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Brechts „Hofmeister“ : Selbstoptimierung durch Entmannung

  • -Aktualisiert am

Am Deutschen Theater spielt man vor den Fotos aus Brechts „Hofmeister“-Inszenierung ebendort im Jahr 1950. Bild: Arno Declair

Als Verbeugung angelegt, als schwergängiges Reenactment auf die Bühne gebracht: Jürgen Kuttner und Tom Kühnel zeigen Brechts „Hofmeister“ am Deutschen Theater.

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          Bertolt Brecht war sich seiner künstlerischen Bedeutung früh bewusst. Schon mit 22 Jahren schrieb er: „Mein Werk ist der Abgesang des Jahrtausends.“ Deshalb dokumentierte er seine Inszenierungen möglichst umfassend in Wort und Bild als ausführliche Modellbücher. Künftige Generationen sollten nachvollziehen können, wie er gedacht, gearbeitet, Regie begriffen hatte, wie er sich mit seinem Team den Stücken genähert, sie ausgelegt und umgesetzt hatte. So verfuhr er auch mit „Der Hofmeister“, einer Sturm-und-Drang-Komödie von Jakob Michael Reinhold Lenz, die 1778 in Hamburg uraufgeführt wurde.

          Brecht bearbeitete das Stück und inszenierte es 1950 an den Kammerspielen des Deutschen Theaters Berlin. Warum dort und nicht am Berliner Ensemble? Zwar hatte man ihm dieses Haus versprochen, als er nach dem Zweiten Weltkrieg aus den Vereinigten Staaten nach Berlin zurückgekehrt war, doch musste er darauf noch bis 1954 warten. Deshalb gastierte er mit seinen Mitarbeitern im Deutschen Theater.

          Eine groteske Lenz-Karaoke

          „Der Hofmeister“ wurde ein großer Erfolg beim Publikum wie bei den Kritikern aus Ost und West und stand innerhalb eines Jahres stolze 72 Mal auf dem Programm. Eine Vorstellung wurde mit einer in der Mittelloge installierten Kamera festgehalten, die jede Sekunde ein Foto schoss. Jürgen Kuttner hat diese Aufnahmen nun zusammen mit dem Regisseur Tom Kühnel in besagten Kammerspielen auf die Bühne gebracht. Sie wurden, wie es Kuttner, ein Radiomoderator mit deftiger Berliner Schnauze und dem fatalen Drang zum Theater, zu Beginn des Abends erzählt, 1997 im Bertolt-Brecht-Archiv entdeckt. Die Sekundentaktung, in der sie jetzt – fast wie ein Film – gezeigt werden, vermittelt tatsächlich eine Ahnung von Brechts Inszenierung.

          Weil es natürlich keine Tonspur gibt, lesen Kathleen Morgeneyer, Birgit Unterweger, Peter René Lüdicke, Helmut Mooshammer und Kuttner den Dramentext samt einigen Anmerkungen Brechts. Sie sitzen unterhalb der Leinwand oder kommen nach vorne zu ein paar Mikrofonen und schmeißen sich mit Verve in eine groteske Lenz-Karaoke. Fallweise erzeugen sie dabei allerlei Geräusche, schnurren und schmatzen, klopfen und scharren, lachen hämisch und reden wild durcheinander, kippen vor Schreck sogar um. Aber all die kindische Verausgabung betont nur den Unterschied zu Spielweise wie Darstellung auf den Fotos und zu dem, was man von Brechts epischem Theater weiß.

          Im Kampf zwischen Pflicht und Neigung

          Matthias Trippner macht dazu am rechten Bühnenrand mit diversen Ins­trumenten meist laut Musik. Begeistert von sich und stolz aufgeplustert im Schatten Brechts haben Kuttner, Kühnel und der Dramaturg Claus Caesar freilich ganz vergessen, die Schauspieler beim Namen zu nennen, die hier fast zwei Stunden lang begleitet werden. Anders formuliert: Die nachäffend nicht getroffen werden – als da wären, wie dem Band „Theaterarbeit“ von 1952 zu entnehmen ist, etwa ­Regine Lutz, Sabine Thalbach, Benno Besson, Angelika Hurwicz, Käthe Reichel, Eleonore Zetzsche, Isot Kilian, Erwin Geschonneck, Willi Schwabe. Hans Gaugler spielte damals den unglücklichen Hofmeister, der von der adeligen Obrigkeit so gedemütigt wird – und sich unterwirft –, dass er sein Sexualleben beendet und sich eigenhändig kastriert. Im Kampf zwischen Pflicht und Neigung, zwischen Beruf und Natur entscheidet er sich für Selbstoptimierung durch Entmannung, denn von nun an wird er jeden Lehrerposten kriegen, den er möchte, kann er doch seine Schülerinnen nicht mehr verführen – oder sich von ihnen verführen lassen.

          Das Bühnenbild von Caspar Neher deutet mit ein paar losen Elementen – eine Tür, ein Fenster, ein Mäuerchen – wechselnde Orte der Handlung an, hat allerdings auch eine Schulstube oder ein Schlafgemach zu bieten und kann mit einem drehbaren Arrangement den Kreislauf eines Jahres abbilden. Die Distanz zum Stück von Lenz wie zu Brechts Inszenierung bleibt durch die fotografische Definition im Einzelbildgang spürbar, weckt aber Neugier und Anteilnahme. Über Kuttners und Kühnels schwergängigen Reenactment-Versuch lässt sich das leider nicht sagen.

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