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Bregenzer Festspiele : Aus lauter Lust am Bösen

  • -Aktualisiert am

Zwei Fäustel treffen mehr als ein Fäustel: Nero (Rafael Rojas), dieser Möchtegern-Nietzsche, hat wieder mit dem Hammer philosophiert. Bild: dpa

Arrigo Boitos Oper „Nerone“ ist eine Rarität der Opernliteratur. Die Bregenzer Festspiele eröffnen im Festspielhaus ihre neue Saison mit dem Stück. Der musikalische Eindruck ist stark. Die Inszenierung weckt Zweifel.

          3 Min.

          Warum wird Arrigo Boitos Oper über den römischen Kaiser Nero bis heute so selten gespielt? Liegt es daran, dass sie unvollendet blieb und erst 1924 – sechs Jahre nach dem Tod des Komponisten – aus der Taufe gehoben wurde? Immerhin war das bereits 1862 begonnene Opus magnum, an dem Boito quasi lebenslang immer wieder gearbeitet hatte, am Ende so weit gediehen, dass sich der Dirigent Arturo Toscanini daranmachen konnte, zusammen mit Antonio Smareglia und Vincenzo Tommasini eine aufführungsfähige Fassung zu erstellen. Toscanini, der das Stück in Mailand ohne den fünften Akt auf die Bühne brachte, hat sich auch später noch dafür eingesetzt. Warum also hat es sich trotz solch prominenter Fürsprache im Repertoire nicht behaupten können? Bei den Bregenzer Festspielen, die jetzt mit Boitos „Nerone“ eröffnet worden sind, konnte man sich knapp drei Stunden lang Gedanken über diese Fragen machen.

          Boito hat obsessiv mit dem Stoff gerungen, aber auch nach mehr als einem halben Jahrhundert nicht in eine endgültige Form zu bringen vermocht. Schon für das selbst verfasste Libretto hat er jahrelange Studien getrieben. Dabei ging es ihm nicht um einen Historienschinken im Operngewand. Dieser Nero verrät viel über seinen Erfinder, kommt als Möchtegern-Nietzsche daher, der moralische Werte hinterfragt. Boito, 1842 geboren, pflegte schon als junger Künstler und Intellektueller eine Bürgerschreck-Attitüde, feierte freie Liebe und neigte zu libertärer Verklärung des „Bösen“. Der oft überarbeitete Text koppelt überlieferte und fiktive Episoden aus dem Leben des Kaisers, konfrontiert traditionelle römische Religion und aufkommendes Frühchristentum, thematisiert den Brand Roms und im geplanten fünften Akt den Wahnsinn Neros.

          Sympathie mit dem Teufel

          Auch die Partitur hat Boito vielfach umgearbeitet und drei Akte selbst instrumentiert, geplante Uraufführungen aber wiederholt zurückgezogen. Könnte es sein, dass er mit „Nerone“ nicht fertig wurde, weil er mit seiner Titelfigur im Unreinen war? Weil er keine Lösung fand für das Problem ihrer Idealisierung? Weil er spürte, dass seine unterschwellige „sympathy for the devil“ ihm im Weg war? Auch die anderen Figuren des Stücks sind zwiespältige, merkwürdig wächserne Wesen, die seltsam kaltlassen. Boito hat viel hineingepackt in das Stück, wollte „alles richtig und perfekt machen“. Bei der Bregenzer Aufführung drängte sich zunehmend der Eindruck auf, dass er sich mit seinem Traum vom vollkommenen Kunstwerk selbst gelähmt und letztlich überfordert hat. Auch musikalisch konnte er innere Widersprüche seiner ambitionierten Zeitdiagnose nicht auflösen. Trotz brillant gezogener Register im Detail wirken manche Szenen gekünstelt, andere überdehnt.

          Dirk Kaftan legt sich am Pult der Wiener Symphoniker mächtig ins Zeug für Feinheiten der Partitur, die harmonisch und melodisch vom Gegensatz chromatisch gezeichneter heidnisch-antiker Welt und diatonisch gefärbten, klar strukturierten Klängen für das neue Christentum lebt. Dazu kommen atmosphärisch zauberhafte Momente in scharfem Kontrast zu schmerzbrüllend einschlagenden Bläser- und Schlagwerkattacken, präfaschistisch anmutendes Pathos bei der Verherrlichung brutaler Gewalt und blasphemisch getönte Kombinationen von Gebetskitsch und frivoler Beschwörung sinnlicher Liebe, die sich Boito nicht verkneifen wollte. Von quasi orientalischem Melos ist hingegen wenig zu hören. Insgesamt fehlt dem Stück die musiktheatralische Schlagkraft des von Boito bewunderten Kollegen Giuseppe Verdi.

          Anspielungen auf die Mussolini-Zeit

          Olivier Tambosis Inszenierung zieht Parallelen zwischen den dekadenten Umbruchzeiten im nachaugusteischen Rom und in Europa vor dem Ersten Weltkrieg. Gesine Völlms fantasievolle Kostüme sind allenthalben mit Blut beschmiert, zitieren aber gelegentlich auch die frühe Mussolini-Zeit. Auf Frank Philipp Schlössmanns Bühne drehen sich labyrinthisch verschachtelte Räume. Spiegelwände und Rotlichtflächen erzeugen ein verwirrendes Spiel permanenter Täuschungen. Schauen wir hier in den Kopf eines größenwahnsinnigen Narzissten, der Erotisierung von Folter, Sadismus und Tod als ästhetische Genuss und wertfreie Lust feiert? Tambosi will eine „Gesamtansicht des Menschseins“ entfalten. Spätestens nach den Katastrophen des zwanzigsten Jahrhunderts weckt solcher Flirt mit einem relativierenden „Jenseits von Gut und Böse“ Unbehagen.

          Rafael Rojas irrt als geschmeidig singender Nero durch all die Kammern seiner beschädigten Seele und findet sich immer weniger zurecht. Ihn plagt das Gewissen wegen der Ermordung seiner Mutter Agrippina. Voller Selbstmitleid stilisiert er sich als Orest, Opfer eines schicksalhaften Verhängnisses. Brett Polegato als Prophet Fanuèl wirbt mit betörendem Bariton für uneigennützige Liebe. Bei Spitzentönen kommt er stellenweise an Grenzen. Tambosi denunziert ihn als bärtig-langhaarigen Ersatz-Jesus mit Dornenkrone, salbungsvoll in fast süßliches Es-Dur gehüllt. Seinen Gegenspieler verkörpert Lucio Gallo als heidnischer Zauberer Simon Mago.

          Dämonisch ficht er seinen vokalen Kampf auf Leben und Tod mit riesigen schwarzen Flügeln, die doch nur raffiniert verborgener Technik gehorchen. Mit flammenden Soprankaskaden frönt Svetlana Aksenova als masochistische Asteria ihrer perversen Vorliebe für Neros Grausamkeit. Dass Mago ausgerechnet sie mit Peitsche als Domina-Göttin auf den Diktator ansetzt, geht grässlich schief. Alessandra Volpe als Rubria im Zwiespalt zwischen altem Kult und neuem Nazarenertum, das restliche Solistenensemble und der Prager Philharmonische Chor tragen zu einer musikalisch eindrucksvollen, im szenischen Kontext jedoch insgesamt unersprießlichen Aufführung bei.

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