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Monteverdi in Mannheim : Der Bauch ist hier das A und O

Singen zirrhenzart: Nikola Hillebrand und Amelia Scicolone. Bild: Hans Jörg Michel

Die „Marienvesper“ von Claudio Monteverdi wurde 1610 für die Kirche geschrieben. Calixto Bieito bringt sie nun auf die Bühne des Nationaltheaters Mannheim. Man sieht Priester, Lutscher und runde Leiber.

          Maria – mit den noch kindlichen Zügen von Simone Becherer – lacht. Sie hält die Lippen geschlossen, aber ihr Gesicht will platzen vor Freude. Der ganze Körper schüttelt sich. Der Chor des Nationaltheaters Mannheim weiß, warum, und singt davon ganz leuchtend warm. Gott selbst nämlich hat sich Maria zugewandt, jener Gott, von dem sie gehört hat: „Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen“. Das zitternde In-Sich-Hineinglucksen Marias, ein schönes, ansteckend fröhliches Bild übrigens, ist nichts als eine geballte Faust mit ausgefahrenem Mittelfinger, nur schickt sich eine solche Geste nicht für die heilige Jungfrau, nicht einmal, wenn Calixto Bieito, bei dem die Grenzwerte für Obszönität und Gewalt höher liegen als üblich, die „Marienvesper“ von Claudio Monteverdi auf die Bühne bringt.

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Wenn Maria lacht, kommen alle möglichen Menschen und betasten ihren Bauch. Bieito hat es hier sehr mit den Bäuchen. Bei vielen Frauen im Chor runden sich die Leiber unterm Kleid. Und eine tut gar so, als setzten die Wehen bei ihr ein. Sie bringt eine Halbkugel mit Rückengurt zur Welt, ein Schwangerschaftsimitat, Standardrequisit des Theaters. Auch wenn das „Ave Maria“ in der „Marienvesper“ von 1610 nicht gesungen wird, betet Bieito szenisch immer wieder eine Zeile daraus: „Gelobt sei die Frucht deines Bauches, Jesus“, gestisch verkürzt zu: „Gelobt sei dein Bauch“. Denn die Frucht lebt nicht und ist nicht lobenswert: Blutige Babypuppen sind es, von den zirrhenzart singenden Sopranen Amelia Sciolone und Nikola Hillebrand mit Geburtszangen aus einer Kiste gezogen. Sie haben nur einen kurzen Auftritt als Intermezzo in einer Parade der Bäuche. Dass im Gebet „die Frucht deines Bauches“ Jesus ist, spielt bei Bieito keine Rolle. So weit kommt er nicht. Der Bauch ist Anfang und Ende.

          Einen solchen hat auch der Bass Patrick Zielke. Ein T-Shirt spannt sich darüber, und auf dem steht der Satz: „Ecce homo“, gern übersetzt mit „Seht, welch ein Mensch“. Das könnte allerdings auch ein Kalauer sein, denn nur kurz bevor Zielke sein Sakko öffnet, um den Bauch und den „homo“ gucken zu lassen, singt er mit hingebungsvoller Zärtlichkeit und süßestem Bass die Antiphon: „Mein Geliebter komme in seinen Garten, um die Frucht seiner Äpfel zu essen“ und streckt sich dabei dem Licht und der Luft entgegen wie die Blüte der Biene.

          Es geht sehr bunt zu in dieser „Marienvesper“, ländlich, südlich, leibbetont. Ein Verrückter zieht sich Frauenkleider an und singt sehr schön. Ein Priester mit einem schwarzem Engelsflügel verteilt Lutscher an kleine Mädchen, verfolgt damit aber keine weiteren Absichten. Das ist auch gut so. Man muss sich nicht ärgern über diese szenische Umsetzung, es werden keine alten Rechnungen beglichen, keine Gefühle verletzt, es wird nichts angeprangert – aber auch nichts sinnfällig gemacht, nicht argumentiert, warum ein liturgisches Werk aus dem Kirchenraum auf die Bühne gebracht werden muss, nicht herausmodelliert, welche Taten der Musik danach drängen, durch die Szene ersichtlich zu werden. Was bleibt, ist ein Bilderbogen freier Assoziationen.

          Musikalisch allerdings lässt diese „Marienvesper“ aufhorchen. Zwar ist der Chor des Nationaltheaters Mannheim nicht an allen Stellen exakt zusammen, aber das fällt kaum ins Gewicht bei der starken Beanspruchung durch die Bewegung auf der Bühne. Die Solisten, zu denen neben den Genannten noch Anna Hybiner, Kristofer Lundin, Joshua Whitener, Raphael Wittmer und Dominic Barbieri gehören, haben echte Monteverdi-Stimmen, die im Gesang den Affekt und die Geste des Sprechens zum klingenden Bild werden lassen. Sie haben ohne die Szene, rein vokal, so viel zu erzählen, dass die hörende Phantasie genug Beschäftigung fände. Jörg Halubek und sein Orchester „il Gusto Barocco“ empfehlen sich hier mit einem geschmeidigen, in den Mittelstimmen farbenreichen, niemals unnötig kratzenden, auf plumpe Weise schartigen Klang als ein ernstzunehmendes Ensemble für barocke Musik. Dass die Bachwoche in Ansbach für die Zeit vom 26. Juli bis zum 4. August Halubek und „il Gusto Barocco“ als Festivalorchester eingeplant hat, ist also eine Verheißung von viel Gutem und Schönem.

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