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Cellistin Camille Thomas : Allein mit der Musik

  • -Aktualisiert am

Camille Thomas bei einem ihrer Auftritte Bild: Deutsche Grammophon

Während des Lockdowns in Frankreich sind die Kultureinrichtungen geschlossen. Die Cellistin Camille Thomas nutzt die leeren Museen als Spielort, um einen kleinen Ersatz für das Konzerterlebnis zu schaffen.

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          Hell fällt das Tageslicht durch Jean Nouvelles ornamentale Fassade des Pariser Institut du monde arabe. Wie aus dem Nichts erhebt sich die Melodie, entsteht der kaum zuzuordnende herbe Klang aus der Tiefe des verlassenen, dunklen Raums. Die Cellistin Camille Thomas spielt „Kaddish“ von Maurice Ravel. Die Vertonung des jüdischen Totengebets mit arabischen Anklängen durch einen katholischen Komponisten in einem Institut, das dem Kulturaustausch zwischen Orient und Okzident dient. Und das derzeit keiner besuchen kann, weil es – wie alle Kultureinrichtungen der französischen Hauptstadt – während des sogenannten zweiten Lockdowns gerade geschlossen ist.

          Camille Thomas allein mit der Musik: Der kurze Film ist einer von neun Videos in verschiedenen menschenleeren Pariser Museen, die sie gerade in unregelmäßigen Abständen auf ihrem Youtube-Kanal veröffentlicht. Allesamt eine Reminiszenz an den Moment, als Camille Thomas während des ersten Lockdowns aus Verzweiflung über das Alleinsein mit ihrem Stradivari-Cello auf das Dach ihres Pariser Apartments stieg und über den Dächern der in sich gekehrten, eingeschlossenen Stadt gespielt hat: „Man nimmt eine höhere Position ein und sieht weiter. Und ich denke, das ist auch die Art von Gefühl, die Musik vermitteln kann, wenn man sie spielt oder hört.“

          Wenn die Einsamkeit ihre Erfüllung findet

          Dafür brauchen Musikerinnen und Musiker Publikum. Diese anonyme atmende und fühlende Masse, mit der sie interagieren. Im Positiven wie im Negativen. Jenen erhebenden Moment des Austauschs, auf den alles Üben abzielt. „Es gehört zum Leben eines Musikers, mit der Kunst, mit der Partitur allein zu sein“, sagt die 32-jährige Frankobelgierin, die nach rund 40 Jahren als erste Cellistin in der Nachfolge von Jacqueline du Pré wieder einen Exklusivvertrag mit der Deutschen Grammophon erhalten hat.

          „Aber alles ist eine Vorbereitung auf diesen Moment, in dem diese Einsamkeit ihre Erfüllung findet. Und, ja, das ist das Teilen.“ Über vier Millionen Menschen haben das Video der Cellistin über den Dächern von Paris mittlerweile auf Instagram gesehen. Und geteilt. Als kleiner Ersatz für das Konzerterlebnis, das fehlt.

          „Never give up“ heißt das Cellokonzert, das der türkische Pianist und Komponist Fazil Say für Camille Thomas geschrieben hat. Es steht im Zentrum ihrer aktuellen CD „Voice of Hope“, von der auch fast alle Stücke stammen, mit denen sie jetzt die leeren Pariser Museen bespielt. Der Komponist selbst bezeichnet es als „Aufschrei nach Freiheit und Frieden“. Besonders im zweiten Satz, dem Adagio: Harte Tonrepetitionen im Schlagzeug wechseln sich ab mit schreienden Holzbläsern. In den Spielanweisungen der Partitur steht „Kalaschnikov“ und „like a scream“.

          Das Werk ist eine Reaktion auf die Terroranschläge in Paris und Istanbul. Die widerständige Schönheit, die Camille Thomas darin als Gegenentwurf und Stimme der Hoffnung mit dem Cello in ihrer Solopartie erschafft, ist nicht nur virtuos, sondern auch atemberaubend intensiv. Und so wie das Konzert am Ende dem Klangbild des Terrors das des Friedens entgegensetzt, so führt auch die Dramaturgie der CD, die Camille Thomas wie immer bei ihren Alben selbst entworfen hat, vom Dunkel ins Licht: von Maurice Ravels Totengebet zu Bellinis „Casta Diva“. Bellini will sie sich für das große Finale ihrer Reihe im Pariser Grand Palais aufsparen.

          Camille Thomas: „Voice of Hope“ (Deutsche Grammophon / Universal)

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