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Carl Nielsen-Retrospektive : Tagelöhnerkind, Literat und Musiker

Nachkoloriert: Carl Nielsen Bild: Dänische Königliche Bibliothek, Kopenhagen

Er hat nie die Bedeutung für sich beansprucht, die ihm zugekommen wäre: Ein Tischgespräch mit Jørgen I. Jensen über Carl Nielsen, dem das Schleswig-Holstein Musik Festival bald huldigen wird.

          5 Min.

          Wir müssen noch Sushi kaufen, bevor wir zu Jørgen I. Jensen gehen können. Wir haben ihn nämlich zum Essen eingeladen, aber er darf wegen erster Corona-Warnungen an diesem frühen Märzabend die Wohnung nicht verlassen. Also bringen wir das Essen mit. Jensen ist Experte für Dänemarks „Nationalkomponisten“ Carl Nielsen, und das Schleswig-Holstein Musik Festival hatte – zumindest vor der Pandemie – eine große Nielsen-Retrospektive geplant. Per Erik Veng weiß, wo es das beste Sushi gibt. Schnurstracks läuft er in eine Kopenhagener Seitenstraße zu einer unscheinbaren Butze unweit vom alten Konzertsaal des Dänischen Rundfunks. Er kennt sich hier aus. Fast zwanzig Jahre war er Intendant der Klangkörper der Sendeanstalt, bevor er als Kulturattaché an die Dänische Botschaft in Berlin, schließlich – bis 2018 – als Direktor ans Dänische Kulturinstitut in Brüssel wechselte.

          Jan Brachmann
          Redakteur im Feuilleton.

          Jørgen I. Jensen schätzt er seit Jahrzehnten. Der Theologe und Musikwissenschaftler sei einer der originellsten Köpfe Dänemarks, dazu noch schlagfertig und unterhaltsam. Tatsächlich ist der Blick auf Jensens Publikationsliste verheißungsvoll. „Seelenmusik“ heißt ein frühes Buch über die Komponisten Carl Nielsen und Per Nørgård. Ein weiteres trägt den Titel „Die ferne Kirche. Zwischen Kultur und Religiosität“, das nächste „Ich-Automaten: Theologische Kritik eines Menschenbildes“. Vor elf Jahren schließlich erschien: „Europa-Sonate: Theologische Spuren in der klassischen Musik“. Allein die Titel klingen schon, als habe man es mit einem dänischen George Steiner zu tun, einem enzyklopädisch gebildeten Intellektuellen, der in seine kulturtheoretischen Überlegungen die Musik zentral einbezieht. Schade, dass man seine Bücher nicht auf Deutsch lesen kann.

          Bibelfest und mit Platon vertraut

          Jensen, ein hochgewachsener Mann mit kahlem Schädel und Brille, Mitte siebzig, empfängt uns in seiner Wohnung. Sein Gesicht verrät, dass er gern und viel lacht. Er scheint hier wie ein Spitzweg’scher Bücherwurm zu hausen zwischen lauter Regalen, deren Bretter sich biegen. Wir sitzen am Tisch im Licht einer blauen Lampe und essen. Ohne Umschweife beginnt Jensen auf Deutsch: „Wissen Sie, Carl Nielsen erstaunt mich immer wieder. Er war ein Tagelöhnerkind, Sohn eines Malers, aufgewachsen auf dem Dorf. Woher hatte er diese enorme Bildung? Als er für die Pläne, nach Ludvig Holbergs Komödie ,Maskerade‘ eine Oper zu schreiben, kritisiert wird, verteidigt er sich mit der Souveränität eines Literaturtheoretikers, sowohl fachlich als auch rhetorisch. Nielsen konnte glänzend schreiben. Sein Erinnerungsbuch ,Meine fünische Kindheit‘ würde ich als Weltliteratur bezeichnen.“

          War Nielsen, der Anregungen des Naturalismus, Symbolismus und des philosophischen Vitalismus um 1900 in sich aufsog wie ein Schwamm, auch theologisch interessiert? Immerhin hat er nicht nur sechs Symphonien, zwei Konzerte und zwei Opern, sondern auch mehr als vierzig Kirchenlieder hinterlassen. „Nielsen las viel“, sagt Jensen, „ich weiß gar nicht, wann er neben dem Dirigieren und Spielen in der Königlichen Kapelle überhaupt dazu kam. Aber in einer Notiz zu den Dramen Henrik Ibsens bemerkt man seine Bibelfestigkeit. Er stellt nämlich selbst die Verbindung von Ibsen zu einem Satz des Lukas-Evangeliums her: ,Wenn du weißt, was du tust, bist du selig.‘ Nielsen führte, man vermutet das kaum, Gespräche mit dem Literaturtheoretiker Georg Brandes, der ja viel für die Nietzsche-Rezeption in Nordeuropa getan hatte. Und Nielsen besaß genaue Kenntnisse der Werke von Platon und Pindar.“

