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Brechtfestival in Augsburg : Ein Kollektivwesen namens Bert

Stefanie Reinsperger in „Ich bin ein Dreck“, dem Film, den sie zusammen mit Akin Isletme für das Brechtfestival gemacht hat. Bild: © Hamdemir & Isletme

Heute kriegt er wieder sein Fett ab: Das Augsburger Brechtfestival findet erstmals digital statt und lässt die Frauen im Leben des Dramatikers zu Wort kommen.

          4 Min.

          Der Bildschirm: klein. Der Ton: scheppernd wie Blechbüchse. Die Stimmung: coronabedingt dezent angespannt bis schwer genervt. Keine idealen Voraussetzungen, um eine gute Woche lang das Augsburger Brechtfestival Abend für Abend auf dem Laptop zu verfolgen. Leider fängt es auch nicht besonders gut an: „Medeamaterial“, die Eröffnungspremiere, ein Projekt des Intendanten-Duos Jürgen Kuttner und Tom Kühnel, ist Theaterkunstfilm-Ambition von der Stange, Heiner-Müller-Beschwörung in Edeltrash-Hochglanzbildern. Vorher wird geredet. Von den Akteuren des Abends, aber vor allem von Jürgen Kuttner. Das wird nun jeden Abend so gehen.

          Hubert Spiegel
          Redakteur im Feuilleton.

          Aber dann kommt Suse Wächter, und die Festival-Welt sieht plötzlich ganz anders aus. Der kleine Bildschirm: ist doch völlig egal. Der schlechte Ton: schade, aber nicht so schlimm. Die Stimmung: verblüfft, hellwach, fasziniert, hingerissen. Zwölf kurze Filme wird die Puppenspielerin zum Festival beisteuern, jeder dauert etwa fünf Minuten. Ihr Thema: „Helden des zwanzigsten Jahrhunderts singen Brecht“. Das Prinzip ist simpel: ein Held, ein Song. Nur zwei Helden dürfen zwei Mal singen: Gott und Brecht.

          Der Bimbes-Song

          Wir sehen und hören: Rosa Luxemburg, sitzend im Rinnstein, singend Brechts „Ballade vom ertrunkenen Mädchen“. Erich Honecker säuselt „Über den Selbstmord“, Helmut Kohl bringt den Bimbes-Song, Brechts „Lied von der belebenden Wirkung des Geldes“. Der aufgebahrte, blumenbekränzte Lenin räkelt sich auf dem Klavier von Matthias Trippner wie einst Michelle Pfeiffer auf dem Flügel von Jeff Bridges in „Die fabelhaften Baker Boys“, allerdings nicht ganz so lasziv. Statt Brecht singt Wladimir Iljitsch Johannes R. Bechers Lenin-Hymne: „Er rührte an den Schlaf der Welt“. Man muss sich anhören, wie Ernst Busch das geschmettert hat, um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie raffiniert die Arrangements von Matthias Trippner sind und wie anspielungsreich die Interpretationen von Suse Wächter. Sie leistet Erstaunliches, als Puppenspielerin ebenso wie als Sängerin. Mit Luciano Pavarotti singt sie Brechts „Kinderhymne“ im Fußballstadion von Union Berlin, Gott setzt sie an die Orgel der Gethsemanekirche im Prenzlauer Berg, lässt ihn aber auch Schlagzeug und E-Bass spielen. Der Weltenschöpfer als One-Man-Band, da wäre Nietzsche nie draufgekommen. Naheliegend hingegen ist Gottes Songwahl: „Die Welt gefällt mir nicht mehr“, vertont von Bert Wrede.

          Helden des zwanzigsten Jahrhunderts? Die Puppenspielerin Suse Wächter lässt Gott, Karl Marx, Helmut Kohl und Rosa Luxemburg Brecht-Songs singen
          Helden des zwanzigsten Jahrhunderts? Die Puppenspielerin Suse Wächter lässt Gott, Karl Marx, Helmut Kohl und Rosa Luxemburg Brecht-Songs singen : Bild: Brechtfestival Augsburg

          Musikalische Projekte verschiedener Art spielen eine große Rolle beim diesjährigen Augsburger Brechtfestival, das noch bis Montag nächster Woche erstmals digital stattfindet und mehrere Dutzend Produktionen, Filme, Konzerte, Lesungen umfasst. Nur klassische Theateraufführungen fehlen pandemiebedingt. Im Zentrum des Festivalprogramms stehen die Frauen in Brechts Leben, also Helene Weigel, Ruth Berlau, Elisabeth Hauptmann, Margarete Steffin und andere, die Brecht umworben und umgarnt, geliebt und fallengelassen, benutzt und ausgebeutet hat.

          Ich bin ein Dreck

          Das Thema wirft viele Fragen auf. Eine davon stellt Stefanie Reinsperger, wenn sie sich in ihrem Film mit dem Titel „Ich bin ein Dreck“ direkt an Brecht wendet: „Du Bert, stell dir mal vor, es kämen alle Frauen, die du jemals hattest, an dein Bett.“ Was würde Bert machen? Andere Überlegungen tauchen im Chat auf, den man während des Livestreams mitverfolgen kann: Wieso sind gerade mal wieder nur Männer auf dem Podium, und warum ist in der Leitung eines Festivals, das vor allem Frauen gewidmet ist, keine Frau vertreten? „Heute kriegt Bertie aber mal wieder schwer sein Fett ab“, schreibt ein wohl nur mäßig mitfühlender männlicher Zuschauer im Chat, in dem es erfreulich entspannt und unaggressiv zugeht.

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