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Bernhards „Heldenplatz“ in Wien : Sanft tänzelt der alte Hass jetzt auf Krücken daher

  • -Aktualisiert am

Michael Degen gestaltet den Berufsbeleidiger und rettungslosen Österreicher Robert Schuster voll Sympathie neu Bild: dpa

Vor zweiundzwanzig Jahren machte Thomas Bernhards „Heldenplatz“ Skandal an der Burg, jetzt erfolgt in der Josefstadt der Friedensschluss. Der Dramatiker wird dabei zu einem Theatermacher, der er nie sein wollte.

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          Wie schnell die Zeit vergeht! Erst zweiundzwanzig Jahre ist es her, dass Thomas Bernhards „Heldenplatz“ einen der größten Theaterskandale unserer Zeit auslöste: Österreich in Bürgerkriegsstimmung, Misthaufen vor dem Entree, Polizeikordons, brodelnder Boulevard, Pfeiforgien im Parkett - alles nur wegen wüster Österreich-Beschimpfungen im Dramentext.

          Schnell ist Efeu über diesen Theatertriumph gewachsen. Das merkt man vor allem auf dem Grinzinger Friedhof, auf dem seit 1989 Thomas Bernhard liegt, seit 2007 sein „Heldenplatz“-Hauptdarsteller Wolfgang Gasser und seit ein paar Wochen unweit vom schlichten Bernhard-Grabkreuz auch der Verleger Hans Dichand, der seinerzeit die ungesund volksempfindliche Suppe des Burgtheaterhasses in der „Kronenzeitung“ am Köcheln hielt.

          Und nun? Da kommt der österreichische Bundespräsident, dienstlich wohnhaft am Heldenplatz, ganz privat, ganz bildungsbürgerlich herüber ins Theater in der Josefstadt, um sich die erste Neuinszenierung vom „Heldenplatz“ gemütlich aus der Loge anzuschauen und die Hasskanonaden gegen debile und nationalsozialistische Sozialdemokraten matt zu beklatschen.

          Sie können einem leidtun

          Thomas Bernhard hätte sich über so viel Theaterfrieden gewiss ganz furchtbar aufgeregt; ihm lag ja grade am Krawall, am Provozieren und am Sich-hinterher-drüber-Totlachen. Doch Philip Tiedemanns angenehm zurückhaltende Regie hat die Zeichen einer gewandelten Zeit erkannt und entlässt sorgsam die Luft aus dem Sujet der verbitterten jüdischen Familie, welche die Aufmärsche der hitlertreuen Riesenmehrheit 1938 am Heldenplatz nicht vergessen kann.

          Als Fensterbrett, aus dem sich der Professor Josef Schuster gerade auf besagten Heldenplatz gestürzt hat, dient im Stück ganz pragmatisch der schlimmste Abgrund: die Rampe zum Parkett. Und die Schimpfsuaden des Professorenbruders Robert, die damals halb Österreich wild gemacht hatten, untermalt die komödiantisch-versöhnliche Josefstadt mit sanften Menuettklängen: Wie Figuren in einer Spieluhr krankhafter Aufgeregtheit kreisen diese Menschen als Silhouetten um ihre Wiener Klaustrophobie, um ihre bösen Erinnerungen und um ihre ausweglose Hassliebe. Regen wir uns wirklich über sie auf? Nein. Sie tun uns leid, während sie auf gepackten Koffern sitzen, um wahlweise in ihr Verderben zu fliehen. Aufs Land, ins Irrenhaus, in die Ehe, in den Tod. Oder, schlimmer noch: ins Theater.

          Eine grazile Kunstfigur

          „Heldenplatz“ gehört zu den sorgsamer gebauten, weniger kaschperlnden Bühnenwerken Bernhards. Dass die ganze Schimpferei über den „Hochgebirgsstumpfsinn“, über siebeneinhalb Millionen debile Österreicher, über das faschistische Graz und über das rettungslos antisemitische und gewalttätige Wien, über die unfähigen Schauspieler am Burgtheater, über die Operettenclowns der Josefstadt, über die Idiotenbrühe der österreichischen Presse und nicht zuletzt über das „abgeschmackte Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ - dass all dies aus dem Mund eines zählebig verbitterten Schoa-Überlebenden kommt, der verkrüppelt auf den Tod wartet und seinem fidelen Hass „auf alles“ verbos die Schleusen öffnet, stand 1988 zwischen Waldheim und Unseld und Peymann nurmehr im Kleingedruckten. Ein Missverständnis.

          Michael Degen, der sich selbst als jüdisches Kind jahrelang vor den Nazis verstecken musste, gestaltet nun diesen Berufsbeleidiger und rettungslosen Österreicher Robert Schuster voll Sympathie neu: als grazile, auf ihren Krücken mal tänzerische, mal selbstverliebt hinfällige Kunstfigur. Ein etwas kühlerer Blick hat aus dem Provokateur Bernhard einen sanften Partezettelschreiber gemacht, der der sterbenden Generation der Vertriebenen, der zugrunde gerichteten Wiener Bürgerelite, samt ihren alten und frischen Toten sein grobianisches Kaddisch singt.

          Bernhard als zärtlicher Chronist einer hartleibig untergehenden Welt

          Und so sitzt um diesen imposanten, aber durchaus hinterhältigen und gar nicht geheuren Herrn Professor die ganze zerstörte Mischpoke beim Totenmahl auf gepackten Koffern. Von der Hässlichkeit der Gegenwart eingeholt und vom Tempo der Nachgeborenen überholt und vom Vergessen abgeholt, so wie die russischen Ex-Gutsbesitzer in Tschechows „Kirschgarten“. Die mehr oder weniger familienhasserfüllten Kurzauftritte des ungehobelten Siegfried Walther als Professorensohn, der verbissenen Gertraud Jesserer als Professorenwitwe, der zerquälten Elfriede Schüsseleder als Professorentochter oder des robusten Wolfgang Pampel als Professorenkollege geraten dabei zu Kabinettstückchen, die zeigen, wie man eigentlich nur dem Ungeschriebenen, zwischen die Zeilen Improvisierten bei Bernhard so etwas wie Psychologie abringen kann.

          Thomas Bernhard wird bei alldem zu einem Theatermacher, der er nie sein wollte: kein Massenaufwiegler und berechnender Hysteriker, sondern zärtlicher Chronist einer hartleibig untergehenden Welt. Am Ende tönen dann die Sprechchöre und Gesänge vom Heldenplatz mit sturem Crescendo ins Geschwätz auf der Bühne. Seit 1938 und für alle Zeit der Orgelton nicht nur Wiens, sondern ganz Europas. Wie langsam doch die Zeit vergeht!

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