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Badenweiler Musiktage : Kühn, intelligent, empfindsam

Bertrand Chamayou Bild: Marco Borggreve

Die Badenweiler Musiktage pflegen ein ungewöhnliches Repertoire auf höchstem Niveau – jetzt zum Beispiel mit dem Pianisten Bertrand Chamayou. Was er kann, widersetzt sich der Standardisierung.

          3 Min.

          Den Pianisten Bertrand Chamayou zu hören ist ein Vergnügen, das wahrscheinlich umso mehr erregt, je genauer man die jeweilige Musik und ihre klavieristischen Anforderungen kennt. Ihm beim Spielen zuzusehen, wie jetzt bei den Badenweiler Musiktagen, löst geradezu einen Schock der Verblüffung aus. Dass man die rasenden Tonwiederholungen in der „Alborada del gracioso“ von Maurice Ravel so trocken, ohne Pedal, wie mit einem Plektrum auf der Gitarre gerissen spielen kann und zwischendrin ein paar irregulär akzentuierte Akkorde lässig wegtatzt wie ein Kater eine Fruchtfliege, überschreitet die Grenzen dessen, was spieltechnisch möglich scheint. „Den müssen wir uns nachher mal genauer angucken“, sagt ein ortsansässiger Arzt, „mit dem kann anatomisch was nicht stimmen.“

          Jan Brachmann
          Redakteur im Feuilleton.

          Chamayou wird keine neuen Standards des Klavierspiels setzen, weil das, was er kann, weit oberhalb gängiger und wahrscheinlich auch möglicher Standards liegt. Wenn es einen Pianisten gibt, der uns über den Tod von Arturo Benedetti Michelangeli, über das schmerzhaft hörbare Altern von Maurizio Pollini und über das rätselhafte Verschwinden von Boris Beresowski hinwegtrösten kann, dann er. Chamayou bringt den Perfektionismus, das klangliche und formale Balancegefühl sowie die mühelose Virtuosität – man sieht ihm wirklich nichts von Anstrengung an, gar nichts – all dieser drei zusammen. Dazu eine messerscharfe, zielgenaue Intelligenz, die zugleich die Komplexität von Gefühlen erfasst. Chamayou spielt „Venezia e Napoli“ von Franz Liszt, um mit touristischen Italien-Klischees ein schauriges Bild von Wirklichkeitsverlust und gespenstischem Gewaltpotential zu zeichnen. In der späten Mazurka h-Moll op. 66 von Camille Saint-Saëns entdeckt er eine durch weltmännische Eleganz gebändigte Bitterkeit: Innere Trauer und äußerer Glanz überlagern einander. Die metrischen Verschiebungen werden zu einem Psychogramm von Verletzungen, die durch Verdrängungen bewältigt werden sollen und in Verachtung umschlagen. Chamayou spielt das vorwärtsdrängend mit sattem Klang und unfehlbarem Geschmack, aber auch mit kühl umhüllter innerer Glut.

          Lotte Thaler, der künstlerischen Leiterin der Badenweiler Musiktage, ist es gelungen, diese exemplarische Verkörperung pianistischer Exzellenz in den Südschwarzwald zu holen. Der Achtunddreißigjährige ist in Frankreich längst ein Star, in Deutschland unverständlicherweise noch immer ein Geheimtipp. Ähnlich verhält es sich mit dem jungen Dover Quartet aus den Vereinigten Staaten, das seinen Klang erdig warm vom Ton des Cellos her aufbaut, wobei die erste Violine mehr motiviert als dominiert. Seine Stärke zeigt das Ensemble besonders im langsamen Satz des dritten Streichquartetts von Paul Hindemith mit seinen herbstlich dunklen Farben und in der fiebrigen Wehmut des dritten Satzes, Agitato, im B-Dur-Quartett von Johannes Brahms.

          Die Badenweiler Musiktage setzen auf Konzentration und Exklusivität des Programms, zugleich aber auf Zugänglichkeit und Vermittlung. Dem Pianisten und Musikwissenschaftler Stefan Litwin gelingt es hier, die „Concord“-Sonate von Charles Ives dem Hörer wirklich aufzuschließen. Das knapp fünfzigminütige Werk steckt ja voll elitärer Codes und biographischer Anspielungen auf Missions- und Marinelieder, auf Glockenklänge, die vom Winde verweht werden, auf Beethovens fünfte Symphonie und auf die Philosophie des amerikanischen Transzendentalismus. Litwin führt in seinem Vortrag durch dieses Dickicht hindurch und spielt danach dieses nicht gerade handliche Stück so souverän, dass nicht nur dessen Angestrengtheit und Ehrgeiz, sondern – gerade im Schlusssatz – auch dessen Poesie erfahrbar wird.

          Das Repertoire in Badenweiler ist sowieso außergewöhnlich. Das D-Dur-Klaviertrio des damals zwölfjährigen Erich Wolfgang Korngold aus dem Jahr 1910 hört man nicht alle Tage. Das Atos-Trio, mit Klangsinn und technischer Virtuosität gesegnet, versteht sich auf die Effekte dieser frühreifen Musik: auf das straussische Funkeln der Tonalität und den wienerisch feschen Schluss des Finales. Aber die Musiker sind zugleich klug genug, das Problematische an diesem Stück nicht zu überspielen: Die abwärtsgleitenden Liebesseufzer von Violine und Violoncello sind noch unbegriffene Gesten ohne Konsequenz bei diesem kindlichen Komponisten. Er hat hier eine Musik des Flirts ohne Begehren geschaffen; sie klingt ebenso jung wie lebenssatt.

          Aber was man in der Kammerkantate „Die Serenaden“ von Paul Hindemith zu hören bekommt, fährt einem dann doch in die Knochen. Die Bratschistin Tabea Zimmermann, der Oboist Lucas Macías Navarro, der Cellist Stefan Heinemeyer und die Sopranistin Caroline Melzer entdecken hier in den romantischen Texten von Joseph von Eichendorff oder August Mahlmann das Wetterleuchten einer geradezu planetarischen Heimatlosigkeit. Melzer variiert nicht nur die Lautstärke, sondern auch den Anteil von Kopf- und Bruststimme, von Geschwindigkeit und Stärke des Vibratos, bis die Musik zwischen Irrsinn und Hellsichtigkeit zu schweben beginnt.

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