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Liebesszenen des Theaters : Es hätte Krieg dazugehört, um dich und mich zu fesseln

  • -Aktualisiert am

„Der sterbende Antonius wird zu Kleopatra gebracht“: Gemälde (1863) von Eugène Ernest Hillemacher Bild: akg-images

Cleopatra, Penelope, Judith und ihre Schwestern: Die großen Liebesszenen des Theaters müssen in der Phantasie des Lesers erfüllt werden. Über dramatische Unausweichlichkeit und die Wiedererlangung der Unschuld.

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          Des Antonius wirre Ausschläge – verletzt durch Passion. Jede Handlung wird abrupt und nicht mehr einsehbar. Verrat und Rückkehr, Eifersucht und Unterwerfung. Die gewaltsamen Kehren eines sich zu Tode Hetzenden. Die hohe Reizbarkeit des Trunksüchtigen, unkontrolliertes Herumreißen des Ruders. Es sind extreme Ausschläge, alle auf der gleichen Skala der Leidenschaft oder der Exaltation: Noch das Liebesende ausrufen heißt neues Feuer fangen. Der Kreis des Taumels liegt um ,Ägypten‘ – was mag es bedeuten, eine Frau zu nennen nach ihrem Machtbereich. Den Namen nicht, nur das Gebiet, das sie beherrscht, das unterwerfbar ist als Territorium und zu erobern wie sie selbst, die dunkle Fremde.

          Vielleicht, wenn er die letzte Schlacht nicht so seltsam verloren hätte – mit Entmutigung die Seinen am Vorabend erweichend, dann die überraschenden Scheinsiege, zuerst die unbegründete Euphorie, dann die Niederlage. Die Wenden des Gemütskranken mehr als die des Geschicks, des exzessiven Trinkers mehr als die des planlosen Feldherrn. Jedenfalls: ein nüchterner Antonius hätte sein ,Ägypten‘ nicht geliebt in dieser Art. Er wollte nicht siegen in seiner Liebestodsucherei, seiner Selbstverstümmelungssucht. Doch hätte der Zufall ihm den Sieg gebracht, dann Cleopatra in furchtbar anderer Sicht.

          Bis zum Eklat des Humanums

          Jede dramatische Unausweichlichkeit trägt in sich und gibt zu spüren die Nähe des besseren Ausgangs. Das bittere Ende lebt stets von der Virtualität seiner Abwendbarkeit. Hingerissensein: nur noch unstete, zusammenhanglose Handlungen eingehen. Der tödlich, lebensgefährlich Verliebte zettelt überall Abwehrkämpfe an, auch gegen den eigenen Affekt – er verherrlicht das Normalsein mit hektischer Andacht. Dienst, Arbeit, Familie. Und verwirrt mit jeder Entschlossenheit seine Schritte mehr, macht mit jedem entschlossenen Schritt seinen Weg unwegsamer.

          Dann tritt er wieder dieser Macht entgegen, versucht sie von Angesicht zu Angesicht zu schmähen wie ein Befehlsgewaltiger. Es kommen nur Beschimpfungen, Verdächtigungen, Erniedrigungen, das Gebrüll des erotischen Vasallen heraus. Die Geliebte erschrickt, versteht nicht mehr, kehrt sich unter Qualen ab. Die Folge für ihn heißt Reue, Verdacht gegen den eigenen verdachtschöpfenden Hochmut. Das Tor zur Wiederkehr wird aufgerissen: Das ganze wilde Abfertigen und Verneinen hatte nur die Methode, der Steigerung der Leidenschaft zu dienen. Das wussten sie nicht, ahnten sie nicht, aber in allen Sinnen und Gliedern brach es sich Bahn.

