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„Rigoletto“ in Bregenz : Ein tolles Spektakel, ganz ohne Kitsch

  • -Aktualisiert am

Die Freiluftbühne am Bodensee mit der Kulisse für „Rigoletto“ Bild: EPA

Populär, aber klug: Die Bregenzer Festspiele eröffnen mit Giuseppe Verdis „Rigoletto“ auf der Seebühne und Jules Massenets „Don Quichotte“ im Festspielhaus.

          Noch bevor das Publikum auf den rund siebentausend Plätzen der Zuschauertribüne zur Ruhe gekommen ist, klettert ein Zirkusartist auf den Scheitel eines Riesenkopfes in der Mitte der gigantischen Spielfläche, begrüßt mit italienischem Akzent die werten Gäste, rasselt in lustig-vielsprachigem Kauderwelsch allerhand Angaben zur bevorstehenden Show herunter und gibt dann großspurig die Manege frei für Giuseppe Verdis „Rigoletto“. Mit der Seebühnenproduktion dieser Oper sind die 74. Bregenzer Festspiele jetzt eröffnet worden. Philipp Stölzl, bekannt als Filmregisseur und Produzent von Musikvideos für Pop- und Rock-Größen, lässt Verdis düsteres Drama um den buckligen Hofnarren im Zirkus spielen. Der ausschweifende Renaissance-Herzog von Mantua mutiert zum Direktor, die Titelfigur zum Clown. Aus den Höflingen werden Gaukler, Seiltänzer, Zauberkünstler und Spaßmacher, ein buntes quirliges Völkchen, das permanent auf der ganzen Szenerie herumwimmelt.

          Stölzls Transfer der Handlung in diese Sphäre funktioniert überraschend gut. Wie an einem feudalen Hof gibt es auch in einer Zirkustruppe Hierarchien. Ihr Chef ist hier nicht nur Dompteur, sondern ein fieser Machtmensch, der vor sexuellen Übergriffen nicht zurückschreckt. Kein Wunder, dass Rigoletto seine Tochter Gilda vor dem Wüstling zu verbergen versucht. Die Bühne, auf der sich der grausige Showdown des Opern-Thrillers abspielt, hat Stölzl zusammen mit Heike Vollmer entworfen. Dominiert wird sie von einem fast fünfzehn Meter hohen, in alle Richtungen drehbaren Kopf mit beweglichen Augen. Rechts von ihm ragt eine große Hand aus dem Bodensee und hält an langer Leine einen riesigen, hoch über dem Kopf schwebenden Gasballon. Eine zweite Hand links erweist sich als wahres Wunderwerk der Technik. Sie kann ihre Finger und Gelenke zu allen erdenklichen Gesten formen. Hände wie Kopf sind mit Latten verkleidet und muten wie Teile einer überdimensionalen Holzpuppe an. So profitiert die Aufführung im Zusammenspiel mit Stölzls und Georg Veits subtiler Lichtregie auch von der Magie des Marionettentheaters.

          Wenn zur Ouvertüre ein angeseilter Rigoletto-Doppelgänger hoch über dem See durch die Lüfte zu schweben scheint, ins Trudeln gerät und schließlich kopfüber in die Wellen abstürzt, gibt es heiteren Beifall. Zu fröhlicher Bühnenmusik stürmen die von Kathi Maurer karnevalesk kostümierten Akrobaten, Varieté-Damen und Tierdarsteller herein. Allerlei Kunststücke und spektakuläre Stunts begleiten die Handlung, doch das Lachen bleibt dem Publikum im weiteren Verlauf zusehends im Hals stecken. Der Killer Sparafucile arbeitet hier als Messerwerfer mit Gerippe-Uniform. Miklós Sebestyén verleiht diesen Auftritten als Gevatter Tod basskräftig Nachdruck. Katrin Wundsam assistiert ihm mit satter Mezzo-Derbheit in der Stimme als verführerische Schwester Maddalena und verkauft außerdem als bestechliche Gouvernante Giovanna hinter Rigolettos Rücken dessen naive Tochter an den „Studenten“ Gualtier. Dass der Herzog den Namen einfach erfunden hat, lässt Gildas Arie „Caro nome“ ohne ihr Wissen als Bekenntnis zum Mann ihrer pubertären Träume ohne Bezug zu dem gewissenlosen Lügner erscheinen.

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