https://www.faz.net/-gqz-99rp6

Berliner Theatertreffen : Wie frei ist das Theater noch?

  • -Aktualisiert am

Dann eben einfach „Beep“ machen: Szene aus der Leipziger Bühnenfassung des Romans „89/90“ von Peter Richter, der im Vorjahr zum Theatertreffen eingeladen war und zensiert wurde. Bild: Picture-Alliance

An diesem Freitag beginnt in Berlin das 55. Theatertreffen. Der Streit um das Schauspiel wird gerade so heftig geführt wie lange nicht. Identitätspolitik und Moralismus bedrohen das Fundament des Theaters. Ein Gastbeitrag.

          5 Min.

          Vor einiger Zeit gab der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan eine bemerkenswerte Begründung, warum für ihn Journalisten, die über Terroristen berichten oder sie interviewen, selber Terroristen sind. Er sagte: „Meines Erachtens ist der Journalist, der einen Terroristen interviewt, einer, der den Terroristen unterstützt, weil er weiß, dass diese Person ein Terrorist ist. Wenn Sie die Gedanken eines Terroristen in Ihrer Publikation abdrucken, was ist das dann? Das ist die Veröffentlichung des Terrorismus selbst.“

          Ein Rückgriff in die Theatergeschichte kann helfen, das Raffinement dieser Argumentation genauer zu begreifen. In Friedrich Schillers Drama „Maria Stuart“ tritt im letzten Akt ein Priester auf, der der katholischen Maria die letzte Beichte abnehmen soll. Dieser Auftritt löste bei seinen Zeitgenossen einige Irritationen aus. Darf ein Schauspieler einen Priester spielen, oder wird er durch die heiligen Worte selbst zu einem Priester und versündigen sich dann die Theaterzuschauer, wenn sie dieser heiligen Handlung als einem Schauspiel widerspruchslos zuschauen?

          In der Mitte des 20. Jahrhunderts kam für die Beschreibung dieses komplizierten Sachverhalts Hilfe aus den Sprachwissenschaften. John Austin erklärte bestimmte sprachliche Äußerungen zu „performativen Sprechakten“. Damit war gemeint, dass durch das Aussprechen eines Satzes eine Veränderung in der Realität hervorgerufen wird. Das berühmte Beispiel hierfür sind die Worte bei der Eheschließung. Nachdem sie ausgesprochen sind, hat sich das juristische Verhältnis der Liebenden geändert. Die heiligen Worte des Priesters gehören zu diesen performativen Sprechakten, und ihre verändernde Kraft ist an eine bestimmte Autorität des Sprechenden gebunden. Wenn irgendjemand sagt „Hiermit erkläre ich Sie zu Mann und Frau“, hat das keine Konsequenzen.

          Konflikt um die historische Sprache

          Die Verwirrung für den Theaterzuschauer der Vormoderne besteht also genau wie für den Präsidenten Erdogan darin, anzunehmen, dass bestimmte Aussagen in jedem Fall eine performative Wirkung hervorrufen, egal von wem sie in welcher Situation gesagt werden. Dieser magische Glaube ist auch im Deutschland unserer Zeit nicht unbekannt. Wer ein Hakenkreuz trägt, macht sich strafbar. Und ob dieses auch für eine Kunstaktion gilt, wurde im Theater Konstanz gerade anhand einer Aufführung von Taboris „Mein Kampf“ diskutiert. Zwischen der Allgemeingültigkeit der performativen Handlung und ihrer Kontextabhängigkeit gibt es also einen breiten Raum für Missverständnisse.

          Die digitale F.A.Z. PLUS
          F.A.Z. Edition

          Die digitale Ausgabe der F.A.Z., für alle Endgeräte optimiert und um multimediale Inhalte angereichert

          Mehr erfahren

          Seit einigen Jahren ist im Theater eine Wiederauflage des Schiller-Streites über die Realität gesprochener Worte zu verfolgen. Das Theater spielt Dramen aus seiner inzwischen 2500-jährigen Geschichte, und es ist offensichtlich, dass es hier zu großen Veränderungen in den Umgangsformen und Empfindlichkeiten gekommen ist. In der jüngsten Debatte wird nun gefordert, dass die historische Sprache nach den moralischen Maßstäben der Gegenwart beurteilt werden müsse. Vor allem an der Verwendung des Wortes „Neger“ entzündet sich dieser Konflikt immer wieder. Es gibt von Jean Genet das Drama „Les nègres“, es wird in Heiner Müllers „Der Auftrag“ benutzt und es gibt Gegenwartsdramatiker, die in ihren Stücken beispielsweise einen Neonazi das Wort aussprechen lassen.

