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Opernfestival Garsington : Erlkönigs Lockgesang schwirrt durch die Nacht

  • -Aktualisiert am

Ein Kind geht ins Wasser: Elen Willmer als Flora. Bild: John Snelling

Garsington behauptet sich als eine der besten Adressen unter Europas Opernfestivals. Bei Benjamin Brittens „Turn of the Screw“ bekommt man eine Gänsehaut.

          5 Min.

          Der Prolog zu Benjamin Brittens „The Turn of the Screw“ besteht aus kaum mehr als drei nur vom Klavier begleiteten Minuten. Aus dieser knappen Einführung kitzelt Louisa Muller signifikante Zwischentöne heraus, die charakteristisch sind für ihre bezwingende, im ausgehenden neunzehnten Jahrhundert angesiedelte Inszenierung der Kammeroper nach der enigmatischen Novelle von Henry James aus eben der Zeit. Die amerikanische Regisseurin erhellt Aspekte der Handlung, ohne die Mehrdeutigkeit des Stoffes preiszugeben, über die endlos gerätselt worden ist. Bei ihr bekommt der rezitativische Monolog, in dem ein Erzähler umreißt, wie die Gouvernante von einem Vormund engagiert wird für die Erziehung seiner zwei verwaisten Mündel, den Charakter eines Vorstellungsgespräches. Erzähler und Vormund verschmelzen zu einer Person. Beflügelt vom Gedanken, gebraucht zu werden, und hingerissen von dem attraktiven Herrn, überwindet die namenlose Frau ihre Zweifel. Unter Paukenschlägen, die das Ruckeln der Kutsche und das Pochen ihres aufgeregten Herzens malen, tritt sie die Reise zu der Stelle auf einem Landgut an. Dort üben die Kinder derweil mit der Haushälterin Miss Grose in erwartungsvoller Vorfreude knicksen und verbeugen.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Der Vormund hat sich sogleich wieder aus dem Leben der Gouvernante entfernt, nicht jedoch aus deren romantisch erregbarer Einbildung, die Sophie Bevan stimmlich wie schauspielerisch in subtilen Schattierungen zum Ausdruck bringt. Beim Abschied konnte sich der mondäne Lebemann aus alter Gewohnheit eine verführerische Geste nicht verkneifen. Das flüchtige Aufblitzen erotischer Hoffnung in der jungen Frau gibt Aufschluss über ihr späteres Verhalten, als sie auf dem Lande installiert ist mit ihren Zöglingen, Miles und Flora, und beunruhigt wird durch die Erscheinung des tödlich verunglückten Dieners Quint, der genauso aussieht wie der Vormund, auf den sie fixiert ist. Das nährt den Verdacht, dass die Visionen der Erzieherin Ausgeburten ihres neurotischen Gemüts sein könnten.

          Diesen Ambiguitäten verleiht die grandiose Ausstattung von Christopher Oram Nachdruck, vor allem im flackernden Kerzenlicht des zweiten Akts, in dem der anfangs den Bühnenrand säumende Strom gleich den Wahnvorstellungen der Gouvernante in das Haus vorgedrungen und zum symbolbefrachteten Teich inmitten der aufgebrochenen Fliesen angeschwollen ist. Hohe Rundbogenfenster aus Gusseisen beschwören mit blättriger Farbe und milchig beschlagenen Scheiben den Wintergarten eines alten Guts, dessen vergammelter Zustand in starkem Kontrast steht zur manikürten Gartenlandschaft von Wormsley Park. Auf dem Getty-Anwesen ist seit 2011 die vor dreißig Jahren gegründete Garsington Opera seit 2011 beheimatet – der Vertrag wurde gerade um fünfzig Jahre verlängert – in einem an Kabuki-Theatern angelehnten Pavillon, dessen transparente Wände ihm den Charakter einer Freilichtbühne verleihen.

          Ein ums andere Mal erweist sich der Schein als trügerisch, wie etwa wenn Elen Willmer mit engelsklarem Sopran als Flora ihrer Puppe, wie von fremder Hand gelenkt, Gewalt antut, oder wenn sich die harmlos spielenden Geschwister makabre Masken anlegen, als kehrten sie ihr inneres Verderben nach außen. Ständig drängt sich die Frage auf, ob die Kinder, die den dekadenten großbürgerlichen Porträts des mit Henry James befreundeten Malers John Singer Sargent entsprungen sein könnten, tatsächlich besessen sind von Quint und dem Geist der früheren Gouvernante Miss Jessel, wie die Erzieherin fürchtet, oder ob sie es ist, die dem erlkönighaften Lockgesang von Ed Lyons Vormund/Quint gehorcht, wie Louisa Muller andeutet, indem sie ihr das gleiche Schicksal bereitet, das die von Katherine Broderick mit walkürenhafter Kraft dargebotene Miss Jessel ereilt hat. Nachdem Miles in dem Kampf um seine Seele in ihren Armen gestorben ist, steigt die schattenhafte Figur langsam durch die Dunkelheit in den See, an dem Miss Jessel herumgeistert. Wie bestellt, erhob sich in dieser sternenklaren Nacht just in diesem Moment der Mond über den Bäumen und warf sein Licht auf die gespenstische Szene. Von Kathleen Wilkinsons bodenständiger Miss Grose bis hin zu Leo Jemisons zwischen Naivität und Altklugheit changierenden Miles, dessen Intonation des beklemmenden Malo-Liedes in der Lateinstunde einem die Haare zu Berge stehen lässt, gibt es kein schwaches Glied in der Besetzung. Großartig auch das nuancierte Spiel der dreizehn Instrumentalisten, die Richard Farnes mit dem gleichen Fingerspitzengefühl für Brittens filigrane Klangwelt dirigiert wie bei Verdis „Falstaff“ im vergangenen Jahr.

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