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Anton Bruckner in Tokio : Der lange Weg zur Unvollendeten

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Nicht alle Bruckner-Konzerte in Suntory Hall verkaufen sich von selbst. Überbucht die beliebte Vierte, auch die Fünfte, Siebte, Neunte. Bei der ersten und zweiten Symphonie, den unterschätzten, bleiben etliche Plätze der teuren Kategorie leer, das ist hier nicht anders als in Europa. Wer den gesamten Zyklus bucht, muss mindestens tausendachthundert Euro dafür aufbringen. Nur knapp hundert solcher Bruckner-Abonnenten gibt es, Frauen und Männer gemischt, einige auffallend jung, aber alle auffallend gut informiert.

Zuhören-Können als Voraussetzung

Nach der Probe zur romantischen vierten Symphonie Es-Dur, bei der die Abonnenten zuhören dürfen, klettert Barenboim vom Podium, schickt seinen Assistenten, den Dirigenten David Afkham, dass er rasch die Dolmetscherin herbeibitten möge, und gesellt sich zu den Brucknerianern im Saal. Aus der kurzen Ansprache wird eine lange Aussprache. Nicht nur über die Frage der Fassungen und andere kompositorische Details, Barenboims Gedanken lappen ins Grundsätzliche. Er bedankt sich für das qualifizierte Zuhören.

Zuhören-Können sei die erste Voraussetzung für jede Form der Kommunikation. Ob Bruckners Symphonien die Welt verändern oder bessern können, wisse er nicht. Aber er sei sich sicher: Austausch und Diskurs, das sei der Ausgangspunkt für Veränderung. Warum er sich zum dritten Mal in seinem Leben diesen komplexen Symphonien-Korpus vornimmt? Keine der neun Symphonien sei wie die andere. Noch sind existentielle Fragen offenbar nicht abgegolten, abgesehen davon, dass keine Aufführung wie die andere sein kann, niemals alles erfasst ist und gesagt.

Und dann erzählt er seine Lieblings-Bruckner-Idee, wie er sie schon mehrfach zu Protokoll gab: Anton Bruckner, der Exterritoriale, zugleich schüchtern und stolz, habe in seiner Musik gleich drei Jahrhunderte überspannt. Die avancierte Harmonik stamme aus seiner eignen Gegenwart, dem späten neunzehnten Jahrhundert; sie atmet Wagner. Die Formen dagegen stammen aus dem achtzehnten Jahrhundert, sie sind barock oder noch älter. Und das Atmosphärische dieser Musik, ihre archaische Anmutung, ihr mystifizierendes Flair, sei reinstes Mittelalter. Da ist was dran. Dass Bruder Eigenbrot aus Sankt Florian für die Zukunftsmusik wohl für immer verloren sei, dem hätte Barenboims Freund Pierre Boulez wahrscheinlich widersprochen. Im Zeitalter des Historismus, unter der Fuchtel des Originalgeniegedankens, hat aber gerade diese Idee die faszinierendsten Konsequenzen.

Die Suntory Hall wird zur Kathedrale

Im Rückwärtsgang und aus dem Stillstand, aus der endlosen Sequenzierung heraus, bezieht Bruckners Symphonik, die er als relativ alter Mann in relativ kurzer Zeit entwarf, ihre überwältigende Kraft. Man kann erklären, woher das kommt. Erst mit dreißig, quasi im Fernstudium, machte sich der Chorkomponist Bruckner mit den Grundlagen von Kontrapunkt und Tonsatz vertraut, er ging in die Lehre beim alten Simon Sechter, der bereits Schubert unterrichtet hatte. Und Bruckners Formen-Brevier war nicht etwa die damals weitverbreitete Kompositionslehre von Adolf Bernhard Marx, der als Erster, am Beispiel Beethovens, das dreiteilige Entwicklungsmodell der Sonatenhauptsatzform entworfen hatte; sondern die von Johann Christian Lobe, der dialektisch zweiteilig sortierte, nach „Gruppen“.

Man kann all das und noch mehr besprechen und wissen und sitzt trotzdem immer wieder, wenn die Staatskapelle am Abend Suntory Hall in eine Kathedrale verwandelt, atemlos da und ratlos: vor den gewaltigen orchestralen Berggipfeln, den feinsandigen oder grobholzigen Schichten irrster Klänge, den Choralgewölben, den stampfenden Rhythmen, den offenen Anfängen, den brutalen Enden.

Wie zur Entgiftung spielt die Staatskapelle Berlin unter Barenboim in Japan zwischendurch, ergänzend, einige der opernhaften Meisterklavierkonzerte von Mozart. Es erweist sich: Sie bilden den natürlichen, heimlichen Kontrapunkt. Demnächst werden auch noch die ersten drei Bruckner-Symphonien aufgenommen und bei Barenboims persönlichem digitalen Label „Peral Music“ zu erwerben sein.

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