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Berliner Theatertreffen : Wie frei ist das Theater noch?

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Dann eben einfach „Beep“ machen: Szene aus der Leipziger Bühnenfassung des Romans „89/90“ von Peter Richter, der im Vorjahr zum Theatertreffen eingeladen war und zensiert wurde. Bild: Picture-Alliance

An diesem Freitag beginnt in Berlin das 55. Theatertreffen. Der Streit um das Schauspiel wird gerade so heftig geführt wie lange nicht. Identitätspolitik und Moralismus bedrohen das Fundament des Theaters. Ein Gastbeitrag.

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          Vor einiger Zeit gab der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan eine bemerkenswerte Begründung, warum für ihn Journalisten, die über Terroristen berichten oder sie interviewen, selber Terroristen sind. Er sagte: „Meines Erachtens ist der Journalist, der einen Terroristen interviewt, einer, der den Terroristen unterstützt, weil er weiß, dass diese Person ein Terrorist ist. Wenn Sie die Gedanken eines Terroristen in Ihrer Publikation abdrucken, was ist das dann? Das ist die Veröffentlichung des Terrorismus selbst.“

          Ein Rückgriff in die Theatergeschichte kann helfen, das Raffinement dieser Argumentation genauer zu begreifen. In Friedrich Schillers Drama „Maria Stuart“ tritt im letzten Akt ein Priester auf, der der katholischen Maria die letzte Beichte abnehmen soll. Dieser Auftritt löste bei seinen Zeitgenossen einige Irritationen aus. Darf ein Schauspieler einen Priester spielen, oder wird er durch die heiligen Worte selbst zu einem Priester und versündigen sich dann die Theaterzuschauer, wenn sie dieser heiligen Handlung als einem Schauspiel widerspruchslos zuschauen?

          In der Mitte des 20. Jahrhunderts kam für die Beschreibung dieses komplizierten Sachverhalts Hilfe aus den Sprachwissenschaften. John Austin erklärte bestimmte sprachliche Äußerungen zu „performativen Sprechakten“. Damit war gemeint, dass durch das Aussprechen eines Satzes eine Veränderung in der Realität hervorgerufen wird. Das berühmte Beispiel hierfür sind die Worte bei der Eheschließung. Nachdem sie ausgesprochen sind, hat sich das juristische Verhältnis der Liebenden geändert. Die heiligen Worte des Priesters gehören zu diesen performativen Sprechakten, und ihre verändernde Kraft ist an eine bestimmte Autorität des Sprechenden gebunden. Wenn irgendjemand sagt „Hiermit erkläre ich Sie zu Mann und Frau“, hat das keine Konsequenzen.

          Konflikt um die historische Sprache

          Die Verwirrung für den Theaterzuschauer der Vormoderne besteht also genau wie für den Präsidenten Erdogan darin, anzunehmen, dass bestimmte Aussagen in jedem Fall eine performative Wirkung hervorrufen, egal von wem sie in welcher Situation gesagt werden. Dieser magische Glaube ist auch im Deutschland unserer Zeit nicht unbekannt. Wer ein Hakenkreuz trägt, macht sich strafbar. Und ob dieses auch für eine Kunstaktion gilt, wurde im Theater Konstanz gerade anhand einer Aufführung von Taboris „Mein Kampf“ diskutiert. Zwischen der Allgemeingültigkeit der performativen Handlung und ihrer Kontextabhängigkeit gibt es also einen breiten Raum für Missverständnisse.

          Seit einigen Jahren ist im Theater eine Wiederauflage des Schiller-Streites über die Realität gesprochener Worte zu verfolgen. Das Theater spielt Dramen aus seiner inzwischen 2500-jährigen Geschichte, und es ist offensichtlich, dass es hier zu großen Veränderungen in den Umgangsformen und Empfindlichkeiten gekommen ist. In der jüngsten Debatte wird nun gefordert, dass die historische Sprache nach den moralischen Maßstäben der Gegenwart beurteilt werden müsse. Vor allem an der Verwendung des Wortes „Neger“ entzündet sich dieser Konflikt immer wieder. Es gibt von Jean Genet das Drama „Les nègres“, es wird in Heiner Müllers „Der Auftrag“ benutzt und es gibt Gegenwartsdramatiker, die in ihren Stücken beispielsweise einen Neonazi das Wort aussprechen lassen.

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