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„Buddenbrooks“ in Hamburg : Da waren's nur noch drei

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Thomas, Christian und Tony Buddenbrook im Thalia Theater Bild: dpa/dpaweb

Über achthundert Seiten Romanvorlage hat der Schriftsteller und Dramaturg John von Düffel zu einer Bühnenversion von Thomas Manns „Buddenbrooks“ gerodet. Das Thalia Theater in Hamburg hat sie in der Regie Stephan Kimmigs gezeigt.

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          Wer die „Buddenbrooks“ von Thomas Mann liest, der wird in einen Zug und auf ein Gleis gesetzt und fährt dann dahin und sieht mal links ein Schaf und mal rechts eine Kuh, und während man aus dem Fenster schaut, merkt man ganz rasch, daß hier auf weiter Flur alles, aber auch alles sehr übersichtlich angeordnet ist und dabei eben auch gleichsam wie durchsichtig vor dem Horizont steht.

          Und da geschieht es, daß einem beim Dahinzuckeln durch diese quadratischen Problemzonen der Seele auch schon mal ein wenig langweilig wird und man deswegen einen hilfesuchenden Blick an die Decke des Abteils wirft, von wo einem mit etwas Glück die Verse fallen, die diese Eindrücke zusammenfassen. „Puff puff Eisenbahn - / jetzt fahren wir nach Wiesenplan! / Wiesenplan, das ist die Stadt, / die den Kohlweißling zum Bürger hat. Der Kohlweißling bewohnt ein Haus, / das sieht wie eine Glocke aus - / wie eine Glockenblume blau! / Da wohnt der Kohlweißling und seine Frau...Puff puff Eisenbahn! / Jetzt fahren wir wieder aus Wiesenplan / hinaus, hinaus, dem Walde zu ... / wohin? wohin? ... Nach - Quellwaldruh!“

          So heißt es in einem Kindergedicht von Christian Morgenstern. Unser Quellwaldruh war das Thalia Theater in Hamburg, wo der Dramaturg John von Düffel - gerade noch rechtzeitig zu Thomas Manns fünfzigstem Todesjahr, möchten wir sagen: Das war wirklich sehr knapp! - den berühmten Roman von Thomas Mann über die Lübecker Familie Buddenbrook dramatisiert und wo der Regisseur Stephan Kimmig diese Dramenfassung auf die Bühne gebracht hat. Düffel hat von dem dicken Buch nur die Geschichte der drei Geschwister Thomas, Christian und Tony Buddenbrook übriggelassen. Der Dramaturg nennt diese Rodung: zum Wesentlichen des Romans vordringen.

          Die Seele hat einen schwierigen Stand

          Armer Thomas Mann, denken wir, daß er sich soviel sinnlose Mühe mit soviel unwesentlichem Zeug gemacht hat, wie mit dem von ihm doch so heiß geliebten Gegensatz von Bürger hier und Künstler dort. Oh frühes Leid und Künstlerpech! Und der kleine Hanno Buddenbrook hat in der kompakten Familiengeschichte des Thalia Theaters nun auch nichts mehr zu sagen und zu klagen. Das ganze Sagen und Klagen liegt bei den drei Geschwistern Thomas, Christian und Tony, deren Gemüter unter der Starrsinnsdecke der Geschäftemacherei mal laut, mal leise piepsen und japsen und jaulen, was Katja Haß auch prompt in ein Bühnenbild umgesetzt hat: Der Bühnenboden hängt an Seilen (der Boden unter den Füßen schwankt!) und wird von einer weißen starren Bürofassadenwelle überwölbt (das nun ist die Globalisierungsflut, wir sind nicht mehr in Lübeck).

          Norman Hacker knöpft den Thomas in den Anzug eines Geschäftsmanns, der mit Mühe gelernt hat, hart gegenüber sich selbst und seinen Mitmenschen zu sein, und Haltung noch mit zuckenden Mundwinkeln bewahrt. Peter Jordan hängt als Christian im offenen Mantel eines Reisenden, dem der Einstieg in die Welt der Arbeit nicht gelingt und der sich in Neurosen flüchtet. Katrin Wichmann trampelt in schweren Stiefeln die Tony als eine Frau daher, die brav verstanden hat, sich immer wieder zum Wohle der Familie zum Heiratsmarkt zu schleppen.

          Nach drei Stunden geht's hinaus aus Quellwaldruh. Düffel und Kimmig ist nichts Originelles eingefallen: Im engen Hamburger Kaufmannsladen hat die Seele einen schwierigen Stand. Puff, puff, die Eisenbahn.

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