          Er dachte universell

          Das Nielsen-Jubiläum 2015 zum 150. Geburtstag, an dessen Ausstrahlungskraft in Deutschland Per Erik Veng großen Anteil hatte, mag Nielsen im Ausland etwas bekannter gemacht haben. Aber noch immer ist er weltweit nicht so stark im Musikleben etabliert wie der Finne Jean Sibelius oder der Norweger Edvard Grieg. Liegt das nur daran, dass er kein Folklorist war, dass er von Beginn an universell und nicht in Nationalstilen dachte? „Nein“, sagt Jensen, „es hat mit dem Dänischen zu tun. Und das Dänische ist das Nebenperson-Syndrom: Man zieht sich zurück und sagt, ich bedeute nicht so viel. So war Nielsen schon zu Lebzeiten bei internationalen Zusammenkünften. Er hat nie die Bedeutung für sich beansprucht, die ihm zugekommen wäre.“

          Jensens Monographie über den Komponisten, die jahrzehntelang den Stand der Diskussion markierte, heißt „Carl Nielsen – der Däne“. Sie hatte 1991 den Anstoß zu weiter gehender Beschäftigung mit Nielsen gegeben. Der Dirigent Herbert Blomstedt regte mit einem Wochenhonorar für John Fellow Larsen die Veröffentlichung aller Briefe von Carl Nielsen an – ein Projekt, das zehn Jahre gedauert hat. Inzwischen sind fünf Millionen dänische Kronen (etwa siebenhunderttausend Euro) aus öffentlichen Mitteln bereitgestellt worden, damit der Musikwissenschaftler Michael Fjeldsøe eine neue Nielsen-Monographie schreiben kann. Sie wird „Carl Nielsen – der Europäer“ heißen, was keineswegs als Kritik an Jensen gemeint ist.

          Ein idealer Protagonist

          Fjeldsøe, den wir schon am Vormittag getroffen hatten, legt das Gewicht seiner Darstellung auf ganz andere Dinge: Nielsens Nachbar während dessen Kindheit sei ein deutscher Bauer aus Schleswig gewesen; das nahe gelegene Ziegelwerk hatte viele deutsche Arbeiter; Nielsens Lehrer in der Militärkapelle von Odense seien deutsche Musiker aus Rendsburg gewesen, die nur gebrochen Dänisch sprechen konnten. Nielsens „fünische Kindheit“ sei eben keine rein dänische gewesen. Es könne wissenschaftlich nicht mehr um die Restauration einer nationalromantischen Sicht gehen. Nielsens Schwiegervater stammte aus einer schleswigschen Deichgrafenfamilie.

          Zu Nielsen als geistiger Persönlichkeit gehörten seine Orientierung nach Deutschland, seine Mitgliedschaft in der Preußischen Akademie der Künste, seine kollegialen Beziehungen zu Ferruccio Busoni und Arnold Schönberg, sein Interesse an der Musik Igor Strawinskys. Natürlich hätte all das Carl Nielsen zum idealen Protagonisten gemacht, um beim Schleswig-Holstein Musik Festival in diesem Jahr an das Jubiläum der friedlichen Grenzziehung zwischen Dänemark und Deutschland per Volksabstimmung 1920 zu erinnern. Christian Kuhnt, der Intendant des Festivals, der in den Vorjahren eher auf Johann Sebastian Bach, Peter Tschaikowsky und Felix Mendelssohn Bartholdy als Schwerpunktkomponisten gesetzt hatte, würde mit Nielsen Mut bewiesen haben. Nun aber bleibt von dem Schwerpunkt nicht viel übrig.

          Wendung ins Erotische

          Einige Solisten und Ensembles wie Helene Blum und Harald Haugaard, Concerto Copenhagen, Musica Ficta und das Dänische Klavier-Duo haben sich diesen Sommer auf Gut Pronsdorf in einer Carl-Nielsen-WG versammelt, um dort einen Querschnitt aus Nielsens Chor- und Kammermusik aufzuzeichnen, der vom 16. August an ausgestrahlt werden soll. Es wäre aber eine verpasste Chance, wenn man den Nielsen-Schwerpunkt in seinem ursprünglich geplanten Umfang nicht nachholen würde. Unsere Kultur des Redundanzhörens, also der Wiederholung von Allbekanntem, könnte diese Erfrischung dringend gebrauchen.

          Am Tisch von Jørgen I. Jensen nimmt unser Symposion, wiewohl gänzlich alkoholfrei, irgendwann die unvermeidliche Wendung ins Erotische, zumal Nielsen dafür bekannt ist, neben zwei ehelichen wenigstens zwei uneheliche Kinder gehabt zu haben. „Er war ein erotisch empfänglicher und ausstrahlungsstarker Mann, leutselig, gesprächig, leuchtend“, sagt Jensen, „aber in seinen Schriften erotisch immer sehr zurückhaltend.“ Und schon ist er wieder bei der Theologie. „Wissen Sie, dass Sonatenform und Komödientheorie zusammenhängen? Die Komödie ist die Überwindung einer alten Ordnung durch eine neue, die in einer Ehe bekräftigt wird. Und genau das ist die Dramaturgie des Neuen Testaments mit dem neuen Jerusalem als Braut und Christus als Bräutigam. Der Repriseneinsatz in einer Sonate – das ist ein metaphysisches Ereignis.“ Das Sushi ist wirklich gut und offenbar bewusstseinserweiternd.

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