https://www.faz.net/-gqz-70qms

Brian Wilson zum 70. : Das Lächeln des begabten Kindes

Kopf der Beach Boys: Brian Wilson vor einigen Tagen bei der ABC-Show „Good Morning America“ Bild: REUTERS

Der Aufstieg der Beach Boys war unverkennbar ein familiäres Projekt. Zum siebzigsten Geburtstag des Komponisten, Arrangeurs und Beach-Boys-Gründers Brian Wilson.

          Als Brian Wilson sich nach sehr langer Pause wieder auf die Bühne wagte, kam er gut behütet. Mit ihm erschien etwa im Frühjahr 2003 beim Frankfurter Konzert keine Band, sondern geradezu ein Kammerorchester, und noch bevor der erste Ton erklang, scharten sich die gut dreißig Jahre jüngeren Musiker um Wilson. Sie bildeten einen Kreis mit ihm in der Mitte, als gälte es, die Welt von einem labilen Genie fernzuhalten.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Man mag das für eine Pose halten, für ein Ergebnis der sattsam bekannten Irritationen Wilsons seit den späten Sechzigern oder für beides zugleich. Dass der Gründer, Sänger, Komponist und vor allem Produzent der Beach Boys jedenfalls schutzbedürftig sei, ist längst Teil seiner Geschichte geworden, soweit sie sich vor den Augen der Öffentlichkeit abspielte. Bezeichnenderweise trägt die faktensatte Biographie „Catch a Wave“ von Peter Ames Carlin den Untertitel „Aufstieg, Fall und Erlösung“ von Brian Wilson, und noch die eher nüchternen Artikel, die sich mit ihm beschäftigen, berichten von Drogenmissbrauch, Essattacken oder äußerst exzentrischem Verhalten im Umgang mit anderen, was offenbar alles nachhaltige Wunden schlug, nicht zuletzt in seiner nächsten Umgebung.

          Alles überragendes Talent

          Dabei war der Aufstieg der Beach Boys aus Kalifornien unverkennbar ein familiäres Projekt - drei Brüder, ein Cousin und ein Schulfreund gründen 1961 eine Band, die der Vater der Brüder produziert und managt. Murry Wilson scheint nicht besonders zimperlich gewesen zu sein, wenn es darum ging, seinen Führungsanspruch zu demonstrieren, und Brian Wilson erzählte später, dass er durch einen Schlag seines Vaters auf einem Ohr taub geworden sei.

          Gleichzeitig war früh zu erkennen, dass es der älteste von Murry Wilsons Söhnen war, dessen musikalisches Talent das aller anderen überragte: Brian Wilson arrangierte den A-cappella-Gesang der Beach Boys, steuerte die meisten Eigenkompositionen bei und nutzte den Rückhalt, den er durch den wachsenden Erfolg bei der Plattenfirma erwarb, um sich von dem künstlerischen Diktat seines Vaters zu lösen.

          Der Hund hat das letzte Wort: Brian Wilson um 1965 Bilderstrecke

          Spätestens seit dem Winter 1964/65 verstand sich Wilson als Mastermind, der sich den anstrengenden Konzerttourneen der weltweit gefragten Band entzog, um im Fernduell mit den Beatles Musik zu schreiben, die den Vergleich mit „She Loves You“ oder „Help“ aushielt. Wilson schuf damals Lieder wie „California Girls“, „She Knows Me too Well“ oder „Help Me Rhonda“, die geschickt mit dem naiven Surferimage der Band spielen, gleichzeitig durch komplexe Instrumentierung, überraschende Harmonien und ein sicheres Gespür für diskret effiziente Melodien den Weg bereiten zu „Pet Sounds“ von 1966, derjenigen Platte also, die als frühes und seltsam ausgereiftes Konzeptalbum selbst die britische Konkurrenz erstaunte.

          Zu jung, um sich zurückzulehnen

          Für die Rezeption von Popmusik überhaupt stellte diese Platte einen Meilenstein dar, weil der Hinweis auf sie die beliebte Vermutung entkräftete, wo eine Gitarre zu hören sei, gehe es unterkomplex zu. Und Brian Wilson hatte allen Grund, stolz darauf zu sein. So klang das, wenn man ihn nur machen ließ: Lieder von sublimer Schönheit in perfekten Arrangements, die man unbeschadet wieder und wieder hören kann, weil Wilson in monatelanger Tüftelei lauter akustische Widerhaken gegen allzu große Glätte hinzugefügt hatte, bis hin zum berühmten Hundegebell am Ende von „Caroline, No“, das die Platte beschließt. Und weil er mit allen bis dahin errungenen Meriten dafür einstand, einem Lied wie „God Only Knows“ alle Opulenz zuzugestehen, die es eben braucht: in Gestalt von Waldhorn, Flöte, Cembalo und Streichern ebenso wie in seiner musikalischen Struktur, die in einem immer neu aufgenommenen Kanonvers mündet.