          Beim letzten Berliner Theatertreffen 2017 war nun ein solches Stück, die Romanbearbeitung „89/90“ von Peter Richter, eingeladen. Nun ereignete es sich, dass die erste Vorstellung von „89/90“ gespielt werden konnte, vor der zweiten Vorstellung jedoch die Leitung des Festivals der Regisseurin und dem Ensemble mitteilte, dass das Wort „Neger“ nicht mehr auf der Bühne der Berliner Festspiele gesagt werden dürfe. Die Regisseurin reagierte auf diese Anordnung mit einem pragmatischen Einfall: Immer, wenn das verbotene Wort ausgesprochen werden müsste, sollte der Schauspieler stattdessen einen Beep-Ton machen.

          Die Freiheit des Schauspielens

          Die Begründung, die die Leitung des Theatertreffens seinerzeit vorbrachte, ähnelt auf verblüffende Weise der Logik von Erdogan. Ihre Argumentation ging folgendermaßen: Wenn das Wort „Neger“ ausgesprochen wird, dann wird die in diesem Wort enthaltene rassistische Beleidigung schwarzer Menschen wiederholt. Und für diese Wiederholung ist es egal, ob das Wort in der fiktiven Situation eines Dramas ausgesprochen wird und deutlich als Figurenaussage eines rassistischen Neonazis gekennzeichnet ist. Das Wort und seine Kraft zur Beleidigung sind stärker als jeder Kontext, und es kann nicht ausgeschlossen werden, dass ein Zuschauer sich dadurch gekränkt fühlen könnte. Oder in den knappen Worten von Erdogan: „Wenn Sie die Gedanken eines Terroristen abdrucken, ist das die Veröffentlichung des Terrorismus selbst.“

          Mit dieser Logik aus dem Besteckkasten der Zensur können offensichtlich Journalisten inhaftiert oder Worte von Bühnen verbannt werden. Dass diese Logik sich nicht in skurril anmutenden „Beeps“ erschöpft, sondern ihre Forderungen deutlich weiter treibt, zeigt die aktuelle Diskussion um das Fundament des Theaters.

          Die Schaubühne führte einst ein Stück auf, das „Regen in Neukölln“ hieß und in dem neben anderen typischen Bewohnern des Berliner Stadtteils auch ein türkischer Taxifahrer auftrat. Der wurde an der Schaubühne von Ernst Stötzner gespielt. Bei einem Publikumsgespräch wurde die Frage gestellt, ob es denn vertretbar sei, dass ein türkischer Taxifahrer von einem deutschen Schauspieler gespielt würde. Diese Frage trifft ins Zentrum des Theaters, indem sie die alte Frage aufwirft, wie es um die Freiheit des Schauspielens bestellt ist.

          Bruch zwischen den Milieus

          Unter der Überschrift der Identitätspolitik werden seit einiger Zeit immer neue Bruchlinien zwischen verschiedenen Milieus hervorgekehrt. Eine Stadt wie Berlin zerfällt unter einer solchen Perspektive in zahlreiche Communities. Einige von diesen verwenden die identitätspolitische Konstruktion und erklären sich selbst zu einer Gruppe, die benachteiligt wird und darum eine besondere Unterstützung erfahren muss. Eine dieser „affirmative Actions“ besteht darin, dass gefordert wird, die Rollen aus diesen Communitys auf der Bühne identitär korrekt zu besetzen: den türkischen Taxifahrer also mit einem türkischen Schauspieler und Othello mit einem schwarzen Schauspieler. Nicht gefordert wird hingegen, dass Hamlet von einem dänischen Schauspieler oder Macbeth von einem schottischen gespielt werden müsse.

