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„Mefistofele“-Inszenierung : Früher gab’s weniger Lametta

  • -Aktualisiert am

Hoch hinaus klettert das Gretchen-Double in der Walpurgisnacht: Szene mit Chor aus „Mefistofele“ in Baden-Baden. Bild: dpa

Arrigo Boitos Mammut-Oper „Mefistofele“ auf den Pfingstfestspielen in Baden-Baden ist ein wahres Fest! Und nach wie vor eine irre Materialschlacht.

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          Als die vierte Wand einstürzt, bleibt das erst unbemerkt. Irgendwann im zweiten Akt der Oper „Mefistofele“ von Arrigo Boito muss es passiert sein. Über die Bühne toben immer noch tüchtig die Heiden der ersten Walpurgisballnacht, der Hexenmeister küsste die Hexenmeisterin, diabolische Dirndl schuhplattlern mit infernalischen Krachledernen, und die Vision des hingerichteten Gretchens, mit roter Blutperlenkette um den Hals, klettert couragiert an einem Seidenschal, der aus dem Schnürboden fiel, in den Himmel hoch. Da bricht die Hölle plötzlich aus den Fugen. Sie lappt über den Bühnenrampenrand, überschwemmt den Orchestergraben, erreicht die erste Parkettreihe, wächst und wuchert, erfasst das gesamte Festspielhaus.

          Schrecklich sehen wir alle aus, bleich und fleckig. Ultraviolettes Schwarzlicht entstellt uns, die Programmbücher fluoreszieren, die Hemdbrüste der Herren leuchten wie verfaulte Eier, und wie die Damen ausschauen, das bleibt jetzt doch vielleicht besser unter uns.

          So eine stille, feine Publikumsbeschimpfung ist typisch für die ironische Handschrift des Regisseurs Philipp Himmelmann. Weder pflegt er seine Klientel anzubrüllen mit wichtigen Thesen, noch schwingt er Holzhammer oder Zensurschere oder faltet das Stück bis zur Unkenntlichkeit zusammen. Himmelmann erzählt oftmals gerade heraus die Geschichte, so, wie sie von der Musik erzählt wird. Die Mittel, die er anwendet, sind eher simpel und naheliegend, auch bleibt die Betriebstemperatur bei menschlich kommensurablen achtunddreißig Grad. Und dennoch, oder gerade deshalb, entfalten sich die krausesten Opernstorys, wenn Himmelmann Regie führt, wie von selbst, auch das Unwahrscheinlichste wirkt logisch und entwickelt einen eigenen Sog, aus dem man erst nach Stunden, wenn der Vorhang fällt, vielleicht herausfindet.

          Nach wie vor eine unfassbare Materialschlacht

          Ob und wie aber Himmelmann jetzt, zu den Pfingstfestspielen in Baden-Baden, fertig werden würde mit diesem Boitoschen Koloss-Fragment, diesem zusammengestöpselten Goethe-Opern-Machwerk, darin Tableaus aus Einzelszenen von „Faust I“ und „Faust II“ montiert sind, Erdteile und Jahrhunderte übersprungen, Himmel und Hölle umspannt werden, mit Chören, Kinderchören, Extrachören, darauf wurden vorher Wetten abgeschlossen.

          1868 bei der Uraufführung in Mailand hatte man den „Mefistofele“ gnadenlos ausgepfiffen, das Stück wurde gleich wieder abgesetzt. Zum Erfolg führte Boito seine einzige vollendete Oper erst sieben Jahre später in Bologna, in einer um gut die Hälfte kupierten Fassung (nachdem er die erste vermutlich vernichtet hatte); und er dirigierte das Stück, was ebenfalls zum Gelingen nicht unwesentlich beigetragen haben mag, nicht mehr selbst. Eine unfassbare Materialschlacht ist sein „Mefistofele“ aber nach wie vor.

          Mit finalem Trugschluss

          Teils stehen bis zu vierhundert Mitwirkende auf der Bühne. Etliche Inszenierungen in jüngster Zeit sind daran oder an dem Flickenteppich der Szenenfolge schon gescheitert. Himmelmann und sein Team haben sich für ein simples, um nicht zu sagen, billiges Einheitsbühnenbild entschieden, das aus zwei Teilen besteht. Erstens steht ein drehbarer Totenkopf, auf dem auch herumgeklettert werden darf, als „Memento mori“ in der Mitte herum. Zweitens hängt, so lang wie breit, ein dichter, silberner Lametta-Vorhang aus dem Bühnenhimmel, zur Erinnerung daran, dass der Urfaust auf didaktische Volksbelustigung zurückgeht, Puppen- und Songspiel gewesen war, Talmi, Moritat, Revue.

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