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Bonner Sitzungskarneval : Parität ist nur etwas für Herrn Knauserig

Dass Frauen regieren sollen, musste nicht per Satzung humorlos vorgeschrieben werden. Die geistig-sexualmoralische Wende wurde auch nicht von den Unwägbarkeiten eines Wahlakts abhängig gemacht. Wankelmütig ist die Gunst des Volkes, zumal unter Kölscheinfluss, und in der Aussprache hätte ja doch nur ein Scherzbold den Einwand geäußert, dass bei den Funkenmariechen nach wie vor ein Herrendefizit bestehe. Durch das Absehen vom Herumdoktern am Satzungstext sparte der Verein auch das Honorar für ein Gutachten des Bonner Staatsrechtlers Udo Di Fabio, der sich seit seiner Zeit im zweiten Karlsruher Achterrat um die Kultur der Narrenfreiheit verdient macht. Wie günstig! So konnte, wie der alte Vorstand mitteilte, das gesamte Vereinsvermögen Friedrich Merz zur Anlage anvertraut werden. Die Gewinne, verkündete der scheidende Kassenwart Litzmann mit tagediebischer Freude, sind so hoch, dass sie auf keinen Bierdeckel passen.

So wäre dieser Kampf nicht zu gewinnen

Dieser steht deshalb weiter zum Anschreiben zur Verfügung – eine Win-Win-Win-Win-Win-Situation aus dem Handbuch für Finanzjongleure, für das der unglückliche Herr Kim seinerzeit leider keinen Won übrig hatte. Die Zukunft des 1. FKK ist weiblich, rosig und üppig: Dank Merz kann man es sich in der gehobenen Mittelschicht bequem machen und entspannt hinabsehen auf ärmere und ärmste Karnevalsvereine wie MCV, MCC, GCV, KCK und SPD. Oder gibt es verdeckte Kosten, die im traditionsgemäß transparenten Rechenschaftsbericht – wie jedes Jahr präsentierte Litzmann den Mitgliedern eine leere Klarsichthülle – nicht auftauchen?

Der Geschlechtermachtwechsel macht bei den Personen nicht halt. Was hilft es, wenn Perücken, Masken und Kostüme ausgetauscht werden, aber die Rahmen dieselben bleiben? Auch die Sitzungssprache – und das fiel im Kontrast zu den endlos verdoppelten Doppelnamenwitzen der Kölner Konkurrenz angenehm ins Ohr – hat sich eine Hormonkur gegönnt. Der Kampf gegen das generische Maskulinum ist allein mit dem Keynesianismus der gesteuerten Hauptwortinflation nicht zu gewinnen – die versammelten Rhenanen werden schließlich schon immer als „liebe Mitglieder und Mitgliederinnen“ angesprochen.

Der ungeschriebene erste Artikel im Grundgesetz

Das Gendering nach neuester rheinischer Sprachmode ist buchstäblich radikal, greift an den Wurzeln der Wörter an: Jedes „er“ kann und muss durch ein „sie“ ersetzt beziehungsweise siesetzt werden. Die Bonner Stadtsoldaten sollen heute beim Rosenmontagszug keine Erbsensuppe mehr ausschenken, sondern Siebsensuppe. In der großen Politik hat den Eroberern das letzte Stündchen geschlagen, mit AKK rüttelt am Gittsie des Kanzlsieamtes in Bsielin eine Sieobsiesie.

Wie viel Gewinn in den kommenden Jahren wirklich in Form von Kölsch und Korn ausgeschüttet werden kann, wird man genau nachmessen müssen. In dem wonnigen Lallen, das den Sound der Sitzungen der Rhenania durchwirkt, saßen die neuen geschlechtergerechten Formulierungen so perfekt, dass der Verdacht naheliegt, es sei Geld für ein Handbuch des Berkeley International Framing Institute abgezweigt worden. „Kontrollierte Demokratie statt jeder wie er will“: Was Elisabeth Wehling den ARD-Sprechern in die Synapsen zu hämmern versuchte, bleibt in der neuen Ära von Fritzi Litzfrau und Herfrau Schwadsielappen der ungeschriebene erste Artikel im Grundgesetz der kabarettistischen Karnevalsausgabe der Bonner Republik.

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