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„Candide“ in Berlin : Weltverriss im Walzertakt

  • -Aktualisiert am

Musikalische Lust am Kolorit und viele, viele Bilder: Barrie Kosky inzeniert Leonard Bernsteins „Candide“ an der Komischen Oper in Berlin.

          Ganz schwer zu sagen, woran es Barrie Koskys Inszenierung von Leonard Bernsteins „Candide“ an der Komischen Oper in Berlin fehlte. Es fehlte doch an gar nichts! Für das Berliner Publikum und die Töchter des Komponisten als Ehrengäste fuhr Kosky alles auf, was die Komische Oper zu bieten hat: Glitterpartikel, die von der Decke fallen. Rauchschwaden, in die Alessandro Carletti scharfe Lichtkegel stach. Großartige Tänzerinnen und Tänzer, von Otto Pichler choreographiert. Goldene Abendkleider, Fettanzüge, Allongeperücken. Wunderbar kunstvolle Stimmen, ein perfekt einstudiertes Orchester. Wo ist das Problem? Nun: Selbstbezüglichkeit, Prasserei und eine schwierige Werkvorlage.

          Man müsse schon von Sinnen sein, um ihm eine Schweinerei wie den „Candide“ anzudichten, diesen Haken schlug Voltaire in einem Brief an einen Genfer Bekannten, wie Egon Friedell in seiner „Kulturgeschichte“ berichtet. Tatsächlich stellt sich der 1759 erschienene Roman, der zunächst als Übersetzung aus dem Deutschen deklariert wurde, in vielerlei Hinsicht als Affront dar.

          Auf der Oberfläche entfaltet Voltaire die Geschichte des jungen Westfalen Candide, der, von seinem Hauslehrer Pangloss auf allergrößten Optimismus eingestimmt, wegen pikanter Umstände daheim in die Welt hinausziehen muss, wo er ernüchternde Dinge erlebt und erst nach langer Zeit sein Glück in einem Leben auf dem Land findet.

          Lebenslustiges Orchester

          Zugleich nähert sich der Roman auf vielfältige Weise der Groteske an, spöttisch angesichts des Leibnizschen Entwurfs einer besten aller möglichen Welten, spitz gegenüber religiösen Autoritäten, leichtfüßig in der Anspielung auf menschliche Gewalt und Naturkatastrophen wie das Lissabonner Erdbeben von 1755.

          Fast zweihundert Jahre nach Erscheinen nahm sich Leonard Bernstein dieser Bricolage an, ging aber schon früh an Umarbeitungen, wie überhaupt die Aufführungsgeschichte gesäumt ist von immer neuen Veränderungen. Allein die Komische Oper (der Abend ist Teil des „Festivals Bernstein 100“) nennt neben Voltaire und Bernstein zehn weitere Personen, die an der Aufführungsvorlage beteiligt waren, darunter Martin G. Berger, den Autor der deutschen Fassung von 2017, die mit Versen wie „Bin zwar nicht von blauem Blut, trotzdem geht’s mir ziemlich gut“ zu prunken vermag. Bernsteins Musik unterdessen, die meisterhaft mit Formaten wie Choral, Koloraturarie oder Kavatine umgeht und dem Orchester mit Taktwechseln und Tango-, Mazurka- oder Walzer-Rhythmen höchste Flexibilität abverlangt, ist geradezu prädestiniert für die Zurschaustellung der Vorzüge eines Ensembles.

          Franz Hawlata als Candides Hauslehrer Dr. Pangloss.

          Jordan de Souza am Pult ließ das verkleinerte Orchester in diesem Sinne so lebenslustig und zugleich kontrolliert klingen, dass es schon in der Ouvertüre zu einer phantastischen Koexistenz von Coolness einerseits und Gepflegtheit in Timbre und Intonation andererseits kam. Einfühlsam passte er den Klang an die Solisten auf der Bühne an, nirgends besser als in der berühmten Nummer „Glitter and be gay“, die Nicole Chevalier als Candides Jugendliebe Kunigunde beim Stangentanz zeigte, derweil sie ihren Sopran in unendliche Höhen und haarsträubende Koloraturen schraubte.

          Die Masse ihrer Möglichkeiten

          Nicole Chevalier zur Seite standen hervorragende Sängerinnen und Sänger, zum Beispiel der brillante Franz Hawlata in Personalunion als Dr. Pangloss und Voltaire selbst, der die Geschichte nacherzählte und damit ein distanzierendes Moment einbrachte, das auf der oft leer bleibenden Bühne von Rebecca Ringst umso deutlicher wirken konnte. So sehr trug Hawlata den Abend auf seinen Schultern, dass man fast um seine Kraft fürchtete – wären da nicht auch Anne Sofie von Otter in der Rolle der Alten Frau oder Tom Erik Lie als Martin gewesen, die ebenfalls mit Höchstleistung glänzten. Vor allem aber Allan Clayton als Candide, der, mit goldener Tenorstimme und anrührender körperlicher Präsenz begabt, der Geschichte Konstanz und Integrität verlieh – die ihr ob der vielen Ortswechsel (von Westfalen nach Surinam nach Venedig) und krassen Wendungen (vom Aufgeschlitztwerden zurück ins Leben) aber auch immer wieder flöten ging.

          Denn in die wunderlichen Episoden, die bereits Bernsteins Musik mit größter Lust am Kolorit ausmalt, mischten sich ja noch Hunderte Kostüme von Klaus Bruns, also Lederhosen, Reifröcke, Rettungswesten, rosa Schafspelze, überdies die mächtigen Tableaus, die Kosky und Pichler für den von David Cavelius wunderbar einstudierten Chor, für Solisten und Ballett ersonnen hatten. Diese Tableaus reichten von einer Szene in der Schulklasse über Hinrichtungen am Galgen vor Federboa tragender Girls-und-Boys-Reihe bis hin zum abstrakten Bild einer Weltkugel als Wasserball, den viele Menschen in Händen halten.

          Es blieb eine erzählerische Lücke, die sich gegen den Widerstand des unermüdlich ab- und anmoderierenden Hawlata als Erzähler hielt. Weder das Feiern der Absurdität des Lebens noch die Gründung der Landkommune sind nämlich solide Mittel in einer Welt, die eben nicht die beste aller möglichen ist. Dass bereits Voltaire in seinem Roman ihr Auseinanderfallen zelebriert hatte, dass schon Bernstein die Vorlage nutzte, um sich als Komponist in zahlreichen Paralleluniversen zu erproben, alles das wurde für die Berliner Inszenierung zur Steilvorlage. Sie zeigte einfach auf sich selbst und die schiere Masse ihrer Möglichkeiten. Selten sah man den Geist des Friedrichstadtpalastes mit solcher Verve in ein Opernhaus einziehen.

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