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Bulgakow auf der Bühne : Unterteufelung eines Romans

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Ausrutschpartie im Burgtheater: Richard Katz, Sinead Matthews und Paul Rhys in „Der Meister und Margarita“ bei den Wiener Festwochen Bild: Robbie Jack

Der Satan stürzt Stalins Welt - mit einem Bananentrick. Dieser Geniestreich in Michail Bulgakows Roman „Der Meister und Margarita“ kommt in Simon McBurneys Wiener Theaterfassung unter die Klapsmühlenräder.

          Im Wiener Burgtheater steht eine hohe, düstere Fassadenwand. Sie ist per Video projiziert. Wenn sie am Ende einstürzt, braucht es dazu nur eines Knopfdrucks. Wie aber bringt man wirklich eine ganze Welt aus Bürokraten, Milizionären, Funktionären, Spitzeln, Denunzianten, Zensoren, Geschmacks- und Gedankendiktatoren zum Einsturz? Indem man ihr eine Bananenschale hinlegt. Auf der sie ausrutscht - und sich eventuell das Genick bricht. Dies wirkt umso grotesker, wenn diese Welt gar nicht glaubt, dass es Bananen überhaupt gibt. Aber diese Welt ist im Burgtheater auch nur videoprojiziert.

          Stalins sowjetischer Welt der dreißiger Jahre, einer Diktatur des unbedingten Unglaubens an alles Übersinnliche, aber des unbedingten Glaubens an Stalin, ist eine solche Bananenschale genial hingeworfen worden. In Form des Romans „Der Meister und Margarita“ von Michail Bulgakow. Er schrieb bis zu seinem Tod 1940 daran und konnte ihn naturgemäß unter Stalin nicht veröffentlichen. Weshalb Stalins Welt auch ebenso naturgemäß nur im Roman auf der Bananenschale ausrutscht. Wobei es der Teufel höchstpersönlich ist, der sie hinwirft. Im Burgtheater sieht er mit schwarzer Baskenmütze, schwarzer Sonnenbrille und langem schwarzen Mantel so aus, als komme er aus einem Schulfunk-Video mit dem Titel „Dr. Mephistos Mission“, sei aber vor lauter spitzmündigem Sätzeaufsagen nie zum Bananenschälen gekommen.

          Auerbachs Keller in Moskau

          Satan, der bei Bulgakow den Namen Voland trägt, kommt mit drei Satansgehilfen in ein Moskau, in dem alle, die vom Teufel reden, sofort ins Irrenhaus verbracht werden - aber auch jene, die glauben, dass Jesus Christus gelebt und unter Pontius Pilatus gelitten hat, und wie der Schriftsteller, der sich „Meister“ nennt, einen Christus-und-Pilatus-Roman schrieben, den die sowjetischen Schriftsteller- und Kritikerfunktionäre in der atheistischen Luft verreißen. Und diesem Moskau wirft Bulgakows Teufel die Bananenschale der Metaphysik hin. Und eine allgemeine burlesk-groteske Ausrutschpartie beginnt. Im Burgtheater geht das allenfalls als Gruppengymnastik durch.

          Bubikopfbehelmtes Pathos: Sinead Matthews als Margarita

          Ganze Horden anständiger Frauen, denen der Teufel im Varieté die teuersten kapitalistischsten Pariser Modellkleider auf die sowjetisch proletarischen Leiber gezaubert hat, rennen bei Bulgakow auf einmal halbnackt in Unterwäsche durch die Stadt. Im Burgtheater wird daraus das verschämte Korsett-Solo einer kleinen Stämmigen. Schriftstellerfunktionären wird von Straßenbahnen der Kopf abgetrennt. Im Burgtheater per Video. Theaterdirektoren lösen sich in Luft auf. Im Burgtheater per Video. Büroangestellte singen zwanghaft öffentlich Opernchöre. Im Burgtheater gestrichen. Wohnungsschieber und Spekulanten werden entblößt. Im Burgtheater gestrichen. Einem Variété-Conférencier wird der Kopf abgerissen - und wieder angenäht. Im Burgtheater per Video.

          Der „Meister“ wird aus der Klapsmühle befreit. Im Burgtheater bleibt er gleich drin, denn alles, die Welt, der Teufel möglicherweise und sein Roman sind hier irgendwie Phantasiegebilde eines lieben, wirren Schriftstellerkerls in T-Shirt und Schlabberhosen. Seine Geliebte Margarita reitet als Hexe auf Besen durch die Luft (im Burgtheater per Video) und steht als Königin einem Satansball vor, in dem Mörder, Giftmischer, Kindstöterinnen und alle Arten von Verbrechern ihren nekrospaßigen sarghüpfenden Totentanz tanzen (im Burgtheater per Gruppengymnastik). Es züngeln Flammen, es sprudeln Spirituosen, es ist immerwährende Walpurgisnacht plus immerwährender Auerbachs Keller in Moskau: Der Hokuspokus regiert, die Rationalität hat Pause. Stalins Welt wirbelt in diesem ungeheuerlichen Faust-Pakt auf dem Kopf, den sie längst verloren hat. Im Burgtheater: gestrichen.

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