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Biennale de la Danse in Lyon : Ganz schön heiß hier

  • -Aktualisiert am

Athletischer Tanz an elastischen Seilen: Mourand Merzoukis Schöpfung „Vertikal“. Bild: AFP

Schwindel am Abgrund, tanzende Avatare, akrobatische Hip-Hop-Anverwandlung: Zum achtzehnten Mal findet die Biennale de la Danse in Lyon statt.

          5 Min.

          Selbst die Einheimischen stöhnen über die anhaltende Spätsommerhitze. Nur auf den Brücken über die Rhone und Saône geht etwas Wind. Man kann sich demnach etwas Kühleres vorstellen, als ein winziges, in die Altstadt von Lyon geschmiegtes Theaterchen zu betreten, über viele schmale Stiegen um sieben verwunschene Ecken des Hauses zu klettern, um dann mit fünf Fremden auf einer staubigen kleinen Spielfläche zu stehen, ihnen die Hände zu reichen und mit ihnen Wiegeschritte zu üben. Bitte? Das soll eines der bedeutendsten Festivals des zeitgenössischen Tanzes weltweit sein?

          Aber so ist es, hier stehen wir und werden angewiesen, die engen, schweren, unbequemen Virtual-Reality-Brillen überzustreifen. Flucht also? Man ist ganz dafür, Hauptsache, im Virtuellen ist es kühler als hier. Bedrohliche dunkle Gestalten in schwarzen Kapuzenumhängen drängen sich dicht um einen. Was ist das für ein Ritual? Warum starren die mich so an? Die Hitze ist jetzt nicht mehr das Problem, es ist egal, ob das Wasser an einem herunterläuft, wenn man nur nicht im nächsten Augenblick in jenen sich eben direkt vor den eigenen Füßen auftuenden architektonischen Abgrund der „Augmented Reality“ stürzt. Alles ist 3D, man spielt wie in einem Film mit, dessen Drehbuch alle – außer einem selbst – kennen. Und jetzt fürchtet man sich vor allem vor den Special Effects. Steile Treppen führen auf ein Podest. Die Kapuzenmänner stehen reglos und scheinen doch das Geschehen nicht nur zu bezeugen, sondern zu verantworten. Oben auf der Empore steht ein Mann, stürzt in den Abgrund und schnellt zurück auf die Plattform, wieder und wieder. Der Schwindel, der Sog, den diese Bewegungen im Betrachter erzeugen, wird irgendwann so stark, dass man die Brille abnehmen möchte: Lieber schwitzen als umfallen.

          Nur die Tapfersten erleben, wie die Künstler Yoann Bourgeois und Michel Reilhac in „Fugue VR“ den ganzen Raum umkippen und sich das weit gespannte Glasdach unter uns auftut wie die Haube eines Fußballstadions. Vielleicht kann, wer untrainiert darin ist, in der virtuellen Wirklichkeit nicht alle Sinneseindrücke abspeichern, während es gilt, fünfzehn Minuten lang den Schwindel zu bekämpfen.

          Szenenwechsel auf eine andere Etage dieser verschachtelten Trickbude: Bei Gilles Jobin, dem Schweizer Minimalisten unter den Choreographen, sehen die Darsteller in „Artanim VR_1“ nicht aus wie echte Menschen, sondern wie Avatare. Zu den VR-Brillen, die sich die erneut kleine Zuschauerschar aufsetzt, kommen Sensoren, die an Händen und Füßen befestigt werden, sowie ein schwerer Rucksack: Motion-Capture-Technologie, die alle Bewegungen an den Computer überträgt. Wenn man die Arme hebt bis ins eigene Sichtfeld, hat man Avatar-Arme. Das Stammhirn fühlt sich immer noch analog, aber eigentlich ist man, wie Alice dem Kaninchen, gerade Gilles Jobins Apparatur hinterhergesprungen ins virtuelle Irgendwo. Sieht aber aus wie Kalifornien.

          Die Computerspiel-Landschaft, in der wir umhergehen, ist eine Wüste voller Felsen und rotem Sand, an den Wänden der Frank-Lloyd-Wright-haften Villa, in der wir stehen, hängen berühmte Werke der Moderne. Es sind Avatar-Giganten, Füße so groß wie Vorgärten, die das halbedelsteinartig glitzernde Höhlendach weggenommen und uns den Blick in diese Landschaft geschenkt haben, sie blinzeln gleichgültig auf uns Menschlein nieder. Um das Haus herum und auch später, wenn die Szenerie auf Großstadt wechselt, dann zwischen Wolkenkratzern, tanzen Avatare in Menschenmaßstab. Der witzigste Moment ist gekommen, wenn sich – zurück in der Villa – Säulen aus dem Boden erheben bis in Oberschenkelhöhe. Auf ihnen erscheinen Tänzerensembles in Barbiepuppengröße.

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