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Pariser Oper : Leben, ohne Angst zu haben

  • -Aktualisiert am

Barbara Hannigan ist in „La Voix Humaine“ die Menschenstimme selbst, in allen Lagen authentisch dramatisch. Bild: Bernd Uhlig

Die Pariser Oper zeigt drei Stücke, die ins Herz der Nation zielen. Darunter „La Damnation de Faust“ mit Jonas Kaufmann in einer Inszenierung von Alvis Hermanis – jenem Regisseur, der dem Thalia-Theater wegen dessen Engagement für Flüchtlinge kündigte.

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          Irrtümer sind ein Menschenrecht: Errare humanum est. Aber im Original findet die antike Redewendung eine Fortsetzung, die dieses Recht wiederum einschränkt. Gewiss, sagte Seneca, sei Irren menschlich, jedoch: „Auf Irrtümern zu bestehen, ist teuflisch.“ Weil aber Dummheit, die sich nicht ausrotten lässt, jedenfalls Teufelswerk sein muss, kann auch einfach nur dumm sein, wer harthörig reagiert im zwischenmenschlichen Diskurs. Es handelt sich dann, wie neuerdings dokumentiert im Falle des Theaterregisseurs Alvis Hermanis, öfters um jene strukturelle Dummheit, gegen die Götter selbst vergebens kämpfen, da die Menschheit sie schon seit dem Neandertal mit sich herumschleppen, in Gestalt einer archaischen Urangst, die jedes Säugetier dahingehend berät, dass es zuerst dem Gegenüber den Schädel einschlägt, bevor der dasselbe an ihm tut. Das nennt man dann: Faustrecht.

          Die Akte Hermanis (F.A.Z. vom 9. und 11. Dezember) ist jedenfalls nicht geschlossen, solange diese Rechtsunsicherheit noch nicht geklärt ist. Der Regisseur, der einen Vertrag mit dem Thalia-Theater aufkündigte, weil dieses Kulturinstitut Flüchtlingen hilft und für Flüchtlingshilfe wirbt, darf denken und sagen, was er will. Er kann, zum Beispiel, seine Phobie äußern, alle Flüchtlinge seien potentiell Terroristen, auch wenn das genauso absurd ist, wie zu behaupten, alle Kreter seien Lügner oder alle aus Lettland eingewanderten Regisseure seien rassistische Brandstifter. Doch dann beharrte Hermanis auf seinem Denkfehler in einer Presseerklärung und entwarf einen noch absurderen Gedankengang, für den ein anderer Intellektueller, der Journalist Matthias Matussek, gerade wenige Tage zuvor seinen Job verloren hatte. Hermanis schrieb, der Pariser Terroranschlag habe „die Flüchtlingspolitik der deutschen Regierung beeinflusst. Also war der Preis, der bezahlt werden musste, bis man schließlich einen Zusammenhang von Migrationspolitik und Terrorismus einräumte, der Tod von 132 jungen Menschen in Paris“. Die Logik dieser Schuldzuweisung ist eine mephistophelische, dumpf, verdreht und perfid, was Rüdiger Schaper im „Tagesspiegel“ treffend so kommentierte: „Das Unheimliche liegt darin, dass hier ein Feingeist ausrastet. Man kann daraus auch lernen: Kultur ist keine Garantie für Zivilisiertheit.“

          So ist es wohl. Der Migrant und Mitmensch Hermanis lebt zurzeit in Paris. Er ist mit seinen feinsinnigen, etwas grüblerischen, meist gutaussehenden Regiearbeiten an allen größeren Theater- und Opernhäusern willkommen und gut im Geschäft, in zweiter Reihe. Richtig berühmt wurde er darüber hinaus aber erst jetzt, dank des Thalia-Eklats. Zufällig wird seine jüngste Produktion, eine neue Lesart des Opernzwitters „La Damnation de Faust“ von Hector Berlioz, zurzeit an der Opéra Bastille gezeigt. Und unglückseligerweise ist ausgerechnet diese Regiearbeit von Hermanis eine seiner schwächsten seit langem. Sie wird aufgewertet und gerettet nur durch eine musikalische Starbesetzung.

          Mephisto als agiler Salonlöwe

          Der Tenor Jonas Kaufmann, dessen Konterfei von den Plakaten grüßt, tritt auf mit Schmelz und Power und verströmt sich als ein junger, trotz Gelehrtenbrille und graugefärbten Schläfen ausnehmend hübscher Faust, exakt, wie es im Libretto steht: „Qu’il etait beau“. Mit diesen Worten beschreibt Margarethe alias Sophie Koch gleich in ihrer ersten, verspäteten Soloszene den Traummann, dem sie verfallen will. Was Koch mit Charisma und ihrem glockenhell das Orchester überstrahlenden Sopran innig beglaubigt. Der britische Bassbariton Bryn Terfel ist als sonor dröhnender Mephisto alles andere als unheimlich oder gar Neinsager oder Finsterling, er tritt vielmehr agil auf wie ein Sportler, charmant wie ein Salonlöwe, viril wie ein Verführer, wunderbar dynamisch und ironisch.

