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Anton Bruckner in Tokio : Der lange Weg zur Unvollendeten

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Keine Spur von Jetlag: Daniel Barenboim und die Staatskapelle. Bild: Monika Rittershaus

Erstmals werden in Tokio die Symphonien von Anton Bruckner als Zyklus aufgeführt. Tausende Japaner pilgern ins Konzert, um Barenboims Staatskapelle zu hören. Warum erst jetzt?

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          Am späten Dienstagnachmittag tritt die Staatskapelle wieder zu Hause in der Hauptstadt auf. Extrem entspannt, schön locker. Keine Spur von Jetlag. Sehr weich, reif und satt setzen die Holzbläser ein, wie flüssige Seide klingt die Antwort der Streicher. Das erste Thema im d-Moll-Konzert KV 466 könnte, mit dem komturartig stolzen Bassgebraus, auch das Vorspiel einer bisher unbekannten Mozartoper sein. Dann verschmelzen alle Stimmen plötzlich mit den freidenkerischen Eskapaden, die der Pianist, der zugleich seit zweiundzwanzig Jahren Chefdirigent der Kapelle ist, aufzulegen sich erlaubt. Längst können sie seine Gedanken lesen. Fühlen, was er denkt, bevor er zu Ende gedacht hat. Und das gilt natürlich auch vice versa. Es ist dies ein osmotischer Prozess, der einen klingenden, atmenden Körper formt. Und wer einander so fokussiert zuhören kann; wer so verspielt und zugleich selbstbewusst im Fremden, anderen aufgeht, der strahlt, wie könnte es anders sein, nichts als Glück ab. So hat Wolfgang Amadeus Mozart das gemeint.

          Musik ist eine Weltsprache, eine Art Esperanto, das zwar verschiedene Dialekte hat, aber rund um den Globus verstanden wird. Nur kann sie keine Berge versetzen, auch dieses schöne Allegro kann es nicht. Sie kann keine Grenzen öffnen, keinen verlorengegangenen Verstand zurückbringen, keine Manieren lehren. Man hört und liest zwar öfters davon, dass Musik die Menschen besser macht und überhaupt die schönen Künste zur Erziehung des Menschengeschlechtes taugen. Manchmal bildet man sich auch so etwas ein. Aber es gibt genügend Gegenbeweise, nur so viel ist sicher: Vorübergehend, solange beispielsweise diese Kapelle Mozart spielt, glaubt man daran. Für kurze Zeit weichen Kleinmut, Angst, Sorge und die eventuelle Neigung zum Begehen einer Todsünde aus den Herzen derer, die da spielen, wie auch derer, die zuhören. Das ist ja schon mal was.

          Für Zivilisation, Menschlichkeit und Musikkultur

          Das Konzert, welches dergestalt von der Staatskapelle und ihrem Chefdirigenten Daniel Barenboim in der Berliner Philharmonie eröffnet wird, heißt „Willkommen in unserer Mitte“ und reiht sich ein in die vielen Flüchtlingskonzerte, die in den letzten Monaten gratis gegeben wurden für hierzulande gestrandete Menschen und deren Helfer. Nach Barenboim lenkt Iván Fischer sein Berliner Konzerthausorchester elegant durch Sergej Prokofjews sogenannte „Klassische“.

          Zum Abschluss spielen Berlins Philharmoniker unter Simon Rattle zwei Sätze aus Ludwig van Beethovens Siebter. Jeder Maestro findet wahre Worte zur Verteidigung einerseits der freien, westlichen Zivilisation, andererseits der Menschlichkeit, drittens der Musikkultur. Zum letzten Mal gab es so ein Gemeinschaftskonzert der drei Berliner Spitzenorchester vor fünfzehn Jahren, unter Stabführung von Rattle, Michael Gielen und Christian Thielemann. Damals ging es um den New Yorker Terroranschlag vom 11.September 2001. So viel zur Fallhöhe der Veranstaltung, zum Ernst der Lage.

          Bruckner als Hauptgang

          Heimgekehrt war die Staatskapelle im Lauf der letzten Tage. Die Instrumentenkisten stehen erst seit knapp vierundzwanzig Stunden zur Verfügung. Macht nichts, es sind keine Proben nötig, Zuletzt hatte die Kapelle das d-Moll-Konzert in Suntory Hall in Tokio gespielt, in Kombination mit Anton Bruckners zweiter Symphonie, c-Moll, zweite Fassung. Fünf Wochen lang war man auf Japan-Tournee gewesen, mit zwanzig Konzertprogrammen im Gepäck, flankiert von mehr als sechzig Stunden Probenzeit, von den Japanern eingeladen zur Jubiläumsserie der „35th Toshiba Grand Concerts 2016“. Als Hauptgang tischten die Berliner Gäste dem Publikum innert einer Woche sämtliche Brucknerschen Symphonien en suite auf, von der ersten in c-Moll, mit dem romantischen Hornthema im dritten Satz, darin Bruckner die pure Sehnsucht auf nur ein Intervall reduziert, bis hin zum Mammut der Achten und zur unvollendeten Neunten, die Bruckner dem lieben Gott hatte widmen wollen.

