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„Capriccio“ in Frankfurt : Ein Abschied mit politischem Entschluss

Brigitte Fassbaenders „Capriccio“ an der Frankfurter Oper. Bild: Monika Rittershaus

Lange galt „Capriccio“ von Richard Strauss als Rarität für Feinschmecker, seit Kurzem hat das Stück Konjunktur. Die Oper Frankfurt zeigt es nun als Werk des Widerstands

          3 Min.

          Mit geschlitzten Taschenlampen schlich sich das Publikum im unbeleuchteten München – Luftangriffe waren zu erwarten – am 28. Oktober 1942 ins Nationaltheater, um die Uraufführung von „Capriccio“, eines „Konversationsstücks für Musik“, von Clemens Krauss und Richard Strauss zu erleben. Die Welt, die dieses Publikum umgab, mussten, konnten und wollten die Autoren in diesem Stück nicht zeigen. Strauss, fast achtzig Jahre alt, hatte nur noch eines vor: als Komponist würdig Abschied zu nehmen von der Bühne, die ihm die Welt war, es aber nach seiner Ahnung nicht mehr lange sein konnte.

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Für diesen Abschied hatte er ein Stück geschrieben, in dem Aristokraten auf einem Landsitz nahe Paris im Jahr 1775 über die Zukunft der Oper und des Theaters diskutieren. Der Komponist Flamand, der Dichter Olivier sind beide in die schöne Gräfin Madeleine verliebt; der Diskurs um den Vorrang der Künste ist zugleich einer um den Vorrang der Männer, auch wenn der philosophierende Bruder der Gräfin die Empfehlung gibt, „den Künstler vom Werke zu trennen“.

          Eine Verneigung vor Frankreich

          Die Zeiten sind heute längst vorbei, da man dieses Stückes wegen noch den Vorwurf der Wirklichkeitsflucht erheben würde gegen Strauss, der sich den Nationalsozialisten als Reichsmusikkammerpräsident bis 1935 angedient hatte. „Capriccio“, lange als Rarität für Feinschmecker gehandelt, hat seit einigen Jahren Konjunktur: Lyon, Meiningen, Wien, Brüssel haben es in den letzten fünf Jahren angesetzt; nun ist es, in einer fesselnden Inszenierung von Brigitte Fassbaender, auch an der Oper Frankfurt zu sehen. Seit den neunziger Jahren scheint es kaum noch möglich, ungebrochen in das späte Rokoko des Librettos einzutauchen. Der Kontext von Krieg und Gewalt, oft ganz konkret in Formen und Kostümen der vierziger Jahre, also der Entstehungszeit des Werkes, gerät jetzt immer ins Bild.

          Inzwischen hat man die Finesse von „Capriccio“ zu lesen gelernt: Strauss, seit je frankophil, huldigte schon 1940 mit einem Ballett nach Stücken von François Couperin der Kultur des frisch besetzten Frankreichs; dessen Titel: „Verklungene Feste“. Zwei Jahre später setzt er mit „Capriccio“ nach. Er verneigt sich vor Frankreich und spielt ein Spiel mit allerlei Ellipsen, die betonen, was sie ausklammern. Selbstzitate wie aus seiner kurz zuvor entstandenen Oper „Daphne“ illustrieren ein Geplänkel über die Trennung zwischen Kunst und Mensch. Und wenn der Theaterdirektor La Roche in einer Schlüsselszene eine Kunst mit „Menschen, die uns gleichen, die unsere Sprache sprechen“ fordert, während das Stück selbst aber dezidiert ins Rokoko flieht, dann wird klar, wie sehr die Ausblendung der Zeitumstände diese selbst präsent macht.

          Hausmusiker im Partisanenkampf

          Brigitte Fassbaender hat „Capriccio“ nun auf das Schloss einer Gräfin in Frankreich im Jahr 1940 verlegt. Der Bariton Daniel Schmutzhard als Olivier und der Tenor AJ Glueckert als Flamand spielen gewandt, genau, mit Witz und Timing eine Komödie wechselseitiger Aufmerksamkeitsverdrängung vor den Augen der Gräfin Madeleine (Camilla Nylund), während sich zwischen dem Grafen (Gordon Bintner) und der Schauspielerin Clairon (Tanja Ariane Baumgartner) eine liaison amoureuse anbahnt.

          Was niemand bemerkt, sondern nur das Publikum, ist die Komplizenschaft zwischen Madeleine und ihrem Haushofmeister (Gurgen Baveyan): Sie versorgen die Hausmusiker mit Waffen für den Partisanenkampf und verständigen sich, dem Aufruf von Charles de Gaulle zum Widerstand, der sie in Form eines Plakats erreicht, Folge zu leisten. Dass der Souffleur (Graham Clark) vermutlich ein Spitzel ist und ein Dia aus dem Vortrag von La Roche über den „Untergang Karthagos“, illustriert mit Bildern von Albert Speers Entwürfen zur Reichshauptstadt Germania, vermutlich zur Denunziation nutzen wird, gehört zu den unvermeidbaren Risiken.

          Der Kampf lohnt sich

          In der Schlussszene weitet sich die Bühne von Johannes Leiacker vom Salon zur Orangerie eines Schlosses bei Nacht, und Madeleine erscheint im Reifrock. Das bislang von Fassbaender szenisch verweigerte Rokoko bekommt einen großen Auftritt. Doch im Schlussmonolog legt Madeleine ihr Kleid ab und zieht den Mantel der Partisanen an, um sich mit ihren bewaffneten Hausmusikern der Résistance anzuschließen. Das ist ein szenischer Hakenschlag, der sich zugleich vor Strauss verneigt. Nicht nur erinnert das Anlegen des Kleides an Marie-Antoinettes Gang aufs Schafott („Capriccio“ spielt – auch das bewusst – in dem Jahr, in dem sie Königin von Frankreich wurde). Es ist zugleich die Huldigung der Gräfin, im Moment ihrer politischen Entscheidung, an eine Kultur, für die, nach ihrer Überzeugung, der Kampf sich lohnt: die Kultur der apolitischen Konversation, der ästhetischen Differenzierung, der erotischen Causerie. Wie Fassbaender mit diesem Einfall den Geist des Stücks aus Huldigung und Widerstand, aus Zeitbezugsverweigerung als Wahrung eigener Würde trifft, das ist überraschend und überwältigend.

          Sängerisch macht die Besetzung, besonders mit Schmutzhard und Glueckert, viel Vergnügen, auch wenn Nylund ihre Geheimnisse, ihr Doppelspiel – bei allem lyrischen Schmelz – nuancierter in ihre Stimme legen könnte. Alfred Reiter als La Roche, mit wie stets vorzüglicher Diktion, könnte man sich jovialer, gutmütiger, weniger nörgelig denken. Sebastian Weigle am Pult des Frankfurter Opern- und Museumsorchesters treibt das Drama zügig und etwas nervös voran. Für die Dialoge ist das gut. Aber den Zwischenspielen, besonders der „Mondscheinmusik“, fehlt die tiefe Melancholie des Abschieds. Und die braucht dieses Stück. Sie muss einem beim Hören die Kehle zuschnüren.

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