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Breth-Premiere in Wien : Die Geschichte von einem Absturz ohne Ende

Explodierende Gewalt und verquere Lust am Leiden: August Diehl und Nicholas Ofczarek in Aktion Bild: Bernd Uhlig

Grandiose Schauspieler unter Andrea Breths Regie machen aus John Hopkins’ Drama „Diese Geschichte von Ihnen“ ein großes Wiener Theaterereignis.

          4 Min.

          Bevor es anfängt, gehen sechs Saaldiener neben den Türen in Stellung. Jeder von ihnen hat ein merkwürdiges Instrument in der Hand: eine lange Stange, an deren Ende ein kleines, mit schwarzem Samt verkleidetes Kästchen befestigt ist, offenbar eine Art Lichtkescher. Denn nun, wie auf ein geheimes Zeichen oder auf Befehl - es werde Dunkelheit -, stülpen sie ihre Kescher über die kleinen Lampen, die den Weg zu den Ausgängen weisen. Sie waren die letzten, schwachen Lichtquellen im Saal. Noch sollen wir nichts sehen, nur hören: Die Geräusche eines Mannes, der nachts im Dunkeln in ein Haus eindringt. Er hasst das Haus, und er hasst seine Bewohner. Aber noch weiß er nicht, wie groß dieser Hass in Wahrheit ist, er ahnt es höchstens. Und schon das ist mehr, als er ertragen kann. Das Haus ist sein eigenes, die Bewohner sind seine Frau und er selbst.

          Hubert Spiegel
          Redakteur im Feuilleton.

          Eine ganze Seite umfassen die Regieanweisungen, die John Hopkins seinem Theaterstück „Diese Geschichte von Ihnen“ vorangestellt hat, und Andrea Breth und der Schauspieler Nicholas Ofczarek halten sich akribisch daran. Schritt für Schritt hat Hopkins beschrieben, wie sich der Polizist Johnny Johnson nachts um halb drei durch das Wohnzimmer seines Hauses bewegt, wie er taumelt und schwankt, sich an der Rückwand des Sofas entlang zur Hausbar manövriert und dann, das Whiskeyglas in der Hand, über ein Möbelstück fällt. Eine Slapstick-Nummer? Unbeholfene, unsicher tastende Schritte, Gepolter, umstürzende Möbel, klirrendes Porzellan, dann geht Ofczareks schwerer Körper zu Boden. Niemand lacht. Das ist der Anfang eines Absturzes, der kein Ende kennt.

          Ohne den Hauch eines Beweises

          Ein Stück, das bei seiner ersten Aufführung in Deutschland schon als veraltet galt und das heute kein Mensch mehr kennt. Drei Akte, die aus drei Dialogen bestehen und gut dreieinhalb Stunden dauern. Ein Täter, der so widerwärtig, brutal, selbstmitleidig, verschlagen und hilflos ist, dass man kaum hinsehen kann. Ein Opfer, das vielleicht nicht viel besser ist und vielleicht sogar noch schlechter. Ein Stück, das in Küchenpsychologie badet und mit Gewaltszenen provoziert, die einem heutigen Publikum, das ganz anderes gewohnt ist als heftiges Theatergeschubse, harmlos vorkommen müssen. Wie kann das heute noch funktionieren?

          Es funktioniert vor allem, weil vier grandiose Schauspieler - Andrea Clausen, Nicholas Ofczarek, August Diehl und Roland Koch - diesen Abend zu einem Theaterereignis machen, das man lange nicht vergessen wird. Andrea Breth gelingt im Wiener Akademietheater eine Inszenierung, die wie aus der Zeit gefallen wirkt mit ihrer ruhigen Konzentration auf die Figuren und ihre Konflikte. Das Bühnenbild von Martin Zehetgruber schwelgt zunächst in Birminghamer Barock, aber der Vorgang, den Nicholas Ofraczek zusammen mit Andrea Breth fulminant auf die Bühne bringt, ist zeitlos: Ein Mensch wird gezwungen, sich selbst zu erkennen, und erblickt mehr, als er zu ertragen vermag.

          „Diese Geschichte von Ihnen“, das fast fünfzig Jahre alte Stück des britischen Drehbuchautors und Dramatikers John Hopkins, erzählt von einem Polizisten, der zum Täter wird: der kleine Sergeant Johnson hat bei einem Verhör einen Verdächtigen zu Tode geprügelt. Das Verhör hat er auf eigene Faust unternommen, ohne Anweisung oder Wissen seiner Vorgesetzten, ohne den Hauch eines Beweises, aufgrund einer zweifelhaften Zeugenaussage und einiger Indizien. Baxter, ein unbescholtener Immobilienmakler, soll zusammen mit einem Kind gesehen worden sein, das später vergewaltigt wurde. Es ist der vierte Fall von Kindesmissbrauch innerhalb von vier Wochen. Johnson hält Baxter für schuldig, in allen vier Fällen. Und vielleicht hat Johnson sogar recht mit seinem Verdacht. Es gibt nun einmal Menschen, die Unmenschliches tun. Johnson ist selbst so ein Mensch. Aber auch das weiß er noch nicht. Im ersten Akt kommt er heim und vergreift sich an seiner Frau, weil er die Hilfe, die er dringend braucht und die sie ihm anbietet, nicht annehmen kann. Nicht von ihr und vielleicht von niemandem. Er will ihr erzählen, was in der Nacht passiert ist, aber er kann es nicht. Weil ihm die Worte dafür fehlen und weil er es selbst noch nicht weiß. Um das häusliche Machtverhältnis wiederherzustellen, braucht er Gewalt.

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