative reduzierte Fassung. Er hat die Nummernfolge auf die unentbehrlichen Wunschkonzerthits zusammengekürzt (das sind etliche) und trägt im Übrigen Sorge, dass etwaige Details der Personenführung im Lauf der zwei Stunden die Wirkung des spektakulären, von Es Devlin entworfenen Bühnenbilds nicht mindern.

          Aus dem See grapschen, in Ufernähe, zwei Riesengeisterhände, die werfen ein Riesenkartenspiel in die Luft. Dieser Schicksalsaugenblick wurde in Stahl, Beton, Holz und Plastik festgehalten für die nächsten zwei Jahre. Einundzwanzig Meter hoch sind Carmens Hände, der Nagellack ist abgeblättert, die Riesenzigarette glimmt und qualmt in den nassen Nachthimmel, eine Spielkarte misst sieben Meter mal vier Meter dreißig, teils dienen sie als Spiel-, teils als Projektionsflächen. Und auch der Bodensee spielt mit.

          Die Bühne sieht fragil aus, muss aber noch den Sommer 2018 durchstehen.

          Einige der Karten sind eh ins Wasser gefallen, andere absenkbar. So verwandelt sich der schwungvoll-stoffreiche Luden- und Nuttentanz in der Bar von Lillas Pastia peu à peu in ein gischtspritzendes Wasserballett. Wenn Carmen sich der Verhaftung entzieht, springt sie in den See und krault sportlich außer Reichweite. Die Schmuggler aus dem andalusischen Bergland schlagen ihre illegale Ware in lautlos dümpelnden Kähnen um. Nur Star-Stierkämpfer Escamillo, der eitle Protz vom Dienst, reist unüberhörbar mit Außenbootmotor an. Und zur Quadrille der Toreros, kurz vor dem tödlichen Finale, schießen bei jeder Aufgipfelung der begeisterten Volkschöre feurig leuchtende Feuerwerk-Garben in die Nachtluft.

          Auch Micaëla, furchtlose femme fragile vom Land, hat ihren spektakulären Auftritt. Sie singt die süß hörnerumspülte Arie „Je dis que rien ne m’épouvante“ auf der Spitze des Spielkartengebirges, gewissermaßen auf Carmens linkem Riesendaumen sitzend. Anschließend seilt sie (beziehungsweise ein ungleich furchtloseres Stuntfrau-Micaëla-Double vom Wired Aerial Theatre, London) sich Karte für Karte ab ins Parterre, um ein letztes Mal für das Seelenheil ihres geliebten Don José zu beten. Vergebens. Der liebt nun mal die femme fatale und tötet sie am Ende, freilich nicht im Affekt, denn Carmen wird, nach einem sexy Bodycatchen halb unter Wasser und einem allerletzten Kuss, von ihm im Bodensee ersäuft wie ein Kätzchen. Gaëlle Arquez (Carmen) und Elena Tsallagova (Micaëla) stellen alle männlichen Gesangspartner triumphal in den Schatten. Hoch zu rühmen sind die Wiener Symphoniker unter der Leitung von Paolo Carignani, der mit Tempo und Emphase über alle Klippen der technischen Übertragung hinwegsurft, sowie die versammelten Festspielchöre, insbesondere der Kinderchor der Mittelschule Bregenz-Stadt.

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