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Bilanz an der Met : Ohne Luxus geht es nicht

  • -Aktualisiert am

Mit jazzigem Idiom: Renée Fleming Bild: AP

In Rossinis „Armida“ kann Renée Fleming, die regierende Diva der New Yorker Met, in der Titelrolle nicht überzeugen. Schlimmer: Die Kassen des Opernhauses sind leer, und James Levine ist krank. Eine Bilanz zum Saisonschluss.

          Heute liefe das Ganze unter: Fantasy. Aber als Rossini nach einem Epos des Torquato Tasso ein, zumindest laut Untertitel, Musikdrama über eine Zauberin schrieb und die Umstände, durch die sich ihre Machtgelüste in Liebesleid verwandeln, ging es vor allem um die Diva. Als Armida bestrickt sie ehrbare Kreuzfahrer nicht mit orientalischen Melismen, sondern im Zeichen des Belcanto mit Koloraturen, wie es an Raffinement, Umfang, Formenreichtum, Ausdrucksfülle und wahnwitziger Beweglichkeit im gesamten Opernrepertoire kaum ihresgleichen gibt. Darum wird diese ernste Oper Rossinis nur aufgeführt, wenn eine Virtuosin des Ziergesangs zur Verfügung steht oder sie das Werk für sich einfordert. Renée Fleming, die regierende Diva der Met, hat das nun getan, hätte es aber wohl nicht tun sollen.

          Denn jetzt muss sie es sich gefallen lassen, dass ihre beeindruckenden, wenn auch nicht ganz göttlichen Aufnahmen der Partie aus dem vorigen Jahrhundert mit ihrer aktuellen Darbietung verglichen werden. Wo früher Koloraturen wie Perlenketten funkelten, werden sie nun wie Gummibänder gedehnt und schnurren ebenso unvorteilhaft wieder zusammen. Mit einer manieristischen Willkür, die von Ebenmäßigkeit, Präzision und dem stilistischen Urboden einer Phrase nichts wissen will, hat sich die Fleming ein geradezu jazziges Idiom angeeignet, das die nachlassende Athletik ihrer Stimme allerdings nicht verdeckt. Erst zum Schluss des langen, vierstündigen Abends, wenn aus der allmächtig sich glaubenden Zauberin eine leidende, verwundete Frau wird, findet sie zu einer klaren, musikalisch überzeugenden Aussage, die prompt zu einer Korrektur der Stimmlinie führt.

          Einfach betörend

          Auch der Komponist schlägt da andere Töne an. Die Floskeln, die Rossini in einen endlos glitzernden Strom vokaler und instrumentaler Bravour taucht, brechen plötzlich auf. Das große, alles überwältigende Gefühl der Titelheldin lässt nicht mehr zu, dass Singstimme und Orchester, wie gehabt, sich ins vorgegebene Schema, und sei es noch so unterhaltsam, fügen. Spätestens das müsste jeden Regisseur in kreative Erregung versetzen. Mary Zimmerman, die angesehene Schauspielregisseurin aus Chicago, bleibt aber auch in dieser, ihrer bereits dritten Inszenierung, die ihr die Met anvertraut hat, in einem belanglos neckischen Bilderbuchgetue stecken. Die Opera seria verkommt bei ihr zu einer Folge bunter Schmunzelnummern, von denen nicht immer zu sagen ist, ob sie absichtlich verkitscht wurden oder schlicht danebengeraten sind. Dagegen anzudirigieren ist eine undankbare Aufgabe, wie uns Riccardo Frizza allzu oft wissen und hören lässt.

          Mehr als ein Primus inter Pares: Lawrence Brownlee

          Bleiben die sechs Tenöre. Von einem halben Dutzend umgeben, wird Rossini sich gedacht haben, schimmert der Sopran der Diva noch viel herrlicher, zumal bloß einer von ihnen, der erst verführte, dann geliebte Rinaldo, sie koloraturtechnisch in den Schatten stellen könnte. Fast ist das jetzt der Fall, wenn Lawrence Brownlee, im stattlichen Tenoraufgebot weit mehr als ein Primus inter Pares, deutlich kolorierte und bis zum hohen D weich intonierte Bögen spannt und nur etwas wenig Metall und Volumen zu bieten hat. Einfach betörend, wie er dem Ohrwurm des rein tenoralen Terzetts Kontur verleiht. Da alle sechs Tenöre nie gleichzeitig singen, ist es nicht unüblich, lediglich drei für die sechs Rollen zu verpflichten. Die Met, ganz ohne Luxus geht die Chose nicht, schickt sechs Sänger auf die Bühne. Dabei muss auch das Opernhaus, das in Amerika so gut wie jeder für das beste der Welt hält, sparen, obwohl erst wieder im März eine dankbare Sponsorin dreißig Millionen Dollar überwiesen hat.

          213 Millionen Fixkosten

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