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Bonner Sitzungskarneval : Parität ist nur etwas für Herrn Knauserig

Darf der kleine Unterschied so großen Spaß machen? Norbert Alich und Rainer Pause (alias Hermann Schwaderlappen und Fritz Litzmann) im Bonner Pantheon Bild: Edgar Schoepal

Der kabarettistische Bonner Sitzungskarneval ist jetzt zu hundert Prozent weiblich, und Herrenwitze fallen endgültig aus dem Rahmen: Revolution ganz ohne Verfassungsänderung bei Pink Punk Pantheon.

          Na also, geht doch. Und ohne Satzungsänderung. Fünfunddreißig Jahre lang hat beim 1. Freien Kritischen Karnevalsverein Rhenania zu Bonn die Gründerzeit gedauert, also dreimal so lang wie das Tausendjährige Reich und nur unwesentlich kürzer als der Director’s Cut von „Werk ohne Autor“, den der Autor dieses Werkes gerade zusammenklebt, um es im nächsten Jahr noch einmal bei den Oscars einzureichen. Seit der Vereinsgründung 1983 im alten Pantheon-Theater gegenüber dem alten Bundeskanzleramt, das Helmut Kohl damals gerade erst bezogen hatte, war der Vorstandstisch durchgehend rein männlich besetzt, und das mit Prachtexemplaren aus der Urzeit des Patriarchats, für die der Direktor des Museums Koenig jeden Dinosaurierknochen hergeben würde. Fritz Litzmann (alias Rainer Pause) und Hermann Schwaderlappen (alias Norbert Alich) haben Kohl, Lafontaine, Scharping, Schröder, Fischer, Müntefering, Trittin, Schäuble, Steinmeier, Steinbrück, Schulz und Merz stürzen sehen, letzteren zweimal, und dazu gelächelt wie Konrad Adenauer, als er Ludwig Erhard die letzte Zigarre stibitzte, angeblich mit dem Segen des Kölner Erzbischofs Kardinal Frings.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          In der sechsunddreißigsten Session jetzt die Revolution: Den Zwischenschritt der Quote überspringt man so nonchalant wie 2016 beim Umzug des Theaters nach Beuel den Rhein; Parität hat man nicht nötig, rechnerische Gleichheit ist etwas für Knöpfezähler, wie sie noch als Lehrlinge bei Kastenholz benötigt werden, im Bonner Traditionsgeschäft für Schneidereibedarf, aber nicht als Führungskräfte im Karneval, wo man Fünfe gerade sein lässt. Ganz neue Töne aus Bonn, die neuesten seit Beethovens Wegzug nach Wien: Der Vorstand der Rhenanen ist wie ausgewechselt, der Frauenanteil liegt jetzt bei hundert Prozent. Eine Operation, wie sie der Exzellenzuniversität Bonn in zweihundert Jahren Klinikgeschäft nie gelungen ist: Die Geschlechtsumwandlung ging bei laufendem Sitzungsbetrieb über die Bühne. Ob die Kosten von der Krankenkasse übernommen werden oder auf die Getränkekasse abgewälzt werden müssen, steht mangels einer gesetzlichen Regelung noch nicht fest, aber von Bundesgesundheitsminister Spahn soll es schon positive Signale gegeben haben, da im Saal kein Widerspruch laut geworden sei.

          Die Gewinne passen auf keinen Bierdeckel

          Wie man im Rheinland singt: Die Zeiten, die sind am Sichändern. Ganz heimlich, still und leise, wie es noch nie ihre Art war, stiller als die stillsten Teilhaber des diskreten Herrn Kim, der den Bonnern ihr Weltkonferenzzentrum zu finanzieren versprochen hatte, verschwanden Fritz und Hermann in der Pause und der Versenkung – und aus der Garderobe kehrten zwei frühjahrsputzmuntere Damen zurück, welche die Altherrengarde in jeder statistischen Wertung aus dem Feld schlugen: mehr Haare auf dem Kopf, mehr Farbe auf den Lippen, mehr Punkte auf dem Rock. Und scheinbar wie durch ein Wunder, in Wahrheit durch geschickte Tagungsregie, geleitet von der Männerfastnachtsweisheit, dass man Schnapsleichen nicht aufwecken soll, blieb im epochalen Wandel alles beim Alten und der Verein in bester, da unveränderter Verfassung. Der Historiker Andreas Rödder, Connaisseur des Konservatismus aus der rivalisierenden Narrenhochburg Mainz, soll neidlos seine Tastatur angeknipst haben, um bald nach Aschermittwoch ein Buch über den Geist von Beuel auf den Markt zu bringen, Gelegenheitsarbeitstitel: „Karneval 21.0“.

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