          Auch die dritte Vorstellung nach der Premiere ist total ausverkauft. Rund um die Place de la Bastille dröhnt derweil die Musik, stauen sich die Menschenmassen zwischen Weihnachtsjahrmarkt, Clubs und Brasserien, es herrscht, bevor man das Theater betritt und erst recht, wenn man nach zweieinhalb Stunden wieder herauskommt, dichtes Gedränge. Nur eine Metrostation entfernt, zwanzig Gehminuten etwa, liegt das Bataclan. Die Pariser und die Touristengäste sind wieder zum Alltag übergegangen. Drinnen, in der Bastille-Oper selbst, wird unterdessen gedöst, ja, geschlafen, und beim Wiederaufwachen lautstark protestiert. Das ist nicht nett, aber ehrlich. Das Gros des Publikums langweilt sich, während es Faust lauscht. Ennui schlägt um in Rage, sogar die gut aufgelegten Chöre und das Orchestre de l’Opéra National de Paris unter Leitung von Chefdirigent Philippe Jordan müssen etliche Buhs wegstecken. Man möchte es den erschwerten Bedingungen dieser Produktion zuschreiben, dass es am instrumentalem Glanz mangelt, dass der Schwung fehlt, aber auch die Transparenz und die aufgesetzten lyrischen Lichter selbst in den Balladen.

          Das Werk, aus dem Jahr 1846, besteht aus lauter schönen Einzelstellen. Eine veritable Faustoper, nach Goethe, ist es doch ein für Berlioz typisches Machwerk geblieben, mehr offenes Experiment, als geschlossene Oper: ohne fortlaufende Handlung, ohne richtigen Anfang und bündigen Schluss, kaleidoskopartig zusammengesetzt aus Elementen von Grande Opéra, Chor-Oratorium, Vokalsymphonie und Ballett. Faust verkauft zwar seine Seele, aber er unterschreibt den Kontrakt um der Liebe, nicht um der Erkenntnis der Welt willen. Für die Franzosen gehört das Stück zum nationalen Tafelsilber des neunzehnten Jahrhunderts, für Regisseure ist es immer wieder eine Herausforderung.

          Die Magie der menschlichen Stimme

          Hermanis ersann eine pädagogische Volkshochschul-Diashow mit Musikuntermalung. „Wer ist der Faust von heute“, fragt er zu Beginn in steilen Lettern von der Bühne herab. Und gibt selbst die Antwort: Es ist der Astrophysiker Stephen Hawking. Der kurvt, dargestellt von dem Tänzer Dominique Merci, stumm und geschäftig in seinem Spezialrollstuhl auf der Bühne herum und als alter ego hinter Kaufmann her, beide begucken sich in Breitwand Tautropfen aus der Nähe sowie ferne Galaxien, außerdem Sternbilder, Wüsten, Wolken, Insekten, Ratten und Wale sowie im Fruchtwasser herumrudernde Embryos, kurzum: das Leben, wie es lebt. Was sich aber auch live im Labor von Doktor Mephisto, wo die Ballettratten sich als Versuchstiere in Schaukästen pseudopaaren, nicht viel aufregender darstellt.

          Fokussiert auf den Punkt geht es tags darauf zu an der zweiten, der Hauptspielstätte der Opéra National de Paris, im Palais Garnier. Atemlos gebannt das Publikum vom ersten dumpfen Trommelwirbel des Prologs an, wenn Blaubart (John Releya) die Sopranistin (Barbara Hannigan) hypnotisiert und in den Bühnenhimmel entschweben lässt, ganz ohne Hilfsmittel, bis hin zu dem finalen Pistolenschuss, mit dem die Magie der menschlichen Stimme für immer verlischt. Taube und Kaninchen zaubert er aus seinem Umhang. So beginnt die Dernière eines spektakulären Doppelopernabends: Krzyzstof Warlikowski kombinierte den Einakter „Le Château de Barbe-Bleu“ von Béla Bartók mit der One-Woman-Show „La Voix Humaine“ von Francis Poulenc. Er erklärt und verzahnt die beiden so unterschiedlichen Werke miteinander, zieht ihre gemeinsame Wurzel aus dem Humus alter Perrault-Märchen. In beiden Stücken geht es um die Urangst vor dem Verlust. Beide enden in Einsamkeit, trostlos. Doch die vielfarbige Orchestersprache, die sich unter Leitung von Esa-Pekka Salonen glühend entfaltet, spricht von hellem C-Dur und von Hoffnung. Judith (Ekaterina Gubanova) stirbt nicht. Und die letzten geflüsterten, geschrieenen Worte der begnadeten Sängerdarstellerin Hannigan „Je t’aime“ nimmt man hinaus in die Nacht, als Versprechen.

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