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Tanztheater Pina Bausch : Wundversorgung

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Übernimmt am Tanztheater Wuppertal: Bettina Wagner-Bergelt. Bild: dpa

Bettina Wagner-Bergelt wird Direktorin am Tanztheater Wuppertal Pina Bausch. Die Entscheidung ist schwach. Die Ära der nächsten vorläufigen Lösung beginnt.

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          Überraschend plötzlich hat die Stadt Wuppertal verkündet, die neue künstlerische Leiterin des „Tanztheaters Wuppertal Pina Bausch“ heiße Bettina Wagner-Bergelt. Am kommenden Montag wird die Sechzigjährige ihr Amt antreten, das ihr zunächst mit einem Zwei-Jahres-Vertrag befristet anvertraut wurde. Eine Neubesetzung der Position war notwendig geworden, nachdem Wagner-Bergelts Vorgängerin Adolphe Binder nach nur einem Jahr im Amt fristlos gekündigt worden war. Die Gründe für die fristlose Kündigung lauteten, Binder habe es trotz über mehrere Monate hinweg ergangener Aufforderungen und anberaumter Diskussionen versäumt, einen umsetzbaren Spielplan zu erstellen. In ihren Entwürfen waren zu viele Positionen unbesetzt und Stücke angesetzt, für die keine geeignete Besetzung vorhanden war. Dadurch riskierte sie die bis dahin stabile finanzielle Führung des Tanztheaters. Außerdem wurde von mehr als einem halben Dutzend Mitarbeiter der Führungsebene des Tanztheaters der autoritäre Führungsstil Binders beklagt. Seit Anfang des Jahres stattfindende Mediationen hatten keinerlei Erfolg. Daraufhin hatte der Beirat des Ensembles sie am 13. Juli fristlos gekündigt.

          Nun scheint die Stadt Wuppertal so wenig daran zu glauben, dass Binders Protest gegen ihre Entlassung irgendwelche juristischen Folgen haben könnte, dass sie keinen Grund sah, die sofortige Neubesetzung der Stelle länger aufzuschieben. Die Entscheidung für Wagner-Bergelt als Nachfolgerin ist schwach. Fast möchte man die Verantwortlichen aber gegen ihre eigene Entscheidung in Schutz nehmen. Denn offensichtlich reißen sich etwa berühmte, eventuell passende Choreographen nicht eben darum, das seit dem Tod Pina Bauschs 2009 verwaiste Ensemble zu übernehmen.

          Weder leuchtet es Künstlern, die in London, Paris, Antwerpen, Berlin oder New York arbeiten, ein, nach Wuppertal zu ziehen, noch ist die Aufgabe, ein mit vierzig, überwiegend mehrere Stunden langen Werken Bauschs schwieriges Erbe spielbar zu halten, leicht und attraktiv. Warum sollten Choreographen, die mit ihren eigenen Produktionen glücklich beschäftigt und erfolgreich sind, diese zusätzliche Arbeit auf sich nehmen? Sie müssten dann ihre eigenen Stücke mit den Wuppertaler Tänzern erarbeiten statt mit ihren oder ihnen doch vertrauten Ensembles. Es blieb also nur, einen Typus Direktor zu finden, der künstlerisch leiten will mit Gastchoreographen. Aber ist das Wagner-Bergelt? Ja und nein. Zwar war sie achtzehn Jahre lang als Stellvertretende Direktorin des Bayerischen Staatsballetts unter Ivan Liska dafür zuständig, die Choreographen der Gegenwart auszusuchen. Es ist bekannt, dass sie den Forsythe-Tänzer Richard Siegal, den sie mehrfach eingeladen hatte, gerne als Nachfolger Ivan Liskas etabliert hätte. Verständlich, dass der tatsächliche Amtsnachfolger Igor Zelensky kein Interesse zeigte, Wagner-Bergelt über 2017 hinaus am Haus zu halten.

          Neben gelungenen Premieren etwa von Russell Maliphant oder Merce Cunningham hatte sie mit Namen wie Terence Kohler oder Jörg Mannes auch immer wieder danebengegriffen. Ihre Berufserfahrung mit dem Werk Pina Bauschs, die zweite notwendige Qualifikation, beschränkt sich darauf, dass sie das Stück „Für die Kinder von gestern, heute und morgen“ in München einstudieren ließ. Und so schwach das Stück ist, so gelungen war die Aufführung. Aber reicht das als Qualifikation? Wagner-Bergelts Selbstaussage zufolge schon. Sie habe die Münchner Bausch-Aufführung fünf Jahre vorbereitet und ein Jahr mit der Compagnie gearbeitet, sie fühle sich da wohl, erklärte sie im Deutschlandradio. „Spaß“ und „Kreativität“ müssten jetzt in Wuppertal einziehen, sie habe „Fingerspitzengefühl“ und könne „mit Künstlern umgehen“, das habe „großes Potential“. Sie werde „sicherlich auch neue Akzente setzen“. Auch wenn es noch dauern könne, bis „sich die Wunde schließt“, so Wagner-Bergelt. Wie lange noch? Pina Bauschs Tod liegt neuneinhalb Jahre zurück. Nun beginnt die Ära der nächsten vorläufigen Lösung. Vielleicht muss man sich damit abfinden, dass es da nicht läuft, in Wuppertal.

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