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Bondy-Inszenierung in Berlin : Viele Frauen sind des Mannes Tod

  • -Aktualisiert am

Ein ungemein leichter und leichtsinniger Typ: Samuel Finzi als Passivist, ins Bodenlose rutschend Bild: Barbara Braun/drama-berlin.de

Damenwahl im Albtraummaskenball: Luc Bondy inszeniert Ödön von Horváths „Don Juan kommt aus dem Krieg“ im Berliner Ensemble als grandioses Abenteuer für einen Paradieskindskopf.

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          Am Ende fegen wie in einer düsteren Endloskurzschleife Mozarts synkopische d-Moll-Schläge aus dem „Don Giovanni“ durchs Berliner Ensemble. Als habe der Schnee, der jetzt reichlich fällt, die berühmtesten aller dramatischen Unterwelt-Akkorde über die Bühne in seinem Wehen mitwirbeln lassen. Aber der Don Juan, der da an der Rampe hockt, steif an Körper und Seele, die nicht angerauchte Zigarette in der erfrorenen Hand, eine Mohrrübe im starren Mund, die ihm ein höhnisch-freches Mädchen da hineingesteckt hat, um ihn als Schneemann zu karikieren – dieser Don Juan bekommt keine Höllenfahrt ins Todsündenheiße und Flammenverzehrende spendiert.

          Er stirbt nicht ruck, zuck nach einem mythischen Wüstlingsleben voller reueloser Verführung und Vernichtung unendlich vieler Frauen („und in Spanien tausendunddrei“). Dieser Don Juan hier stirbt sozusagen zurück. Er erfriert. Am Grab der Einzigen. Der Einen. Die ihn jetzt heimholt. Die er in allen Frauen, die er gehabt hat beziehungsweise die ihn sich nahmen, gesucht hat. Kaum hat er seinen Lieblings-, seinen Lebens-, seinen Liebessatz: „Sie erinnern mich an jemand“ zu einer Frau gesagt, gab es kein Halten mehr. Dann fielen die Frauen über ihn her. Jede wollte erinnert werden: die Nutte; die Krankenschwester; die Kunstgewerblerin; diverse Kriegerwitwen; Klassenkämpferinnen; Schlittschuhläuferinnen; Dentistinnen; Damen aus Bern und in Opernlogen. Weil die Erinnerung das einzige Paradies ist, aus dem wir nicht vertrieben werden können – wollen da alle rein. Horváth rührt hier tief: ans kitschig Wahrhafteste. Kein Widerspruch. Ein herrlicher dramatischer Witz.

          Don Juan wird zum Erotiker des Eises

          „Ich will nicht mehr erinnert werden“, sagt in Ödön von Horváths Totentanz-Drama „Glaube Liebe Hoffnung“ im Jahr 1931 das Fräulein Elisabeth. Und geht in einen erinnerungslosen Tod. Ins Nichts (ins Wasser). Ein kindliches Lebewesen wird zur illusionslosen Todesfrau in einem kritischen Volksstück. Die Männer, die Verhältnisse, die bösen Weltwirtschaftskrisenzeiten haben sie aus dem Naivitätsparadies ihres Glaubens, Liebens, Hoffens vertrieben. Fünf Jahre und eine Emigration später, 1936, ist Erinnerung das Einzige, was dem Glauben, Lieben und Hoffen Don Juans, eines verdrehten Bruders im Geiste des Fräulein Elisabeth, noch bleibt: in einem träumerischen Todesstück. Don Juan will zurück in sein Paradies, nach vier Jahren Weltkrieg (1914 bis 1918), nach Verwundung, Spanischer Grippe, Herzinsuffizienz, Inflation et cetera. Ein zynischer lebenskriegerischer Mann träumt sich zurück in den Naivitätsschoß, er beharrt auf dem Kind in sich, das er in drei Akten und dreiundzwanzig Bildern wie auf eine Rutschbahn hin zum Tode setzt. Don Juan kommt aus dem Krieg und wird zum Schneemann. Ein Erotiker des Eises.

          Ein Mann als Projektionsfläche: Horváths Don Juan

          Und so, wie der Schauspieler Samuel Finzi im Berliner Ensemble den Titelhelden in Ödön von Horváths „Don Juan kommt aus dem Krieg“ spielt, wirkt er wie ein Parfait à la mort, die erlesen schlaksige Personifikation eines verwesungssüß parfümierten Halbgefrorenen. Schmal, nervös, das Drei-Tage-Menjoubärtchen unterm leicht verstrubbelten Haar halbverkommen elegant präsentierend, erst überm feldgrauen Soldatenmantel, später dann über gutgeschnittenen Anzügen samt Fliege. Finzi führt sofort den großen, kindlichen Passivisten an der kurzen Charme-Leine, der nie etwas macht, immer nur mit sich machen lässt. Was in Don Juan, der aus dem Krieg kommt, verborgen sein mag, deutet Finzi allenfalls seelenzwinkernd und wie in ferngedämpft verhaltener Wut seufzend als Explosivstoff an, zu dem ihm leider die Zündschnüre abhandenkamen. Ein ungemein leichter und leichtsinniger Typ. Ein Flaneur auf dem schräg abfallenden Todesboulevard, den entlang die Frauen mit ihm tanzen. Man kann so etwas nicht spielen, nur träumen.

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