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Carl Nielsen-Retrospektive : Tagelöhnerkind, Literat und Musiker

Jensens Monographie über den Komponisten, die jahrzehntelang den Stand der Diskussion markierte, heißt „Carl Nielsen – der Däne“. Sie hatte 1991 den Anstoß zu weiter gehender Beschäftigung mit Nielsen gegeben. Der Dirigent Herbert Blomstedt regte mit einem Wochenhonorar für John Fellow Larsen die Veröffentlichung aller Briefe von Carl Nielsen an – ein Projekt, das zehn Jahre gedauert hat. Inzwischen sind fünf Millionen dänische Kronen (etwa siebenhunderttausend Euro) aus öffentlichen Mitteln bereitgestellt worden, damit der Musikwissenschaftler Michael Fjeldsøe eine neue Nielsen-Monographie schreiben kann. Sie wird „Carl Nielsen – der Europäer“ heißen, was keineswegs als Kritik an Jensen gemeint ist.

Ein idealer Protagonist

Fjeldsøe, den wir schon am Vormittag getroffen hatten, legt das Gewicht seiner Darstellung auf ganz andere Dinge: Nielsens Nachbar während dessen Kindheit sei ein deutscher Bauer aus Schleswig gewesen; das nahe gelegene Ziegelwerk hatte viele deutsche Arbeiter; Nielsens Lehrer in der Militärkapelle von Odense seien deutsche Musiker aus Rendsburg gewesen, die nur gebrochen Dänisch sprechen konnten. Nielsens „fünische Kindheit“ sei eben keine rein dänische gewesen. Es könne wissenschaftlich nicht mehr um die Restauration einer nationalromantischen Sicht gehen. Nielsens Schwiegervater stammte aus einer schleswigschen Deichgrafenfamilie.

Zu Nielsen als geistiger Persönlichkeit gehörten seine Orientierung nach Deutschland, seine Mitgliedschaft in der Preußischen Akademie der Künste, seine kollegialen Beziehungen zu Ferruccio Busoni und Arnold Schönberg, sein Interesse an der Musik Igor Strawinskys. Natürlich hätte all das Carl Nielsen zum idealen Protagonisten gemacht, um beim Schleswig-Holstein Musik Festival in diesem Jahr an das Jubiläum der friedlichen Grenzziehung zwischen Dänemark und Deutschland per Volksabstimmung 1920 zu erinnern. Christian Kuhnt, der Intendant des Festivals, der in den Vorjahren eher auf Johann Sebastian Bach, Peter Tschaikowsky und Felix Mendelssohn Bartholdy als Schwerpunktkomponisten gesetzt hatte, würde mit Nielsen Mut bewiesen haben. Nun aber bleibt von dem Schwerpunkt nicht viel übrig.

Wendung ins Erotische

Einige Solisten und Ensembles wie Helene Blum und Harald Haugaard, Concerto Copenhagen, Musica Ficta und das Dänische Klavier-Duo haben sich diesen Sommer auf Gut Pronsdorf in einer Carl-Nielsen-WG versammelt, um dort einen Querschnitt aus Nielsens Chor- und Kammermusik aufzuzeichnen, der vom 16. August an ausgestrahlt werden soll. Es wäre aber eine verpasste Chance, wenn man den Nielsen-Schwerpunkt in seinem ursprünglich geplanten Umfang nicht nachholen würde. Unsere Kultur des Redundanzhörens, also der Wiederholung von Allbekanntem, könnte diese Erfrischung dringend gebrauchen.

Am Tisch von Jørgen I. Jensen nimmt unser Symposion, wiewohl gänzlich alkoholfrei, irgendwann die unvermeidliche Wendung ins Erotische, zumal Nielsen dafür bekannt ist, neben zwei ehelichen wenigstens zwei uneheliche Kinder gehabt zu haben. „Er war ein erotisch empfänglicher und ausstrahlungsstarker Mann, leutselig, gesprächig, leuchtend“, sagt Jensen, „aber in seinen Schriften erotisch immer sehr zurückhaltend.“ Und schon ist er wieder bei der Theologie. „Wissen Sie, dass Sonatenform und Komödientheorie zusammenhängen? Die Komödie ist die Überwindung einer alten Ordnung durch eine neue, die in einer Ehe bekräftigt wird. Und genau das ist die Dramaturgie des Neuen Testaments mit dem neuen Jerusalem als Braut und Christus als Bräutigam. Der Repriseneinsatz in einer Sonate – das ist ein metaphysisches Ereignis.“ Das Sushi ist wirklich gut und offenbar bewusstseinserweiternd.

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