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Premiere in Berlin : Die Menschen sind nicht glücklich

  • -Aktualisiert am

Caligula und sein Diener: Elias Arens und Jonas Sippel Bild: Arno Declair

Warum hat uns davor niemand gewarnt? Lilja Rupprecht inszeniert „Caligula“ von Albert Camus in den Kammerspielen des Deutschen Theaters Berlin.

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          Was ist bloß mit unseren Theatern los, dass sie zu Inszenierungen quasi Beipackzettel mitliefern und vor Risiken und Nebenwirkungen warnen, als gäbe es niemand Schrecklicheren als Shake­speares Richard III. oder Dürrenmatts Claire Zachanassian? Keine netten Menschen, sicherlich, aber gehört das böse Treiben nicht zum literarischen Kerngeschäft? Offenbar nicht, deshalb steht nun auf der Homepage des Deutschen Theaters Berlin zu Albert Camus’ „Caligula“ folgender Hinweis: „Diese Inszenierung enthält explizite Darstellung körperlicher und sexualisierter Gewalt, was belastend oder retraumatisierend wirken kann.“

          Unter uns: Das bisschen Blut und Würgen und dezentes Begatten ist im deutschsprachigen Theater 2022 keine besondere Überraschung. Viel eher wäre eine Warnung ganz anderer Art angebracht gewesen: „Diese Inszenierung enthält explizit keine Kunst und weiß nicht genau, warum sie überhaupt gezeigt wird, was Sie möglicherweise verstören kann, wofür wir uns schon einmal entschuldigen möchten, wir wissen es nämlich nicht besser.“

          Eine Tragödie der Erkenntnis

          Die Frage lässt sich trotzdem nicht verdrängen: Was hat die Regisseurin Lilja Rupprecht eigentlich dazu bewogen, sich mit dem berüchtigten römischen Kaiser zu beschäftigen, der sich der Realität und ihren Gesetzen nicht beugen will und deswegen in eine Traumwelt aus Chaos und Tyrannei flüchtet – und sein Volk mit hineinzieht? Rupprechts Inszenierung in den Kammerspielen jedenfalls beantwortet die Frage nicht. Wir blicken in eine bühnenbreite Wanne mit verkohlten Schnipseln und ein paar Männern, die am Anfang dunkle Anzüge, dann rote Strümpfe zu schwarzen High Heels und am Schluss neckische Lackkleidchen und keine Hosen tragen. Ähnlich treibt’s Elias Arens als Caligula, nachdem er zuerst in einem Paillettenanzug glänzte. Man haut sich Camus’ Text um die Ohren oder sagt ihn brav auf. Dabei wird gern herumgestanden.

          Das Ensemble von Lilja Rupprechts „Caligula“-Inszenierung
          Das Ensemble von Lilja Rupprechts „Caligula“-Inszenierung : Bild: Arno Declair

          Nur über das Bühnenbild von Christina Schmitt, aufwendige Kameratechnik und ungewöhnliche Requisiten wie einen meterhohen Ball, der gemächlich hereinrollt, wird die Geschichte angedeutet. Eine Materialschlacht ist die Aufführung zwar nicht, aber sie möchte wohl eine sein. Auf inhaltlicher Seite hingegen tut sich wenig. Über Caligula und seine erstaunliche Entwicklung erfährt man nichts. Sogar sein berühmter Satz „Die Menschen sterben, und sie sind nicht glücklich“ hat keine dramaturgische Wirkung.

          Camus’ Drama, 1945 in Paris uraufgeführt, reflektiert die Philosophie des Absurden, obwohl Camus das später nicht gern hörte, sondern lieber von einer „Tragödie der Erkenntnis“ sprach. Das macht hier keinen Unterschied. Ob es sich um die Kosten der Logik oder die Kosten der ­Freiheit handelt, um die Peitsche „für Arbeitsscheue“ oder „die Krankheit der Seele“, um Schicksal, Askese oder rot lackierte Zehennägel – alles wird sehr länglich und sehr austauschbar deklamiert. Dagegen sind selbst Natali Seelig als Caligulas Geliebte Caesonia oder Manuel Harder als sein Antipode Cherea wehrlos. Zwischendrin rennt Helicon herum, Caligulas treuester Diener, besetzt mit Christian Behrend, Juliana Götze, Rebecca Sickmüller und Jonas Sippel vom Berliner inklusiven Theater RambaZamba. Die Schauspieler mit dem Down-Syndrom als willfährige Büttel des durchgeknallten Machtsadisten? Das funktioniert weder künstlerisch noch dramaturgisch. Womit sich der Abend insgesamt umschreiben ließe. Davor hat uns niemand gewarnt. Leider.

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