          Wilson war 23 Jahre alt, als er „God Only Knows“ aufnahm, zu jung also, um sich zurückzulehnen und mehr vom Immergleichen zu liefern. Dass er sich am nächsten Projekt verhob, der Platte mit dem Arbeitstitel „Smile“, die alles bis dahin Gehörte in den Schatten stellen sollte, ist umso tragischer, als die übrig gebliebenen Fragmente, die kürzlich als CD erschienen sind, ein äußerst vielversprechendes Werk erkennen lassen. Vor allem aber konnte Brian Wilson nach dem Scheitern von „Smile“ nicht mehr an seine Glanzzeit anknüpfen.

          Demnächst Konzerte in Europa

          An den Projekten der Beach Boys nahm er seit den siebziger Jahren eher sporadisch teil, und eine Zeitlang traf er sich mit seinem Cousin Mike Love eher vor Gericht als im Studio. Will man aber bei Brian Wilson partout von Erlösung sprechen, dann müsste man die jüngst vergangenen Jahre näher beleuchten: Jahre, in denen sich Wilson wieder auf die Bühne zurückkämpfte und, wie es schien, ehrlich verblüfft war über die Liebe und Verehrung, die ihm entgegengebracht wurden und werden, in denen er das Projekt „Smile“ vollendete und sogar wieder mit den übrig gebliebenen Beach Boys zusammengearbeitet hat.

          Die dabei entstandene Platte wirkt dann auch seltsam aus der Zeit gefallen. Viele der Lieder könnten in der Anfangszeit der Beach Boys geschrieben sein, und Brian Wilsons Produktion tut das Ihre, diesen Eindruck zu untermauern, etwa in der prächtigen Single „That’s Why God Made the Radio“. Die wohlbekannten Stimmen sind gealtert oder werden hin und wieder auch von den unbekannten der Gastmusiker überlagert. Die Texte handeln wie früher von Autos, Stränden, Mädchen und dergleichen, aber auch von der seltsamen Welt, in der sich die betagten Herren wiedergefunden haben. Und dass sie im Eröffnungsstück „Think About the Days“ ganz sacht „Our Prayer“ zitieren, den Beginn der Platte „Smile“, über der es zum Bruch kam, ist ein nettes Signal.

          Derzeit geben die Beach Boys, die ihr fünfzigjähriges Bestehen feiern, wieder Konzerte, demnächst auch in Europa. Brian Wilson, um dessen Gesundheit es lange nicht zum Besten stand, ist dabei, wie es scheint, voller Elan. Das Genie hat wieder in die Welt gefunden. An diesem Mittwoch feiert Brian Wilson seinen siebzigsten Geburtstag.

          Weitere Themen

          Hoffnung im Angesicht der Apokalypse Video-Seite öffnen

          Filmkritik „Endzeit“ : Hoffnung im Angesicht der Apokalypse

          Blutverschmierte Münder, abgehackte Gliedmaßen und Non-Stop-Action – so kennt man als geneigter Zuschauer das Zombiefilm-Genre. Wie sich der deutsche Film „Endzeit“ dagegen abhebt und warum man gerade als Nicht-Zombie-Fan den Gang ins Kino wagen sollte, erklärt F.A.Z.-Redakteur Andreas Platthaus.

          Topmeldungen

          Premierminister bei Merkel : Johnson beharrt auf Ende des Backstops

          Johnson und Merkel zeigen sich optimistisch – dennoch belegt der Backstop die Schwierigkeiten des Treffens. Schon vorher hatten Finanzminister und Bundespräsident dem Premier die kalte Schulter gezeigt.
          Luftbildkamera der NVA im Stabsgebäude über dem Eingang zum DDR-Atombunker Harnekop nordöstlich von Berlin

          Mauerfall-Debatte : Warum ticken die Ossis so?

          Der Zuspruch der AfD im Osten hat seinen Ursprung nicht zuletzt in der DDR. Weil Ostdeutsche jahrzehntelang einem Klima der Lüge und der Demütigung ausgesetzt waren. Ein Gastbeitrag.

          Soli und Negativzinsen : Die Koalition der Verzweifelten

          Der Soli wird zur verkappten Reichensteuer. Zudem entdeckt die Koalition jetzt auch noch den Sparer und will Negativzinsen verbieten. Wetten, dass das weder CDU noch SPD hilft?
          Bugatti Veyron auf einer Automesse – Das Modell war auch bei den von Schweizer Behörden gesuchten Verdächtigen beliebt

          Milliarden-Raub : Verdächtige lebten in Saus und Braus

          Internationale Kriminelle haben den Staatsfonds von Malaysia ausgeraubt. Schweizer Ermittler sind den veruntreuten Milliarden auf der Spur – ein Krimi, der von einem mysteriösen Araber handelt und von superschnellen Luxusautos.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.