https://www.faz.net/-gqz-ojoq

Bremer Theater : Avantgarde-Attrappe unter Polizeischutz: Kresniks "Zehn Gebote"

Viel heiße Luft: Kresniks Bremer „Zehn Gebote” Bild: dpa/dpaweb

Aus eigener Kraft hätte Hans Kresniks Bremer Produktion „Die Zehn Gebote“ keinen Theaterskandal auslösen können.Dazu hat das aufgedonnerte Stückwerk weder inhaltlich noch künstlerisch das Potential.

          3 Min.

          Der erste Streifenwagen steht vor der Humboldtstraße 119, und die Evangelische Friedenskirche trägt die 175. Fußgänger werden nur gemustert, Radfahrer auf die andere Straßenseite gebeten, weil dort vorne eine Menschentraube den Weg versperrt. Ein Blaulicht dreht sich, Kamerateams harren in Lauerstellung: "Jesus Christ spricht: Mein Haus soll ein Bethaus sein", mahnt ein Transparent, das Geistliche einer anderen Gemeinde vor der neugotischen Backsteinkirche im Bremer Steintorviertel ausgerollt haben. Das ist "Matthäus 11,13", und dafür kommen sie gleich im Fernsehen. Doch alles bleibt ruhig, nur die Kälte klirrt, und so darf, wer es an den Bodybuildertypen mit dem Namensschild "Security" vorbei in das der Kirche angesetzte Gemeindehaus geschafft hat, sich richtig geborgen fühlen.

          Andreas Rossmann

          Freier Autor im Feuilleton.

          Die Friedensgemeinde gewährt Hans Kresnik für seine Inszenierung "Zehn Gebote" Asyl, nachdem sie im Dom, wo die Produktion des Theaters Bremen herauskommen sollte, nicht mehr gelitten war (F.A.Z. vom 20. Dezember). Die Rücknahme der Spielzusage darf die "Bild"-Zeitung als ihren Erfolg verbuchen, deren wallraffgeschulte Reporter, hinter Christbäumen verschanzt, auf den Proben spionierten und erkannten: "Dieses Schock-Drehbuch besudelt unseren Dom." Die Aktion soll der Auftakt der bundesweiten Kampagne "Saubere Kirche" sein, mit der das Massenblatt alle Darstellungen von Nacktheit aus deutschen Gotteshäusern bannen will: Ein gewisser Lukas Cranach steht ganz oben auf der Liste der notorischen Schmierfinken.

          Szenische Rumpelkammer statt Theater

          Fürs erste aber hat "Bild" dafür gesorgt, daß Bremen, lange bevor die Aufführung fertig und veröffentlicht war, etwas zuteil wurde, was diese aus eigener Kraft niemals hätte auslösen können: Ein Theaterskandal. Denn dafür hat das Stückwerk, das Kresnik mit zehn Schauspielern und zwei Opernsängerinnen, Free Jazz und Videos, Statistenschar und Kinderchor, Schrottauto um Schminke aufgedonnert hat, weder inhaltlich noch künstlerisch das Potential. Zu flach und fade, zu holzschnittartig und hohltönend türmen sich die "Zehn Gebote" zu einer Müllhalde politischer Phrasen und Zynismen, Stammtisch- und Kalendersprüche, die spielerisch zu entsorgen dem Ensemble sichtlich schwerfällt.

          Das "Bethaus" wird dabei weniger in ein Theater als in eine szenische Rumpelkammer verwandelt, in der die matten Geister des seligen Politspektakels auferstehen und auf den ideologisch abgeblätterten Putz hauen. Der kurze, dreischiffige Kirchenraum ist leergeräumt, die Zuschauer folgen dem Geschehen im Stehen. Der Altar ist unter einer schrägen Spielfläche verschwunden, auf der ein "Theateraltar" thront; Podien werden aus den Seitenschiffen geschoben und Auftritte auf der Empore an die Rückwand projiziert.

          Moralinsaure Moritat in zehn Stationen

          Mit einer Filmsequenz fängt es an. Ein dunkelhäutiger Mann, es ist der Schauspieler Günther Kaufmann, fährt Auto, gerät in einen Unfall und kann sich, bevor der Wagen explodiert, retten. Als rennende Fackel überquert er die Straße - und taucht leibhaftig, nur in schwarzem Slip und Socken, hinter dem Altar auf, um sich darauf aufzurichten: ein Flüchtling, der Asyl sucht. Während er sich in Schale wirft, legt er die Prozedur einer Folter dar, die Sklaven ein Stück Kamelhaut über den geschorenen Schädel stülpte, um ihnen, wenn sie überhaupt überlebten, den Verstand zu trüben und das Gedächtnis zu löschen. Rassismus als Abrichtung. Aber der Fremde, ein Möchtegern-Verwandter des Gastes aus Pasolinis Stück "Teorema", steht erst einmal im eleganten dunklen Anzug da.