          Nach dieser Logik soll sich die schauspielerische Mimesis also nur aus bestimmten Identitäten heraushalten. Man kann zwar den Othello noch spielen, auch wenn man selbst kein eifersüchtiger venezianischer General ist, aber die schwarze Haut muss echt sein; man kann einen türkischen Taxifahrer spielen, auch wenn man selber kein Taxifahrer ist, das „Türkische“ daran darf aber nicht gespielt werden. Der soziale und psychologische Gestus dürfen also noch gespielt werden, alle Darstellungen im Feld der Identitätspolitik sind moralisch verdächtig.

          Die Logik fundamentalistischer Weltanschauungen erlebt gerade in den aufgeklärten Gesellschaften ihre Wiederauferstehung und ist dabei, als Moralismus bis in die feinsten Verästelungen vorzudringen. Was wie eine skurrile Anekdote aus dem Theaterleben wirken mag, bestimmt immer öfter die Erregungskurven öffentlicher Debatten.

          Das Problem mit der Moral

          Die Moral scheint ein merkwürdiges Mittel der Kommunikation zu sein. Ihre Verwendung verschafft Vorteile, doch ihre Anwendung erzeugt auch Probleme, die sie selbst nicht mehr lösen kann. Eine einfache, aber sehr taugliche Definition von moralischer Kommunikation gibt Niklas Luhmann. Für ihn zeichnet sich moralische Kommunikation dadurch aus, dass in ihr Achtung oder Missachtung ausgedrückt werden. Die Achtung oder Missachtung betreffen den ganzen Menschen, weswegen sie zu den wirkungsvollsten sozialen Regulierungen gehören und ihrem Wesen nach leicht zum Streit führen. Darum wurde die Anwendung der Moral immer von der Ethik geprüft und eingehegt. Heute hat sich die Moral weitestgehend von dieser Reflexion befreit und feiert als Moralismus Triumphe.

          Da der Moralismus sich allein auf individuelle Empfindungen gründet, gehört er zu den schwierigsten Herausforderungen für die öffentliche Kommunikation. Seine äußeren Kennzeichen sind eine hohe Erregbarkeit, ein lautstarkes Auftreten und ein unbedingter Anspruch, recht zu haben. Wenn moralisiert wird, wird also nicht nur ein moralisches Urteil gesprochen, sondern es wird jedes andere Urteil zugleich als böse abgelehnt. Eine solche Verknüpfung zweier logischer Ebenen ist die Definition von Fundamentalismus. Wer fundamentalistisch glaubt, lehnt die Frage nach der Existenz seines Gottes als ketzerisch ab. Wer moralisiert, lehnt die kritische Frage nach den Bedingungen seines moralischen Urteils ab. Man empört sich über den anderen und dass er es gewagt hat, etwas Böses zu sagen. Man streitet dann nicht über die sachlichen Widersprüche, sondern darüber, ob jemand überhaupt berechtigt ist, eine solche Meinung haben zu dürfen. Die abschließende Antwort haben die totalitären Regime aller Zeiten gefunden, und die raffinierteste Vereinfachung hat Erdogan formuliert: Wer dem Bösen eine Bühne gibt, ist selbst böse.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          „March for Life“ : Gegen Abtreibungen, für Trump

          Donald Trump spricht als erster amerikanischer Präsident beim „Marsch für das Leben“, der jährlichen Demonstration der Gegner des geltenden Abtreibungsrechts. Die Aktivisten, von denen viele sonst Kliniken belagern, bereiten ihm einen warmen Empfang.

          Unternehmen in China : Coronavirus überall

          Deutsche Unternehmen sind über den Ausbruch in China alarmiert. Infizierte müssen sie bisher noch nicht beklagen, doch Notfallpläne liegen vor.

          Bundesliga-Titelrennen : Flick und seine Forderung an die Bayern

          Die Münchner kämpfen gegen einige Konkurrenten um den Titel. Vor dem Duell mit Schalke freut sich Hansi Flick über neue personelle Optionen. Eine schlechte Eigenschaft seines Teams hat ihn aber überrascht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.