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„Boris“ an Stuttgarter Oper : Unser Christentum hat Fäuste

Der Hoffnungsträger ist ein Faschingsprinz: Adam Palka wird als Zar Boris zum Objekt der Begierde seines Volkes. Bild: dpa

Aus Schmutz und Gold eine Geschichte basteln: Die Oper Stuttgart vernäht Mussorgskis „Boris Godunow“ mit einer Neukomposition Sergej Newskis von „Secondhand-Zeit“.

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          Es gehört zum Schicksal Russlands, dass hier keine historische Epoche wirklich endet. Herrscher werden, auch wegen der ihnen aufgedrängten Machtfülle, schnell von einer Kult- zur Hassfigur, bevor ihr ewig enttäuschtes Volk einen neuen Führer für eine neue Utopie sucht. Die von Modest Mussorgski zu Texten von Alexander Puschkin komponierte Oper „Boris Godunow“ vergegenwärtigt das, zumal in ihrer ohne Liebesintrige auskommenden Urfassung von 1869, ganz exemplarisch. Darin geht der Titelheld an Gewissensnot wegen der Tötung eines Sohnes Iwans des Schrecklichen zugrunde, für die er, nach Erkenntnissen moderner Historiker, keine Verantwortung trägt.

          Kerstin Holm
          Redakteurin im Feuilleton.

          Aus heutiger Sicht erscheint das ermordete oder durch Unfall umgekommene Kind daher eher wie ein Symbol dafür, dass Macht ohne Verbrechen nicht zu haben ist, was zumal in Umbruchszeiten auf die Mächtigen zurückfällt. Wie dabei die manipulierbare Masse zum Akteur wird, dafür hat Mussorgski in seinen Chorszenen mit ihren unregelmäßigen Metren, der folkloristisch herben bis impressionistisch schwebenden Harmonik und den immer wieder aus dem Kollektiv hervortretenden Einzelfiguren ein höchst originelles musikalisches Idiom gefunden.

          Lebenserzählungen von vielen Fortschrittsverlierern

          Ein literarisches Äquivalent für die postsowjetische Umbruchepoche, die oft mit der „Zeit der Wirren“ nach Godunow verglichen wird, schuf die Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch mit ihrer chorischen Dokumentarprosa, komponiert aus Lebenserzählungen von vielen Fortschrittsverlierern. So erscheint es kongenial, wenn in dem ambitionierten „Boris“-Projekt der Stuttgarter Oper Helden aus Alexijewitschs Romanchronik „Secondhand-Zeit“ zu zeitgenössischen Doppelgängern von Mussorgskis Figuren werden, deren vom russischen Komponisten Sergej Newski vertonte Partien wie ein Kommentar das Politdrama immer wieder unterbrechen.

          Newski, Jahrgang 1972, der in Moskau und Berlin studierte und sich in der deutschen zeitgenössischen Musikszene etabliert hat, gehört einerseits zu den Gewinnern der Umbruchszeit, zugleich ist er aber auch enttäuscht über Russlands passive Gesellschaft, die der Vätergeneration um Wladimir Putin erlaubt, an der Macht festzuhalten. In Newskis „Secondhand-Zeit“-Prolog intoniert der unter Manuel Pujol brillierende Chor hinter der Bühne den berühmten Befund von Dostojewskis Großinquisitor, den Alexijewitsch in ihr Vorwort aufnahm – demnach will der Mensch die ihm geschenkte Freiheit so schnell wie möglich jemandem übereignen –, freilich als futuristische Klangfläche im sphärischen Piano.

          Der Regisseur Paul-Georg Dittrich inszeniert diesen „Boris“ als Maskenfarce in einer ökologischen Dystopie. Das Bühnenbild von Joki Tewes und Jana Findeklee besteht aus der drehbaren Ruine eines Reaktors oder eines avantgardistischen Turms, um die das schwarz verschlammte Chor-Volk auf Kommando des Einpeitschers seine Heulhymne an Boris anstimmt. Da öffnet sich eine Treppe, und mit Adam Palka steigt ein kammermusikalisch fein artikulierender, vergleichsweise junger Zar herab, den die Kostümbildnerinnen Pia Dederichs und Lena Schmid in einen Goldbodysuit gehüllt haben und der – wie Rohstoffzar Putin – Erdenschlamm in Gold verwandelt und die Gewänder einiger Gefolgsleute gleich mit.

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