          Das Libretto, das Christoph Klimke aus Zitaten von Lorca und Peter Weiss, Fassbinder und Heiner Müller, Mohammed Atta und George Bush kompiliert hat, versucht keine szenische Fassung der "Zehn Gebote": Assoziativ und beliebig, wie auf sie nur Bezug genommen wird, fällt der intendierte Beitrag zur Wertediskussion flach. Vielmehr werden in einer moralinsauren Moritat zehn Stationen des Fremden bebildert, dem sich jeder und jede in den Weg stellt: das suizidgefährdete Mädchen, der faschistoide Polizist, der kinderschändende Metzger, der diensteifrige Soldat, die ichverliebte Nutte, die vatergeschädigte Pfarrerin, der machoblöde Müllmann, die lesbische Richterin und die autistische Diva - neun Figuren, die ihn demütigen und diskriminieren, mißachten und malträtieren.

          Verstoß gegen das erste Bühnengebot

          Was sich als lärmende Attacke gegen den Rassismus geriert, aber täuscht in seiner grobschlächtigen Manier entlastend über dessen schleichende Erscheinungen hinweg. Die Menschenverachtung, die der Regisseur als gesellschaftlichen Grundbefund auszumachen meint, bekommen "seine" Schauspieler selbst zu spüren: Müssen sie doch als meist schrill kostümierte Pappkameraden herhalten, denen er "aktuelle" Themen wie modische Hüte aufsetzt. Noch die vorab umstrittenste Szene ist nicht frei davon: Die sechs Seniorinnen, die zum siebten Gebot ("Du sollst nicht stehlen") nackt an klappernden Nähmaschinen hocken und schwarz-rot-goldene Fahnen anfertigen, während ein Podium die Ausbeutung von Kindern in der Dritten Welt durch bekannte Modemarken auflistet, tragen ihre Haut auch für das plakative Provokationsgebaren des Regisseurs zu Markte. Tragisch nur, daß der das für politisches Theater hält.

          Für die Bühne gelten bekanntlich andere Gebote als für das Leben. Gegen ihr erstes hat Kresnik sträflich verstoßen: Du sollst nicht langweilen!

          Weitere Themen

          Und das soll Demokratisierung sein?

          Künstler gegen Viagogo : Und das soll Demokratisierung sein?

          Wer im Internet Konzertkarten kauft, landet oft bei der Ticketbörse Viagogo. Bands wie Rammstein und Die Ärzte wehren sich gegen den Zweitmarkt für Eintrittskarten, der wächst – und Besuchern überteuerte oder ungültige Karten andreht.

          Filmkomponist Ennio Morricone verstorben Video-Seite öffnen

          Spiel mir das Lied vom Tod : Filmkomponist Ennio Morricone verstorben

          Die italienische Filmmusik-Legende Ennio Morricone ist tot. Er starb im Alter von 91 Jahren in einer Klinik in Rom. Morricone gilt als einer der größten Komponisten der Filmgeschichte. Berühmt wurde er unter anderem mit Titelmelodien den Kultfilm „Spiel mir das Lied vom Tod“.

          Heroisch wie im Film

          Richard Neutras Häuser : Heroisch wie im Film

          Das Wohnen in der Wüste wird wieder aktuell: In Wien feiert man die Wohnhäuser des großen österreichisch-amerikanischen Architekten Richard Neutra.

          Topmeldungen

          Segregierte Schulen : Das weiße Amerika bleibt unter sich

          Heute gibt es in Amerika mehr Schulen mit fast nur weißen oder fast keinen weißen Schülern als vor 30 Jahren. Das liegt auch an den Entscheidungen weißer Eltern – auch solchen, die seit Wochen „Black Lives Matter“ rufen.
          Ein Coronatest in Gütersloh Ende Juni

          Nach dem Gütersloh-Beschluss : Leitplanken für Lockdowns

          Darf ein Land keine Ausgangssperren mehr verhängen, wenn ein Corona-Hotspot auftaucht? Doch, sagen die Richter in ihrem Gütersloh-Beschluss. Es darf nur nicht Ungleiches gleich behandeln.
          Wie viele Klamotten, die wir besitzen, tragen wir eigentlich?

          Nachhaltiges Design : Wie kann Mode die Welt verändern?

          Nina Lorenzen, Vreni Jäckle und Jana Braumüller beschäftigen sich seit Jahren mit nachhaltiger Mode. Nun haben sie ein Buch darüber herausgebracht, das zeigen soll: Mit Mode kann man die Welt verändern.
          Bela B Felsenheimer von Die Ärzte

          Künstler gegen Viagogo : Und das soll Demokratisierung sein?

          Wer im Internet Konzertkarten kauft, landet oft bei der Ticketbörse Viagogo. Bands wie Rammstein und Die Ärzte wehren sich gegen den Zweitmarkt für Eintrittskarten, der wächst – und Besuchern überteuerte oder ungültige Karten andreht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.