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Bertolt Brecht : Erst kam seine Fresse, dann die Moral

  • -Aktualisiert am

Unsere ersten fünfzig Jahre ohne Bertolt Brecht sind fast vollendet. Was gibt es da eigentlich zu feiern? Brechts Stil - seine Dialektik, seine Dramaturgie? Was bleibt von Brecht, wenn man das Weltverbesserungspathos aus seinem Werk herausläßt?

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          Unter all den Legenden, welche das Leben und die Meinungen des Bertolt Brecht immer verziert und ausgemalt haben, ist diese hier weder die schönste noch die bekannteste; aber wahr ist sie wie keine andere, auch wenn ihre Echtheit nicht bewiesen werden kann: Ein Mann, so geht die Geschichte, habe sich einst bei dem Philosophen Ernst Bloch darüber beschwert, daß der angeblich so bedeutende Schriftsteller Brecht ein furchtbar verkommenes und verwahrlostes Äußeres habe. Und Bloch habe geantwortet: „Sie irren sich, Herr Brecht hat sich einen kostspieligen kosmetischen Apparat konstruieren lassen, der ihm den Schmutz unter die Fingernägel schiebt.“

          Verbürgt ist jedenfalls, daß Brechts graue Arbeiterkluft, seitdem er sich das leisten konnte, aus dem besten Material und maßgeschneidert war. Gesichert ist weiterhin, daß seine Ballonmützen vom besten Ballonmützenmacher der Stadt angefertigt wurden. Und seine Nickelbrille mit dem Kassengestell war in Wirklichkeit aus Titan und furchtbar teuer. Auch die Verwahrlosung, sagt Jonathan Jeremiah Peachum in der „Dreigroschenoper“, muß sorgfältig in Szene gesetzt werden: „Weil einem niemand sein eigenes Elend glaubt.“

          „It's very expensive to look cheap“

          Was uns Heutige (wie Herr B. uns nennen würde) naturgemäß an die Sex Pistols erinnert, die ja ihre Fetzen und Lappen, welche nur von Sicherheitsnadeln zusammengehalten wurden, auch nicht aus der Altkleidersammlung hatten, sondern aus Vivienne Westwoods schicker Boutique. An die Ramones, mit ihren kunstvoll geschlitzten Jeans. Oder an Dolly Parton, die sich selber gerne so beschreibt: „It's very expensive to look so cheap.“ Kurzum, wer heute rückwärts schaut, meint Brecht in einer Reihe zu entdecken mit jenen populären Stars, für welche die aufwendige Inszenierung des eigenen Außenseitertums immer ein integraler, wenn nicht gar der wesentliche Teil des eigenen Werks war.

          Arbeiterkluft: maßgeschneidert
          Arbeiterkluft: maßgeschneidert : Bild: picture-alliance / dpa

          Wahr daran ist auf jeden Fall: In seiner Zeit war B.B. (so das eingetragene Warenzeichen), was man heute einen Star nennen würde - berühmt dafür, berühmt zu sein, bekannt auch solchen Leuten, die von seinen Stücken nur die Titel wußten, ein Mann, der eine große Limousine der Marke Steyr fuhr und sich dafür mit einem Werbespruch bedankte, ein Prominenter des Kulturbetriebs, der sich mit Sportlern, Künstlern, anderen Prominenten zeigte. Sein Markenzeichen war der proletarische Habitus, die Inszenierung des scheinbar Nichtinszenierten - und je genauer man sich den Aufwand anschaut, den Brecht bei der Inszenierung seiner selbst betrieb (und den Erfolg, den er damit hatte), desto mehr drängt sich die Arbeitshypothese auf, daß unter all den Werken Bertolt Brechts diese Selbstinszenierung eines der besten und der schlüssigsten sei. Erst kam seine Fresse. Dann die Moral. Wobei auch so ein schäbiger Dandyismus immer eine Tendenz zum Totalitären hat: Warum nicht auch die Welt nach dem eigenen Bild formen?

          Brecht inszenierte immer mit

          Was für eine Verleumdung, würden da Brechts Jünger sagen, das waren doch nur die letzten Reste von Pubertät und Bürgertum, welche, als er endlich erwachsen und ein guter Sozialist wurde, Brecht abgestreift und sich ganz der Arbeit zugewendet hat. Und wenn auch der späte Brecht einen Hang zu Stilisierung und Maskerade hatte, dann müsse man das, erstens, dialektisch sehen, als Ausdruck der Entfremdung und als Kritik daran zugleich. Und außerdem sei der Herr B. so enorm produktiv gewesen, daß praktisch jede seiner Lebensäußerungen auch als Kunst gelesen werden wolle. In der hohen Zeit der Brecht-Verehrung, in den sechziger und siebziger Jahren, als Marianne Kestings liebevolle (und sehr schmale) Brecht-Monographie den Ton vorgab, galt als einigermaßen sicher, daß B.B. nicht nur die wichtigsten Dramen und die besten Gedichte des zwanzigsten Jahrhunderts geschrieben sowie eine gültige Theorie des fortschrittlichen Theaters entworfen und die dazugehörige Praxis in seinen sogenannten Musterinszenierungen auch vorgeführt habe. Nein, auch wenn ein anderer Regisseur auf dem Theaterzettel stand, habe eigentlich B.B. inszeniert, und wenn Kurt Weill oder Hanns Eisler die Noten aufs Papier kritzelten, habe Brecht die Melodie vorgesummt.

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