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„Blaubart“ in Wuppertal : Neues aus der Beziehungshölle

  • -Aktualisiert am

Paartanz voller Aggressivität: Blaubart (Michael Carter) und Judith (Tsai-Wei Tien). Bild: Ursula Kaufmann

Das „Tanztheater Wuppertal Pina Bausch“ wagt sich an die Wiederaufnahme von „Blaubart“. Es ist eine fast triumphale Rache des Balletts an der Oper.

          4 Min.

          Wer 2020 Pina Bauschs Inszenierung „Blaubart. Beim Anhören einer Tonbandaufnahme von Béla Bartóks Oper ,Herzog Blaubarts Burg‘“ sieht, muss sich fragen, welches Werk die Erfinderin des Tanztheaters wohl geschaffen hätte, wenn ihr erster Bühnenbildner Rolf Borzik nicht so jung verstorben wäre und zu einem so frühen Zeitpunkt der Zusammenarbeit. Denn „Blaubart“, dessen Premiere am 8. Januar 1977 stattfand, unterscheidet sich radikal von der Ästhetik, die das Werk Bauschs im weiteren Verlauf ihrer Karriere prägt. „Blaubart“ ist ein realistisches Stück von ungeheurer Härte. Es reiht eben nicht gespielte, getanzte, gesungene Szenen, wie sie durch provozierende Fragen der Choreographin entstanden waren, aneinander. Es kennt kaum einen Moment der Komik.

          Vielmehr schaut man einem grausamen Prozess zu, dem fortschreitenden Entblößen der Persönlichkeit eines monströsen Mannes. Der Raum, den Rolf Borzik gebaut hat, ist gleich nackt, von einem verblichenen, gelbstichigen Weiß. Kalte Felsen, feuchte Wände, eine finstere Feste, so beschreibt das Libretto von Béla Balázs Blaubarts Schloss. Judith träumt singend, dass sich die sieben großen, schwarzen, schweigenden Türen öffnen ließen, um Wind und Sonne einzulassen in die verschlossenen Gemächer, die Kammern voller blutbefleckter Waffen und Folterinstrumente, voller Perlen und Diamanten.

          Rolf Borziks Bühne aber ist bloß das, ein geschlossener Kasten mit Zimmerdecke, ein hoher, kalter, klaustrophobischer Ort, an dem man sich nur unbehaust fühlen kann. Die wenigen Fenster, weit oben und breit in die Wände eingelassen wie in einem französischen Schloss, lassen fahle Bühnenbeleuchtung ein. Die zwei Türen sind hoch und verschlossen. Auf der Rückwand gibt es Kacheln, wie sie Waschbecken in öffentlichen Gebäuden umrahmten, nicht weiß, nicht gelb, klinisch und irgendwie vergammelt. Borzik hat das Waschbecken weggelassen, als wäre man bereits dabei, das ganze Gebäude abzureißen, als wäre Blaubart ein Obdachloser, der irgendwo in einem verlassenen Gebäude Schutz vor Kälte und Sturm gesucht hat. Und als verweigerte dieser Ort selbst das noch, ist der Boden bedeckt mit altem, braunem, Cornflakes-trockenem Laub.

          Der damalige Protest ist kein Wunder

          Nach zwei Minuten hat das ganze Ensemble, das sich in Anzügen und theatralischen Roben wie aus dem Fundus staubaufwirbelnd durch dieses Laub kämpft, schwarze Fußsohlen. Solcherart ist der Realismus der siebziger Jahre, der Realismus des neuen Theaters, das Borzik und Bausch vorschwebte. Sie nehmen sich eine Oper aus den zwanziger Jahren und reißen sie auseinander, stoppen die Musik jeweils nach ein paar Takten, lassen den Darsteller des Blaubarts wie manisch zurückspulen, wie besessen dieselbe Stelle wiederholen, dreimal, fünfmal, zehnmal. Als wollten sie sagen, Blaubart versucht doch, Judith zu warnen, sie abzuschrecken, er macht immer wieder Andeutungen, wie entsetzlich seine, Blaubarts Wahrheit, die er so halb sorgfältig vor ihr verbirgt, wirklich ist.

          Liebe macht, dass wir in den anderen hineinschauen wollen, aber wenn das wirklich geschieht, bedeutet es oft das Ende der Liebe. Borziks und Bauschs Tanztheater schwankt so großartig hin und her zwischen dem Sprechen über das Theater, dem Erfinden eines neuen dramatischen Tanzerzählens, der geschichtlichen Abrechnung mit dem Genre Oper, mit dem Genre Ballett und der tiefen Auseinandersetzung mit dem Stoff Blaubart als ihrer Reflexion von Liebe und Paarbeziehung, von Nähe und Gewalt, sexueller Anziehung und Aggression, körperlicher Erniedrigung und emotionaler Befreiung. So drastisch gehen die beiden dabei vor, dass man sich nicht mehr wundert über den schockierten Protest des damaligen Publikums. Oder liegt etwa keine Zumutung in dem Realismus, mit dem Blaubart den Kopf der vor ihm knienden Judith vor seinem Schoß fixiert? Mal um Mal, dass ihre Hand versucht, zu seinem Gesicht heraufzulangen und ihn zärtlich zu streicheln, drückt er ihren Kopf wieder herunter.

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