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Brechts „Johanna“ im Wiener Burgtheater : Die Wirtschaft der Wahnsinnigen

  • -Aktualisiert am

Geld schlägt Moral: Sarah Victoria Frick, Tilo Nest and Adina Vetter (v.l.n.r.) in der „Heiligen Johanna der Schlachthöfe” im Wiener Burgtheater Bild: REUTERS

Bildgewaltig und brachial: Michael Thalheimer treibt in seiner Wiener Inszenierung der „Heiligen Johanna der Schlachthöfe“ Bertolt Brechts antikapitalistische Argumente in den Abgrund des Wahnsinns.

          5 Min.

          Die große gegenwärtige Beliebtheit dieses Stücks aus den Jahren 1929 bis 1931 beruht auf einem Lesefehler. Das fängt schon beim Titel an. Er lautet „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ (und möchte eine hohe klassische Form parodieren, Schiller und so) - und nicht „Der böse Mensch von Chicago“ (und würde das Porträt eines Kapitalisten abgeben wollen). Aber genau dieser böse Mensch, der stets das Gute (für sich profitlich) will und stets das Böse (für andere arbeitsplatz- und existenzvernichtend) schafft, ist es, der gerade wieder attraktiv scheint.

          Dabei sind die Operationen dieses Pierpont Mauler, Fleischkönig von Chicago, seine Manipulationen des Markts, der Güterüberschwemmung, um die Preise in den Keller fahren zu lassen, und der Güterverknappung, um sie in die Höhe und die Konkurrenten in den Ruin zu treiben, alle diese kapitalistischen Schweinereien dramatisch wie wirtschaftlich etwas arg von gestern. Die Konkurrenten müssen ihm Büchsenfleisch liefern, aber sie haben kein Vieh, das sie fürs Büchsenfleisch schlachten könnten, weil Mauler alles Vieh aufgekauft hat und sie es ihm nun zu wahnwitzig überteuerten Preisen abnehmen müssen. Am Ende übernimmt er dann ihre Fabriken und baut Arbeitsplätze ab.

          Dumm, dümmer, Kapitalist

          Denn den Mythos, gegen den der frischgebackene Kommunist Bertolt Brecht 1929 andichtete, dass eine Einzelne, nämlich Johanna Dark, genannt die „Heilige Johanna der Schlachthöfe“, auch nur das Geringste gegen die übermächtigen Verhältnisse etwas ausrichten könne, genau diesen Mythos bedient Brecht hier. Indem er einen Einzelnen, Herrn Pierpont Mauler, alles ausrichten lässt. Er ist die Verhältnisse. Und das Verhängnis. Und die anderen Kapitalisten um ihn herum sind so dumm, dass sie den Braten nie riechen und ihm immer in die Angebots- und die Nachfragefalle tappen. So viel zu Brechts Verhältnissen.

          Unterricht im Klassenkampf im Wiener Burgtheater

          Abgesehen davon, dass die Krise seit 2008 nicht mit Waren und Vieh, also Materiellem, sondern mit gar nichts, also Blasigem, Luftigem, Leerkaufigem, Geld, das gar nicht da war, operierte und deswegen wahrscheinlich viel schlimmer war, als es jede Fleischspekulationskrise gewesen sein könnte, geht es Brecht in seiner „Johanna der Schlachthöfe“ auch gar nicht in erster Linie um eine Krise - sondern darum, wie die Arbeiterklasse ihr begegnet.

          Klassenkampfunterricht in bekannter Manier

          Johanna verhält sich falsch. Sie gehört zur Heilsarmee, den „Schwarzen Strohhüten“, möchte die Armen, Ausgesperrten vor den Fabrikstoren ein bisschen mit Suppe und Bibelsprüchen und dem „Drang zu Höherem“ trösten. Sie möchte Herrn Mauler bekehren, sieht aber nicht der „Armen Schlechtigkeit, sondern der Armen Armut“, wenn ihr von dem zynischen Fleischfabrikanten vorgeführt wird, dass eine hungrige Frau, deren Mann in eine Fleischmaschine fiel und zu Blattspeck verarbeitet wurde, lieber sich von den Kapitalisten durchfüttern lässt, als weiter nach ihrem Mann zu fragen. Sie fühlt schon das Richtige. Mitleidende. Menschliche.

          Johanna tut aber das Falsche. Sie überbringt einen Brief streikender Arbeiter an andere Arbeiter nicht, die deswegen von der Kapitalistenpolizei zusammengeschossen werden. Sie erkennt am Ende, dass nur „Gewalt hilft, wo Gewalt herrscht“ und dass Bibelsprüche nicht helfen und dass Leute wie Mauler, die der Heilsarmee, weil Johannas Bitten ihn rühren, die Miete zahlen, durchaus auf Streikende schießen lassen können. So stirbt Johanna, entlassen von der Heilsarmee, im Schnee vor den Fabriken. Wird aber von den Kapitalisten noch im Tod als Ikone missbraucht, die in Zukunft Gott und Kapital versöhnen möchten im hohen Stil eines Schillerschen Dramenschlusses - mit Hilfe der Heilsarmee und zur Beruhigung der Arbeiterklasse. Die aber irgendwann trotzdem siegen wird. So viel zum Klassenkampfunterrichtsziel des Stücks, das seinen gähnenden ideologischen Rachen treuherzig weit aufsperrt. Wer hier auftritt, vertritt einen Zeigefinger. Jedes Ich nichts als ein Deuterich, Zeigerich, Beweiserich. Vorsänger einer Hohen Messe in Marx-Dur. In lauter Trompetenstößen. Wie gesagt: von gestern.

          Viel Fleisch kreist vor dem Schlund

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