          „Es hätte Krieg dazugehört“, sagt einer nach Art des Antonius, „Kampf mit Sieg und Blut, um dich und mich zu fesseln. Was ist Hingabe, wenn sie nicht ein Geschenk der Besiegten an den Sieger ist? Liebe allein schafft nicht die höchste Liebe. Es müssen Macht und Räume und Bewegung vieler auf dem Spiele stehen, damit sie den Gipfel findet, den sie fordert. Die Krone eines Umsturzes muss sie sein. Von Herz zu Herz stillt man ihre Machtgier nicht.“

          Das ist sie, den Braven schwer vermittelbar, Shakespeares Größe: den Konflikt stets bis zum Eklat des Humanums zu führen, so dass nichts mehr von einem Menschen übrig bleibt als die heiße Welle seines Bluts; und am Ende bloß die Erhöhung, von der der Sturz geschieht, um an der eigenen Leidenschaft zu zerbrechen. Dies Feuer hat sich für uns Moderne weit von seinem Herd entfernt. Übrig sind der Mann, die Frau: selbst bei wildem Reden doch zwei Zivilisierte, Friedliebende, deren Waffen abseits ruhen im Depot. Da in der Liebe jetzt, den anderen zu verlassen, der einzig tödliche Angriff ist.

          „Denn Athene lenkte ihr Herz ab“

          Dass der Blick übermüdeter Erwartung den Schleier wirft über den Erwarteten, der heimkehrt, ist der Grund, weshalb Penelope den Gemahl nicht erkennt, nicht einmal fühlt. Und doch beginnt mit ebendiesem Schleier bereits die Verklärung der Wiedervereinigung. Die Begegnung mit dem Fremden aus Kreta steht von Anfang an unter dem hinhaltenden Zauber seiner Anwesenheit. Von alledem bekommt er selbst, der Städtezerstörer und Brandschatzer Odysseus, nichts mit.

          „Nur die Königin konnte so wenig hören als sehen;/Denn Athene lenkte ihr Herz ab ...“

          Penelope war im Jahre 859 vor unserer Zeitrechnung etwa vierzig Jahre alt. Seit zwanzig Jahren in unerbittlicher Treue – zehn Jahre Troja, zehn Jahre Irrfahrt – hatte sie nie ein Bad genommen, ohne ihren Körper in ein schwarzes Gewand zu hüllen.

          Eine gute Stunde müsste eine subtile Oper allein der Wiedererkennungsszene widmen, act of recognition. Anagnorisis – Musik des verhohlenen Erkennens und des prüfenden Verkennens, das lang hinausgezogene, lang ausgekostete Vermuten. Der Königin flimmert und schwankt die Wahrnehmung des Gatten zwischen Anblick und Gedächtnis. Denn die Wiedererkennung geschieht nicht, indem es Penelope wie Schuppen von den Augen fällt, sondern sehr langsam sinken die Hüllen des Vergessens, der Täuschungen und Enttäuschungen, die die zehn Jahre währende Rückkehr und zwanzig Jahre getrenntes Leben um beide Liebende legten.

          Judith von Betulia und der assyrische Feldherr Holofernes, um sie tiefer zu verstehen, müsste entgegen der biblischen Geschichte eine so große Anziehungskraft aneinander binden, dass alles Staatspolitische vor ihrer Leidenschaft verblasst und nebensächlich wird. Holofernes wird in seiner demütigen Liebe und Ergebenheit gleichsam „gereinigt“ – ein Unmensch, geläutert in der nächtlichen Umarmung. Bei Judith bleibt zunächst ungewiss, ob sie noch Hinterlist besitzt oder ob auch sie überwältigt ist – und nicht etwa vergewaltigt. Der Staatsauftrag kommt ihr erst gegen Morgen nach der Orgie, in der Ernüchterung, wieder in den Sinn. Auch jetzt bleibt ungewiss, ob es nicht ein letzter Vollzug aus Liebeswahn ist, ihn zu köpfen, ein Lustmord. Alles wird nachträglich politisiert, zum rechten Zweck verfälscht. Holofernes aber erlangt im Exzess der Liebe Unschuld.

          Von Botho Strauß erschien zuletzt „Der Fortführer“ (Rowohlt, 2018).

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