          Erstmals werde in Japan ein kompletter Bruckner-Zyklus aufgeführt, jubelt Chihiro Kameyama, Präsident von Fuji Television Network, dem Unternehmen, das dieses Abenteuer finanziert hat: „ein epochemachendes Projekt“. Nun ist freilich die Geschichte der japanischen Aneignung westlicher Musikkultur noch zu jung, als dass man sie bereits in Epochen einteilen könnte. Und nach wie vor ist diese Lovestory rätselhaft. Man stelle sich vor, der Kulturtransfer liefe umgekehrt: Wie wäre es, wenn RTL ein fünfwöchiges Gastspiel des Kabuki-Theaters in allen großen deutschen Städten sponsert, bewirbt und feiert?

          Nicht alle Bruckner-Konzerte in Suntory Hall verkaufen sich von selbst. Überbucht die beliebte Vierte, auch die Fünfte, Siebte, Neunte. Bei der ersten und zweiten Symphonie, den unterschätzten, bleiben etliche Plätze der teuren Kategorie leer, das ist hier nicht anders als in Europa. Wer den gesamten Zyklus bucht, muss mindestens tausendachthundert Euro dafür aufbringen. Nur knapp hundert solcher Bruckner-Abonnenten gibt es, Frauen und Männer gemischt, einige auffallend jung, aber alle auffallend gut informiert.

          Zuhören-Können als Voraussetzung

          Nach der Probe zur romantischen vierten Symphonie Es-Dur, bei der die Abonnenten zuhören dürfen, klettert Barenboim vom Podium, schickt seinen Assistenten, den Dirigenten David Afkham, dass er rasch die Dolmetscherin herbeibitten möge, und gesellt sich zu den Brucknerianern im Saal. Aus der kurzen Ansprache wird eine lange Aussprache. Nicht nur über die Frage der Fassungen und andere kompositorische Details, Barenboims Gedanken lappen ins Grundsätzliche. Er bedankt sich für das qualifizierte Zuhören.

          Zuhören-Können sei die erste Voraussetzung für jede Form der Kommunikation. Ob Bruckners Symphonien die Welt verändern oder bessern können, wisse er nicht. Aber er sei sich sicher: Austausch und Diskurs, das sei der Ausgangspunkt für Veränderung. Warum er sich zum dritten Mal in seinem Leben diesen komplexen Symphonien-Korpus vornimmt? Keine der neun Symphonien sei wie die andere. Noch sind existentielle Fragen offenbar nicht abgegolten, abgesehen davon, dass keine Aufführung wie die andere sein kann, niemals alles erfasst ist und gesagt.

          Und dann erzählt er seine Lieblings-Bruckner-Idee, wie er sie schon mehrfach zu Protokoll gab: Anton Bruckner, der Exterritoriale, zugleich schüchtern und stolz, habe in seiner Musik gleich drei Jahrhunderte überspannt. Die avancierte Harmonik stamme aus seiner eignen Gegenwart, dem späten neunzehnten Jahrhundert; sie atmet Wagner. Die Formen dagegen stammen aus dem achtzehnten Jahrhundert, sie sind barock oder noch älter. Und das Atmosphärische dieser Musik, ihre archaische Anmutung, ihr mystifizierendes Flair, sei reinstes Mittelalter. Da ist was dran. Dass Bruder Eigenbrot aus Sankt Florian für die Zukunftsmusik wohl für immer verloren sei, dem hätte Barenboims Freund Pierre Boulez wahrscheinlich widersprochen. Im Zeitalter des Historismus, unter der Fuchtel des Originalgeniegedankens, hat aber gerade diese Idee die faszinierendsten Konsequenzen.

          Die Suntory Hall wird zur Kathedrale

          Im Rückwärtsgang und aus dem Stillstand, aus der endlosen Sequenzierung heraus, bezieht Bruckners Symphonik, die er als relativ alter Mann in relativ kurzer Zeit entwarf, ihre überwältigende Kraft. Man kann erklären, woher das kommt. Erst mit dreißig, quasi im Fernstudium, machte sich der Chorkomponist Bruckner mit den Grundlagen von Kontrapunkt und Tonsatz vertraut, er ging in die Lehre beim alten Simon Sechter, der bereits Schubert unterrichtet hatte. Und Bruckners Formen-Brevier war nicht etwa die damals weitverbreitete Kompositionslehre von Adolf Bernhard Marx, der als Erster, am Beispiel Beethovens, das dreiteilige Entwicklungsmodell der Sonatenhauptsatzform entworfen hatte; sondern die von Johann Christian Lobe, der dialektisch zweiteilig sortierte, nach „Gruppen“.

          Man kann all das und noch mehr besprechen und wissen und sitzt trotzdem immer wieder, wenn die Staatskapelle am Abend Suntory Hall in eine Kathedrale verwandelt, atemlos da und ratlos: vor den gewaltigen orchestralen Berggipfeln, den feinsandigen oder grobholzigen Schichten irrster Klänge, den Choralgewölben, den stampfenden Rhythmen, den offenen Anfängen, den brutalen Enden.

          Wie zur Entgiftung spielt die Staatskapelle Berlin unter Barenboim in Japan zwischendurch, ergänzend, einige der opernhaften Meisterklavierkonzerte von Mozart. Es erweist sich: Sie bilden den natürlichen, heimlichen Kontrapunkt. Demnächst werden auch noch die ersten drei Bruckner-Symphonien aufgenommen und bei Barenboims persönlichem digitalen Label „Peral Music“ zu erwerben sein.

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